Von der Strom- zur Energiewende

Die Bürger tragen die Energiewende mit – wenn sie davon profitieren: durch verlässlichen und günstigen Strombezug, Beteiligungsmöglichkeiten an neuen Anlagen und lokale Wertschöpfung. Die Transformation ermöglicht die Modernisierung der Volkswirtschaft und die Stärkung strukturschwacher Regionen. Nötig sind jetzt konkrete Schritte gegen die verdeckten Interessen, die eine dezentrale Energiewende verhindern wollen.

Ein Standpunkt von Josef Göppel (CSU) und Klaus Mindrup (SPD), Bundestagsabgeordnete

BildDer Atomausstieg in Deutschland beruht auf einem breiten politischen Konsens – auch als Folge der Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass es diesen Konsens ohne diese Katastrophen nicht gegeben hätte. Der Mythos von der "billigen und sicheren Atomenergie" hat sich viel zu lange gehalten. Allein die Endlagerung wird uns noch teuer zu stehen kommen.

BildDer breite gesellschaftliche Konsens, den wir beim Atomausstieg erreicht haben, ist beim Klimaschutz noch lange nicht erreicht. Unser Wohlstand basiert, wie fast überall auf der Welt, zu einem großen Teil auf Verbrennungsprozessen, die Kohlendioxid emittieren. Hier müssen wir in den nächsten zwei Jahrzehnten vorankommen, um die Klimakatastrophe zu vermeiden.

Grundlage dafür ist der in Paris beschlossene Weltklimavertrag. Trotz vieler Krisen und Kriege stimmten 195 Staaten letztlich dem Abkommen zu, das die Abkehr von Kohle, Gas und Erdöl vorsieht, den Übergang auf erneuerbare Energien und große Aufforstungsprogramme. Finanzanleger und wirtschaftliche Investoren werden sich mehr und mehr daran ausrichten. Das entfaltet eine langfristige Schubkraft mit neuen Chancen für Deutschland.

Trittbrettfahrer gefährden die Energiewende

Trittbrettfahrer gefährden aber auch in Deutschland einen breiten gesellschaftlichen Konsens zum Klimaschutz. Hier sind die Anhänger der Atomkraft zu nennen, die in Großbritannien eine skandalöse Subvention für das geplante Atomkraftwerk Hinkley Point erstritten haben. Dazu gehören aber auch die "Entmieter" in Ballungsgebieten, die energetische Sanierungen vorschieben, um dann die Häuser in Eigentumswohnungen aufzuteilen, die sie teuer verkaufen können – Spekulanten als Umweltschützer getarnt.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien und eine einhergehende Verbesserung der Energieeffizienz sind der richtige Weg zur Dekarbonisierung. Um die notwendige Akzeptanz für den Klimaschutz zu gewährleisten, müssen wirtschaftliche Maßnahmen Vorrang haben.

Bei energetischen Sanierungen von Wohnhäusern muss die "energetische Mietenneutralität" das Ziel sein.  Die Gesamtbelastung durch Kaltmiete, Heiz- und Trinkwasser sowie Strom sollte nicht steigen. Damit dies möglich ist, muss die steuerliche Diskriminierung von Wohnungsbaugesellschaften, die neben Wärme auch Strom erzeugen, dringend beendet werden. Zum Schutz der Mieter könnte vom Gesetzgeber beispielsweise eine Stromkostenverordnung, analog zur Heizkostenverordnung, erlassen werden.

Dezentral und in Bürgerhand

Deutschland ist beim Ausbau der erneuerbaren Energien nur in der Stromerzeugung Vorreiter. Bei Wärme, Kälte und Transport weisen andere Staaten den Weg. Ein Drittel des Stroms kommt in Deutschland aus erneuerbaren Quellen. Die Hälfte dieser neuen Erzeugungsleistung ist in Bürgerhand! Die Energiewende in Deutschland ist somit in erster Linie eine "Stromwende". Die wurde allerdings hart erkämpft und ist zu einem großen Teil das Ergebnis einer "Graswurzelbewegung" von unten. Die großen Stromkonzerne wurden von dieser Entwicklung überrascht. Jahrzehntelang haben sie gegen den Ausbau der Erneuerbaren angekämpft und dadurch selber den Einstieg verpasst.

