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"Bio-CCS" – Wunderwaffe gegen CO₂

Die Kohleausstieg wird verzögert, der Klimaschutzplan verwässert, doch wenigstens fordert hierzulande noch niemand, den Klimaschutz aufzugeben. Die schlechte Nachricht ist: Technologien für "negative Emissionen" haben wieder Konjunktur. Der Weltklimarat steht vor der Entscheidung: Ja zu BECCS und Geo-Engineering?

Ein Standpunkt von Ann Kathrin Schneider

BildWenn, wie hierzulande, der Ausbau der Erneuerbaren ausgebremst und der Ausstieg aus der Kohleverstromung verschoben werden, haben wir zentrale Klimaschutzinstrumente aus der Hand gegeben. Klimaschutz wird so immer schwieriger.

Eine Konsequenz wäre, die internationalen Klimaziele aufzugeben und die katastrophalen Folgen des Klimawandels wie den Anstieg des Meeresspiegels, den Verlust von kleinen Inselstaaten und Millionenstädten an den Küsten, in Kauf zu nehmen.

Den Klimaschutz ad acta zu legen, dafür hat sich noch niemand ausgesprochen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist jedoch, dass eine Beschleunigung des Ausstiegs aus den Fossilen sowie des Ausbaus der Erneuerbaren nur noch ganz unten auf der Agenda steht.

Stattdessen haben sogenannte Negativ-Emissions-Technologien mehr und mehr Konjunktur – also Methoden, mit denen man angeblich große Mengen an klimaschädlichem CO2 aus der Atmosphäre ziehen kann.

Bei der Pariser Klimakonferenz war der IPCC, der Weltklimarat, aufgefordert worden, einen Bericht zu verfassen, wie die globale Erwärmung schneller aufgehalten werden könnte als bisher vorgesehen. In Paris hat sich die internationale Staatengemeinschaft bekanntlich darauf verständigt, dass schon ein Temperaturanstieg von zwei Grad mit katastrophalen Folgen für Ökosysteme und Millionen von Menschen einhergehen würde. Deshalb sollten alle dazu beitragen, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wie genau das funktionieren soll, weiß noch niemand. Der IPCC soll sagen, wie sich diese Lücke schließen lässt.

"Negative Emissionen" stehen hoch im Kurs

Mitte August haben sich deshalb Wissenschaftler aus aller Welt in Genf getroffen, um die Weichen für den IPCC-Sonderbericht zu den 1,5 Grad zu stellen. Bei den Vorbereitungen für den Bericht tobte ein erbitterter Streit: Soll der IPCC sich nur darauf konzentrieren, dass möglichst wenig CO2 in der Atmosphäre verbleibt? Oder ist es seine Aufgabe, Konsequenzen und Kosten der verschiedenen Klimaschutztechnologien zu bewerten? Geht es nur um möglichst wenig CO2-Emissionen oder auch um eine lebenswerte Zukunft? Wie stark werden im Bericht die "Negativemissions-Technologien" als Lösung für die drastische Klimaerwärmung präsentiert werden?

Im Gegensatz zu naheliegenden Klimaschutzinstrumenten wie dem schnellen Ausstieg aus der fossilen Verstromung und dem Energiesparen stehen die Technologien für negative Emissionen gerade hoch im Kurs. Und das nicht nur im Ausland, sondern auch bei uns: Der neue Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung enthält Verweise, dass Emissionen möglicherweise unterirdisch gespeichert werden müssten.

Besonders die Biomasseproduktion in großem Stil mit anschließender Speicherung von CO2 wird in den meisten Modellen als Wunderwaffe im Kampf gegen zu viele Emissionen gehandelt. Für "Bioenergie plus CCS" steht dabei das Kürzel BECCS. Dabei wird in einem Kraftwerk Biomasse verbrannt, um Strom zu erzeugen. Die dabei entstehenden CO2-Emissionen werden unterirdisch gespeichert.

Kritisch ist dabei zunächst, dass es das "Bio-CCS" bisher nur in der Theorie gibt. Nirgends auf der Welt wird Biomasse in großem Stil verbrannt und das entstehende CO2 gespeichert. Es existieren bisher nur ein paar kleine Raffinerien, in denen Ethanol verfeuert wird und deren Emissionen dann in den Untergrund verpresst werden. Es wird akzeptiert, dass dies keine wirklichen negativen Emissionen sind, weil weniger CO2 gespeichert wird, als beim Verbrennen entsteht.

Sinn großer Biomasse-Produktion ist fraglich

Unbeantwortet ist bei BECCS nicht nur die Frage, ob unterirdisch überhaupt so viel CO2 gespeichert werden kann, wie ausgestoßen wird. Völlig offen ist vor allem, ob es überhaupt Sinn macht, Biomasse in großem Stil anzupflanzen – und dabei notgedrungen Ökosysteme, landwirtschaftliche Flächen und natürliche CO2-Senken wie Moore und Wälder zu zerstören.

Denn schon jetzt befindet sich die Biomasseproduktion in direkter Konkurrenz mit dem Anbau von Lebensmitteln und dem Schutz von Ökosystemen. In Deutschland werden immer mehr Ackerflächen für den Anbau von Mais genutzt, der in Biogasanlagen verstromt wird. Seit 2006 hat sich der Flächenbedarf für den Biomasseanbau in Deutschland verdreifacht – und die Fläche für den Lebens- und Futtermittelanbau verringerte sich entsprechend.

