"Der deutsche Raps ist unschuldig!"

Die EU-Kommission hat eine Studie zu indirekten Klimaeffekten von Agrokraftstoffen veröffentlicht. Statt nun alle Produzenten abzustrafen, sollte man die wirklichen Ursachen angehen: Produkte aus Indonesien müssen ausgeschlossen werden, bis die illegalen Regenwaldrodungen aufhören. Der mecklenburgische Rapsbauer hat damit nichts zu tun.

Ein Standpunkt von Elmar Baumann, Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie

BildDie Europäische Kommission hat kürzlich eine Studie zu Treibhausgas-Emissionen veröffentlicht, die vorgeblich auf indirekte Effekte in der Produktion von Biokraftstoffen* zurückgehen.

Aber: Die grundsätzlichen, systematischen und ungelösten Probleme der Bewertung von indirekten Effekten lösen auch die Autoren der neuen Studie mit ihren scheinbar genauen Berechnungen nicht.

Diese indirekten Effekte werden ILUC genannt, kurz für das englische "Indirect Land Use Change", zu Deutsch "indirekte Landnutzungsänderungen". Das Prinzip: Biokraftstoffe brauchen Ackerfläche. Es ist verboten, Pflanzen für Biodiesel und Bioethanol auf besonders schützenswerten Flächen anzubauen, etwa Regenwald dafür abzuholzen oder Torfmoore trockenzulegen. Folglich – so die Theorie – erfolgt der Anbau von Rohstoffen für Biokraftstoffe zumindest zum Teil auf bereits bestehenden Ackerflächen und verdrängt dort die bisherige Nutzung. Der Regenwald wird dann vielleicht unmittelbar für Lebensmittel abgeholzt, aber indirekt sind Biokraftstoffe die Ursache. Die so entstehenden Emissionen sollen den Biokraftstoffen als "ILUC-Faktoren" angerechnet werden.

Mit einer Studie zu ILUC hatte die Europäische Kommission die Beratungsfirmen Ecofys, IIASA und E4tech beauftragt, das Ergebnis ist jetzt mit sechs Monaten Verspätung da. Die Autoren riefen Wirtschaftsvertreter und Nichtregierungsorganisationen dazu auf, Anregungen und Daten für die Arbeit einzureichen. Damit haben die Autoren eine Reihe von Fehlern umgangen, die in Vorgängerstudien unterlaufen sind.

ILUC-Effekte nur in Südostasien

Sie gehen zum Beispiel davon aus, dass sich die verschiedenen Rohstoffe für Biodiesel sehr deutlich in ihren indirekten Effekten unterscheiden. Demnach schneidet Palmöl mit Abstand am schlechtesten ab, weil eine Ausweitung des Anbaus von Ölpalmen zu den höchsten Treibhausgas-Emissionen führt. Bemerkenswert ist außerdem, dass laut Studie die ILUC-Effekte gegen Null gehen, wenn Regenwaldrodung in Indonesien und Malaysia ausgeschlossen wird. Die deutsche Biokraftstoffindustrie fordert schon seit Beginn der ILUC-Debatte: Wer rodet, fliegt raus, wird also vom EU-Biokraftstoffmarkt ausgeschlossen.

Weiter über ILUC zu reden ist müßig. Die Idee hat nämlich einige grundsätzliche Probleme.

Erstens: Befürworter und Gegner der ILUC-Theorie sind sich einig: ILUC lässt sich nicht messen. Deshalb muss das Ausmaß des Effekts anhand von Modellen ermittelt werden. Als Grundlage der Modellberechnung verwenden Wissenschaftler Preissignale: Steigt der Preis eines Produkts, dann wird die Herstellung attraktiver, sodass mehr davon produziert wird. Infolge der Biokraftstoffproduktion werden steigende Agrarpreise unterstellt. In den ILUC-Studien wird nun angenommen, dass die zunehmende Produktion zu großen Teilen auf neuen Flächen erfolgt, die im schlimmsten Fall durch Rodung von Regenwald gewonnen werden.

Die Ergebnisse der ILUC-Berechnung sind maßgeblich von den Daten abhängig, die man in das Modell eingibt. Sie bilden nicht notwendigerweise die Realität ab. Agrarpreise zum Beispiel sind von vielen Faktoren beeinflusst: Wetter, Ölpreis, Lagerbestände, Transportkosten. Biokraftstoffe spielen nur eine untergeordnete Rolle.

So fielen die Weltagrarpreise seit dem Jahr 2014, obwohl weltweit die Produktion von Biokraftstoffen anstieg. Längst sorgen sich die Landwirte um ihr Einkommen. Gleichwohl wollen die ILUC-Befürworter anhand von Preismodellen den mecklenburgischen Rapsbauern dafür verantwortlich machen, dass in Indonesien Regenwald gerodet wird. Ein Beispiel für die Unwägbarkeiten der Preisvorhersage: Wer hätte vor einem Jahr vorausgesagt, dass der Ölpreis auf unter 40 US-Dollar pro Barrel sinken wird?

Zweitens: Es müsste die Regel "ILUC für alle oder ILUC für keinen" gelten. Wenn ILUC-Faktoren nur auf eine Produktkategorie, nämlich Biokraftstoffe, angewandt werden, dann ist das willkürlich, inkonsistent und nicht schlüssig.

Drittens: Sollen indirekte Effekte berücksichtigt werden, dann muss dies auch für fossile Energie gelten. Rechnet man beim Erdöl die Emissionen durch den militärischen Schutz für die Erdölquellen im Nahen Osten hinzu, so erhöht sich die Treibhausgasintensität mineralölbasierter Kraftstoffe aus dieser Region um etwa das Doppelte. Bisher werden selbst direkte Emissionen der Erdölförderung völlig vernachlässigt. So kann das Abfackeln und Ablassen von Methan und anderen Begleitgasen bis zu fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verursachen. Diese Emissionen werden bisher nicht berücksichtigt, was einen fairen Vergleich mit Biokraftstoffen verhindert. Auf dem fossilen Auge sind EU-Kommission, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen offenbar blind.

Viertens: Abenteuerlich ist die Annahme, eine EU-Regulierung mittels ILUC-Faktoren habe irgendeinen Einfluss auf die Regenwaldrodung in Indonesien: Indonesien verstößt bekanntermaßen seit Jahren gegen die eigenen Waldschutzgesetze. Die EU-Kommission schreckt aber vor einem Ausschluss indonesischer Ware zurück, sodass die Klimaschutzziele der EU weiter mit Palmöl aus Indonesien erfüllt werden dürfen.

BildWer Raps in Deutschland anbaut, darf nicht für die Klimaschäden von indonesischen Regenwald-Abholzern bestraft werden, findet Elmar Baumann. (Foto: Schulze von Glaßer; Porträtfoto Elmar Baumann: Die Hoffotografen/VDB)

Der studierte Biotechnologie- und Wirtschaftsingenieur Elmar Baumann ist seit 2009 Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). Im VDB haben sich größere Hersteller von Agrokraftstoffen organisiert, darunter ADM, Cargill, Evonik und Verbio. Die Mitglieder repräsentieren nach Verbandsangaben 60 Prozent der inländischen Produktion.

* Anmerkung der Redaktion: Bezeichnungen wie "Biokraftstoffe" oder "Biodiesel" in diesem Beitrag weichen vom Redaktionsstandard ab. Weil die Energiepflanzen fast nie aus biologischem Anbau kommen, werden die daraus hergestellten Treibstoffe bei klimaretter.info ausschließlich Agrokraftstoffe genannt.

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