Erdgas kann Erneuerbare verdrängen

Die Treibhausgas-Emissionen von Erdgas sind geringer als die der Kohle, dennoch ist der oft bevorzugte Brennstoff kein klimafreundlicher Ersatz. Zudem erschwert billiges Erdgas das Wachstum der erneuerbaren Energien.

Ein Standpunkt von Laura Weis, Powershift

BildDie fossilen Brennstoffe müssen größtenteils im Boden bleiben, wenn eine Chance bestehen soll, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Nur wenige Wochen, nachdem dieses Ziel auf der Weltklimakonferenz in Paris feierlich beschlossen wurde, gab die EU-Kommission nun 217 Millionen Euro für den Ausbau der Gasinfrastruktur frei. Wie passt das zusammen? Eigentlich gar nicht. Denn schaut man genauer hin, ist Erdgas weder ein klimafreundlicher Ersatz für Kohle noch uneingeschränkter Partner beim Ausbau der erneuerbaren Energien.

Auch der derzeitige Schiefergasboom in den USA trägt nicht – wie oft behauptet – zum Klimaschutz bei, sondern verhindert den raschen Umstieg auf erneuerbare Energien und Fortschritte bei der Energieeffizienz. Dennoch wird Erdgas immer wieder als klimafreundlichster fossiler Energieträger und "idealer Partner" der erneuerbaren Energien bezeichnet – nicht nur von der Gasindustrie. Gerade im Energiewende- und Kohleland Deutschland wird diese Erzählung kaum kritisch hinterfragt, obwohl es dafür gute Gründe gibt.

Kein klimafreundlicher Ersatz für Kohle

Aus zwei Gründen geht die auf den ersten Blick plausibel scheinende Gleichung "Gas ist weniger klimaschädlich als Kohle" nicht auf: Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die CO2-Emissionen von Erdgas in der Tat deutlich geringer sind als die von Kohle und Öl. Was jedoch in kaum einer Statistik berücksichtigt wird, sind die Methanemissionen, die bei Förderung und Transport von Erdgas anfallen. Der Brennstoff besteht aus Methan, einem Gas, das bis zu 36-mal klimaschädlicher ist als CO2. Das bedeutet, dass bereits sehr geringe Mengen des Treibhausgases großen Schaden anrichten. Berechnungen von Food and Water Watch zufolge hat Gas, wenn nur ein Anteil von 2,8 Prozent unverbrannt in die Atmosphäre entweicht, auf 20 Jahre gerechnet eine schlechtere Klimabilanz als Kohle.

Genau das passiert derzeit in großem Maßstab in Kalifornien: Dort strömen seit Oktober riesige Mengen Methan aus einem unterirdischen Gasspeicher an die Oberfläche. Anfang Januar rief der US-Bundesstaat den Notstand aus, über 2.000 Haushalte mussten evakuiert werden. Nach Angaben der Betreiberfirma Southern California Gas werden die Reparaturarbeiten noch bis März andauern. Doch auch ohne derartige Unfälle liegen die Leckageraten bei der Gasförderung nach Schätzungen von Food and Water Watch, einer unabhängigen Verbraucherorganisation, deutlich über der Marke von 2,8 Prozent. Das gilt besonders für gefracktes Gas.

Fracking-Boom in USA bringt für den Klimaschutz nichts

Einen weiteren Grund, warum Gas auch dann nicht zum Klimaschutz beiträgt, wenn dadurch Kohle ersetzt wird, liefert eine 2014 erschienene Studie über die Auswirkungen der Erdgasnutzung auf den Klimawandel. Darin wird anhand verschiedener Modelle errechnet, dass eine weltweite Ausweitung der Gasnutzung infolge des Schiefergasbooms keine relevanten Klimaschutzeffekte hätte. Ein Grund dafür ist, dass Gas nicht nur die Kohle aus dem Energiemix verdrängt, sondern auch CO2-freie Alternativen wie erneuerbare Energien. Da Gas keine wesentlich geringeren CO2-Emissionen aufweist als der durchschnittliche globale Energiemix, wären die Einspareffekte im besten Fall äußerst gering.

BildGefracktes Schiefergas hat die Klimabilanz der USA nur unwesentlich verbessert. (Foto: Tim Evanson/Flickr)

Das widerspricht der oft geäußerten Annahme, dass die in den USA gesunkenen CO2-Emissionen auf den höheren Anteil von Erdgas im Energiemix zurückzuführen sind. Einen empirischen Beleg liefert die Studie "Drivers of the US CO2 emissions 1997–2013". Darin wird gezeigt, dass die infolge des Schiefergasbooms auf einen Anteil von elf Prozent gestiegene Nutzung von Gas einen nur vergleichsweise geringen Anteil am Rückgang der CO2-Emissionen zwischen 2007 und 2013 in den USA hatte. Der wichtigste Grund für den Rückgang der Emissionen war vielmehr die wirtschaftliche Rezession in der Folge der Finanzkrise.