BildMais gilt als wichtige Nahrungs- und Futterpflanze – sein Einsatz für die Biogaserzeugung und noch mehr zur CO2-Reduktion ist fragwürdig. (Foto: Schulze von Glaßer)

Der Maisanbau laugt die Böden aus und führt dazu, dass Wasser nicht mehr so gut aufgenommen werden kann. Gerade in Zeiten des Klimawandels, wo wir immer öfter mit Starkregen rechnen müssen, ist das nicht zu vernachlässigen.

Soll der Anbau von Biomasse ausgeweitet werden, müssten noch mehr Agrarflächen und geschützte Ökosysteme für die Erzeugung von Energierohstoffen geopfert werden. Je mehr Kapazitäten für Bioenergie geschaffen werden, desto unmöglicher wird es auch, den Bedarf mit Rest- und Abfallstoffen anstatt mit nachwachsenden Rohstoffen zu decken. Den Bedürfnissen der armen Hälfte der Menschheit nach Zugang zu günstigen Grundnahrungsmitteln und dem Kampf gegen den Verlust von Biodiversität läuft das auf jeden Fall zuwider.

Geo-Engineering auf der Agenda

Dabei ist BECCS nicht die einzige "neue" Antwort auf die Klimakrise, die nach der Pariser Klimakonferenz hoch im Kurs steht. Auch über andere Eingriffe ins Klimasystem – zusammengefasst unter dem Begriff Geo-Engineering – wird wieder heiß diskutiert. Die Verringerung der Sonneneinstrahlung auf die Erde hat ein Teil dieser Ideen zum Ziel. Reflektoren in der Wüste, spiegelnde Scheiben im erdnahen Weltraum oder Riesenspiegel zwischen Erde und Sonne sollen nach den Vorstellungen von Wissenschaftlern die Auswirkungen des Klimawandels auf unseren Planeten verringern.

Das Umweltbundesamt warnte schon 2011 davor, dass der Glaube an unerprobte Geo-Engineering-Maßnahmen dazu führen könnte, dass die Bekämpfung des Klimawandels durch Treibhausgasminderung vernachlässigt wird. Sehr kritisch äußerten sich in den letzten beiden Jahren die US-amerikanische Akademie der Wissenschaften sowie ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft und schließlich der Bundestag.

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Die unterirdische CO2-Speicherung kam bisher nicht über Testanlagen hinaus, wie hier am Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe in der Lausitz – inzwischen wieder stillgelegt. (Foto: Vattenfall
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Besorgt registrieren Klima- und Umweltschützer, dass solche risikoreichen, kostspieligen und unerprobten Technologien trotzdem immer stärker als zentrale Lösungen der akuten Klimakrise ins Feld geführt werden. Die sozialen und ökologischen Risiken dieser großflächigen Projekte zur Speicherung klimaschädlicher Gase oder zur Manipulation des Klimasystems werden zu wenig diskutiert.

Die Bedenken sind sehr konkret. Es steht zu befürchten, dass Wissenschaftler, die auf solche Risiken hinweisen, am geplanten IPCC-Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel zu wenig beteiligt sind. Gleichzeitig läuft in Deutschland im Zusammenhang mit dem Klimaschutzplan 2050 offensichtlich ein zweiter Versuch, die Verpressung von CO2 unter der Erde wieder ins Spiel zu bringen.

Der Umweltverband BUND und seine Bündnispartner haben sich vor und auf der Pariser Klimakonferenz für eine Verschärfung der globalen Temperaturgrenze auf 1,5 Grad eingesetzt. Es ist ein wichtiger Erfolg für die Menschen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, dass die internationale Gemeinschaft in Paris anerkannt hat, dass wir eine Erwärmung von mehr als 1,5 Grad verhindern müssen.

Den Erfolg von Paris in Politik übersetzen

Den Erfolg von Paris müssen wir nun in zukunftsweisende Politik übersetzen. Die 21. UN-Klimakonferenz hat uns allen vor Augen geführt, dass die bisherigen und geplanten Bestrebungen nicht ausreichen, um unseren Planeten vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels zu schützen. Wir brauchen daher eine Politik, die das gute Leben auch für künftige Generationen zum Ziel hat und besonders den Menschen nützt, die sich am wenigsten gegen die Folgen des Klimawandels absichern können.

Jetzt geht es darum, die zur Reduktion klimaschädlicher Gase diskutierten Lösungen wie Fossil-Ausstieg, Energiesparen, Agrarökologie oder die Renaturierung von Wäldern und Mooren genauso wie CCS und Geoengineering auf ihre sozialen und ökologischen Auswirkungen zu überprüfen. Gerade der IPCC-Sonderbericht muss Wege aufzeigen, die nicht nur zu weniger Treibhausgasen führen, sondern auch Armutsbekämpfung und Ressourcenschutz unterstützen.

BildHaben die Staaten in Paris zusammen mit dem 1,5-Grad-Ziel auch Geoenginnering hoffähig gemacht? (Foto: Susanne Götze)

Ann Kathrin Schneider leitet den Bereich Internationale Klimapolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Zuvor war sie bis 2011 für die Organisation International Rivers tätig. Dabei deckte sie auf, dass Großstaudämme, für die Tausende umgesiedelt werden, durch den Clean Development Mechanism (CDM) als klimafreundliche Projekte gefördert werden. Mit der Frage, ob Menschen vertrieben werden dürfen, damit Klimaprojekte CO2 einsparen, befasst sie sich schon länger. Schneider nahm an mehreren UN-Klimakonferenzen teil

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