Wenn die Menschen den weiteren Ausbau mittragen sollen, müssen sie davon profitieren: durch einen verlässlichen und günstigen Strombezug, Beteiligungsmöglichkeiten an neuen Anlagen und zusätzliche lokale Wertschöpfung. Die Transformation bietet erhebliche Chancen zur Modernisierung der Volkswirtschaft und Stärkung der Binnenkonjunktur, vor allem für strukturschwache Regionen, wenn eine Begleitung durch zielgenaue Förderung erfolgt. Dass dies keine Utopie ist, zeigt das Beispiel der Innovation City Bottrop. Hier kann man exemplarisch beobachten, wie Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und ein modernes Quartier zusammengebracht werden können.

Wir wollen die dezentrale Energiewende in Bürgerhand. Das minimiert auch die volkswirtschaftlichen Kosten der Energiewende. Der Verband der Elektrotechnik (VDE) hat dies kürzlich in der Studie "Der zellulare Ansatz" ganz nüchtern berechnet: Es ist volkswirtschaftlich am günstigsten, wenn jede Region ihr erneuerbares Potenzial selbst nutzt und nur Überschüsse ausgetauscht werden.

Regionale Stromvermarktung bringt als Ergänzung zum zentralen Markt volkswirtschaftliche Vorteile:

  1. Der regionale Abgleich von Stromerzeugung und Nachfrage entlastet die vorgelagerten Netze.

  2. Regionale Vermarktungsmodelle fördern als freiwillige Kaufentscheidung für Strom aus der eigenen Region die Akzeptanz der Energiewende.

  3. Die regionale Stromvermarktung fördert die schnellere Integration fluktuierender Erzeugung aus erneuerbaren Energien in den Markt.

  4. Die Verknüpfung des Stromsektors mit Wärme und Mobilität kann nur regional gelingen.

Die Regierungsfraktionen haben deshalb bereits im EEG 2014 im parlamentarischen Verfahren eine Verordnungsermächtigung zur regionalen Vermarktung von erneuerbarem Strom durchgesetzt. Das Bundeswirtschaftsministerium verzögert die Vorlage eines Entwurfs seit über einem Jahr. Deshalb setzen wir uns mit Nachdruck für die rasche Umsetzung einer Herkunftskennzeichnung für EEG-Strom ein.

BildRegionale Wertschöpfung: Ökostrom am besten direkt vom Dach, ob Eigenheim oder Mietshaus. Hier im Heidelberger Stadtteil Neuenheim. (Foto: 4028mdk09/Wikimedia Commons)

Mit der Einführung von Ausschreibungen im EEG wird sich die Situation für die Anlagen in Bürgerhand völlig neu darstellen. Die Stromerzeugung wird nicht einfacher, sondern bürokratischer, sie wird auch nicht billiger, sondern teurer. Die breite Beteiligung an der Energieerzeugung ist in ernster Gefahr. Die Ergebnisse der Pilotausschreibungen für die Photovoltaik belegen dies. Will das Bundeswirtschaftsministerium die Stromversorgung wieder in die Hände der "alten Profis" führen?

Selbst die EU-Wettbewerbskommissarin Margarethe Vestager schreibt in einem Brief vom 12. Februar 2015 an deutsche Bundestagsabgeordnete: "Kleinere Projekte, die eine gewichtige Rolle beim Umbau der Energieversorgung spielen, befinden sich in einer besonderen Lage. Ausschreibungen sind möglicherweise nicht das richtige Instrument für kleine Projektträger." Auch aus Sicht der EU-Kommission besteht also bei der Einführung von Ausschreibungen die Gefahr der Verdrängung kleiner und mittlerer Akteure. Gerade diese lokal verankerten Unternehmen sind für die Akzeptanz der Energiewende unabdingbar.