Unkonventionelle Vorkommen müssen im Boden bleiben

Wenn überhaupt noch eine Chance bestehen soll, den Klimawandel auf zwei oder gar 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, müssen 80 Prozent der bekannten globalen Reserven an fossilen Energieträgern unter der Erde bleiben. Das Erschließen zusätzlicher Vorkommen mithilfe von Fracking oder Offshore-Bohrungen in der Arktis laufen diesem Ziel zuwider. Das hydraulische Aufbrechen von Gesteinen in Kombination mit horizontalen Bohrungen macht es seit Beginn des Jahrtausends möglich, Öl- und Gasvorkommen aus Schiefergestein und anderen unkonventionellen Lagerstätten zu fördern. Die weltweiten Vorkommen an technisch und wirtschaftlich förderbaren fossilen Energieträgern haben sich dadurch deutlich erhöht.

In den USA hat der Fracking-Boom dazu geführt, dass das nordamerikanische Land zum weltweit größten Produzenten von Öl und Gas aufsteigen konnte. Aus Klimaschutzperspektive ist diese Entwicklung zweischneidig: Zwar führt der niedrige Ölpreis dazu, dass sich Investoren aus extrem teuren und klimaschädlichen Projekten wie der Förderung von Teersanden zunehmend zurückziehen. Eine Garantie, dass diese Ressourcen auch dann im Boden bleiben, wenn der Ölpreis wieder steigt, gibt es jedoch nicht. Gleichzeitig verringert sich der Anreiz, Energie einzusparen oder in den Ausbau der erneuerbaren Energien zu investieren.

Erdgas: Mehr Konkurrent als Partner der Erneuerbaren

Wo Erdgas als klimafreundlicher Energieträger gepriesen wird, ist üblicherweise der Verweis auf die gute Kompatibilität mit erneuerbaren Energien nicht weit. Das ist auch nicht falsch. In der Tat sind moderne Gaskraftwerke besser dazu geeignet, die Schwankungen in der Erzeugung der Erneuerbaren aufzufangen als Kohlekraftwerke. Während diese darauf ausgelegt sind, eine gleichbleibende Menge Strom zu produzieren, können Gaskraftwerke relativ flexibel zugeschaltet werden, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, denn Gas konkurriert bereits heute mit den erneuerbaren Energien um einen Platz im Energiemix der Zukunft. Dieser Kampf wird sowohl auf ökonomischem als auch auf politischem Parkett ausgetragen. Zum einen verringern niedrige Energiepreise für fossile Brennstoffe die ökonomischen Anreize für den Ausbau der erneuerbaren Energien und das Einsparen von Energie.

Auf politischem Parkett wird dieser Konkurrenzkampf auf EU-Ebene besonders deutlich: Trotz einer seit 2010 sinkenden Gasnachfrage in Europa soll die Gas-Infrastruktur in Form von Pipelines und LNG-Terminals ausgebaut werden. Darüber soll auch mehr Fracking-Gas in die EU gelangen.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielen bei dieser Art von Entscheidungen die Lobbyistinnen und Lobbyisten der Öl- und Gasindustrie in Brüssel, wie Recherchen der britischen Zeitung The Guardian belegen. Vor etwas mehr als einem Jahr trugen BP, Shell, Statoil, Total und Co ihren Teil dazu bei, die Festlegung verbindlicher nationaler Ziele zum Ausbau der Erneuerbaren und zur Steigerung der Energieeffizienz für die Zeit nach 2020 zu kippen. EU-Subventionen für saubere Technologien wird es schon ab 2017 kaum noch geben.

Öl- und Gaskonzerne spielen Klimaschützer

Trotz dieser Breitseite gegen die erneuerbaren Energien unterwandern Konzerne wie Total, Wintershall und Shell derzeit massiv die Interessenverbände der Erneuerbaren-Branche, sowohl auf EU-Ebene als auch in Deutschland. Im Vorfeld der Klimakonferenz COP 21 in Paris stilisierte sich die Öl- und Gasindustrie zudem zum Wohltäter für das Klima. In einem Brief an die Generalsekretärin der UN-Klimakonvention, Christiana Figueres, drückten die sechs größten europäischen Öl- und Gaskonzerne ihre Sorge "über die Herausforderung – und die Bedrohung – durch den Klimawandel" aus.

Dass hier Wasser gepredigt und Wein getrunken wird, zeigt eine Studie von Influence Map, einer unabhängigen Organisation, die den Lobbyeinfluss auf die Klimapolitik  beobachtet. Wenn es in der Vergangenheit um konkrete Maßnahmen zur Einführung eines CO2-Preises ging, so die Studie, zeichneten sich führende Unternehmen der Branche nicht gerade durch große Unterstützung aus.

Verwunderlich ist das nicht. Denn wer mit Kohle, Öl und Gas Geld verdienen will, kann unmöglich gleichzeitig das Klima schützen. Ähnliches gilt für politische Entscheidungsträger, die die fossile Industrie dabei mit Investitionen in Infrastruktur und Forschung unterstützen. Das betrifft nicht nur Öl und Kohle, sondern auch das angeblich so klimafreundliche Erdgas.

BildErdgasförderung im westsibirischen Jamburg: Das Gasfeld ist das drittgrößte der Welt. (Foto: Gazprom)

Die Politik- und Sozialwissenschaftlerin Laura Weis ist Referentin für Klima- und Ressourcengerechtigkeit bei der Nichtregierungsorganisation Powershift. Sie arbeitet vor allem zu Kohle und Fracking

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