Ebenso bedeutsam sind Bürgerbeteiligungen auch, um die Finanzierung der Energiewende sicherzustellen. In den europäischen Nachbarländern ist – anders als in Deutschland – kein vergleichbar ideenreicher und lebendiger Mittelstand im Energiebereich entstanden. Kleinere und mittlere Akteure, wie mittelständische Projektierer und Bürgerenergiegesellschaften, können bei Ausschreibungen das Risiko eines Nichtzuschlags nicht streuen.

Dieses Problem kann nicht allein durch eine "nette Beratung" behoben werden. Fehler im Ausschreibungsdesign können irreparable Schaden anrichten. Der Bundesrat hat deshalb am 6. November beschlossen: "Der Bundesrat fordert die Bundesregierung auf, die De-minimis-Regelung der Umwelt- und Energiebeihilfeleitlinien in den Regierungsentwurf zum EEG 2016 aufzunehmen. Alle rechtlich möglichen Maßnahmen sind zu ergreifen und zu nutzen, um die bisher für den Erfolg der Energiewende notwendige Akteursvielfalt aufrechtzuerhalten."

Für Photovoltaikanlagen unterstützen wir den Vorschlag des Bundeswirtschaftsministeriums, die EU-Freigrenze von einem Megawatt voll auszuschöpfen. Wir fordern wie der Bundesrat, auch die Freigrenze von sechs Anlagen bei der Windkraft an Land zu nutzen. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum europäische Vorgaben sonst immer eins zu eins umgesetzt werden sollen, aber an einer zentralen Stelle die ausdrückliche Empfehlung der EU-Kommission in den Wind geschlagen wird!

Für Biogasanlagen muss rasch eine Anschlussregelung für den Weiterbetrieb von Anlagen nach dem Auslaufen der EEG-Förderung gefunden werden. Biogasanlagenbetreiber wollen ihre Anlagen systemdienlich betreiben und umrüsten. Das ist mit zusätzlichen Investitionen verbunden. Ohne klare Rahmenbedingungen nach dem Auslaufen der EEG-Förderung fehlt die Investitionssicherheit. Deshalb sollten neben neuen auch bestehende Biogasanlagen an Ausschreibungen teilnehmen können, wenn sie auf eine flexible Fahrweise umrüsten. Für Kleinstanlagen und Bioabfallanlagen sollen die Bedingungen des EEG 2014 weitergelten.

Die Einbeziehung von Bestandsanlagen bietet die Chance, die EEG-Kosten zu senken und gleichzeitig Biogasanlagen gezielt als systemdienliches Element der Energiewende zu stärken. Biogasanlagen müssen künftig neben Ausgleichsenergie auch Systemdienstleistungen wie Frequenzhaltung oder Schwarzstartfähigkeit bereitstellen.

Eine Strategie für den Erneuerbaren-Ausbau

Namhafte Forschungsinstitute schlagen folgende Strategie für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien vor:

  1. Zielgerichteter Ausbau der Windkraft an Land um 5.000 Megawatt pro Jahr – klug verteilt über alle Regionen. Das gelingt mit einer breiten Beteiligung von Bürgern, Städten und Gemeinden.

  1. Ausbau der Photovoltaik – hier geht es zu 90 Prozent um die gebäudeintegrierte Photovoltaik und die Nutzung des Stroms vor Ort, auch durch die Direktvermarktung an Mieterinnen und Mieter.

BildErneuerbare Energien: Ausbauszenario bis 2050. (Grafik: Henning/Palzer: Was kostet die Energiewende? Fraunhofer ISE 2015)

  1. Intelligente Steuerung und Speicher sind wichtig für das Gesamtsystem. Eine Doppelbelastung mit Steuern und Abgaben darf die Flexibilisierung nicht behindern. "Der Betrieb von Hausspeichern ist dann günstig, wenn er nicht ausschließlich der Eigenverbrauchsoptimierung dient, sondern netz- oder systemdienlich stattfindet", heißt es dazu bei Agora Energiewende. "Ein Speicherbetrieb ist netzdienlich, wenn er aktiv zu einem reibungslosen und stabilen Netzbetrieb beiträgt. Solche Beiträge können die Bereitstellung die EU-Freigrenze beinhalten, ebenso wie die Spannungshaltung oder den Versorgungswiederaufbau."

  2. Die alleinige Konzentration auf den Ausbau der Übertragungsnetze muss beendet werden. Erneuerbare und Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) finden vor allem auf der Verteilnetzebene statt. Hier brauchen wir gute Lösungen vom regelbaren Ortsnetztrafo bis hin zu virtuellen Kraftwerken. Dies zeigt auch das Konzept des zellulären Ansatzes des VDE. Es geht nicht mehr nur um die Erzielung von Einnahmen durch das EEG und eine Vermarktung an der Börse, es geht um den Abgleich von Erzeugen und Verbrauchen in der kleinstmöglichen Zelle.

  3. Die neue Arealnetz-Regelung im KWK-Gesetz muss nun auch auf das EEG übertragen werden, damit Mieter und gewerbliche Abnehmer von den erneuerbaren Energien endlich ebenso profitieren können wie Hauseigentümer. Besonders wichtig ist dabei die Verknüpfung von Stromsektor und erneuerbarer Wärme.

  4. Diese Maßnahmen müssen verbunden werden mit weiteren Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz. Projekte wie Innovation City in Bottrop zeigen, dass dies auch sozialverträglich möglich ist. Hier bedarf es allerdings einer gründlichen Planung. Wir benötigen energetische Flächennutzungspläne und energetische Sanierungsgebiete. Nur so werden eine breite Umsetzung und eine hohe Effizienz der Maßnahmen sichergestellt.

Über auskömmliche Marktpreise reden

Wir müssen Mythen überwinden. Das zeigt die EEG-Umlage. Seit der Strom nicht mehr physikalisch an die Vertriebe weitergegeben wird, sondern an der Börse vermarktet wird, steigt die EEG-Umlage rasant. Die Zahlungen aus der EEG-Umlage an die Anlagenbetreiber stagnieren aber seit 2011! Die Umlage steigt also nur, weil der Strompreis am Spotmarkt der Strombörse EEX seit Jahren sinkt!

BildDie Energiewende wird teurer gemacht, als sie sein müsste (Grafik vergrößern): Die Einzahlungen der Stromkunden wachsen rasant, während die Auszahlungen an die Anlagenbetreiber stagnieren. (Grafik: Eva Stegen und Tina Ternus/Bund der Energieverbraucher; Quelle: Übertragungsnetzbetreiber)

Über diesen Zusammenhang gibt es aber so gut wie keine politische Diskussion. Dabei gibt es hier mehrere Aspekte, die zu beachten sind:

  1. Kein Unternehmen kann für drei Cent pro Kilowattstunde nachhaltig und wirtschaftlich Strom erzeugen. Eine Ökonomie, bei der sich nur der Handel und nicht die Produktion lohnt, kann nur kurzfristig funktionieren, es besteht die latente Gefahr von Systembrüchen.

  2. Für die Vermarkter des Grünstroms aus EEG-Anlagen am Strommarkt gibt es im jetzigen System keinen Anreiz, hohe Preise in der Vermarktung zu erzielen, lediglich negative Strompreise müssen vermieden werden.

  3. Von den niedrigen Börsenstrompreisen sind besonders die modernen Gaskraftwerke betroffen, die in den letzten Jahren – auch auf Wunsch der Bundespolitik – neu gebaut wurden. Diese politische Fehlsteuerung muss im Strommarktgesetz behoben werden.

Anstatt ständig über die EEG-Umlage zu diskutieren, sollten wir diskutieren, wie auskömmliche Marktpreise für Strom aus erneuerbaren Quellen und Kraft-Wärme-Kopplung erreicht werden können. Das gelingt nur mit einem angemessenen Preis für Treibhausgasemissionen. Wenn die Reform des europäischen Emissionshandels keine deutlich steigenden Preise erreicht, müssen nationale Instrumente wie eine direkte Kohlenstoffbepreisung eingeführt werden.

Josef Göppel (CSU; Foto oben) ist Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Umweltausschuss des Deutschen Bundestages, Klaus Mindrup (SPD) ist Mitglied des Umweltausschusses. Beide treten schon lange für eine rasche, dezentrale und bürgernahe Energiewende ein

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