"Es fehlt ein echter Kostenindikator"

Vermutlich wird die EEG-Umlage im kommenden Jahr erneut steigen und so für Aufregung sorgen. Wird die Energiewende etwa zu teuer? Die Diskussion ist völlig fehlgeleitet, denn die Umlage sagt nichts darüber aus, wie viel der Ausbau von Erneuerbaren-Kraftwerken im Vergleich zu ihren fossilen Äquivalenten kostet.

Ein Standpunkt von Uwe Nestle, Institut Enklip

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Wenn das kein Startschuss für neue Grundsatzdebatten zur Energiewende wird: Die Bundesnetzagentur wird Mitte Oktober bekanntgeben, wie hoch die EEG-Umlage für das kommende Jahr ausfallen wird. Während die Ökostrombranche eine leichte Senkung erwartet, prognostiziert der Thinktank Agora Energiewende eine Erhöhung. Schon vor einem Jahr hielten die Übertragungsnetzbetreiber eine Steigerung im Jahr 2016 für wahrscheinlich.

Das bewegt die Gemüter. Schließlich gehört die EEG-Umlage zu den bekanntesten Kennziffern der Energiewende. Leider wird sie oft als Maß der Kosten für den Ökostromausbau missverstanden – und dann als Basis für politische Entscheidungen genutzt. Dafür ist sie allerdings denkbar ungeeignet.

Um zu verstehen, warum die EEG-Umlage gerade steigt, sinkt oder gleich bleibt, muss man genauer hinschauen. Das wird bislang praktisch nicht gemacht. Die Folge sind volkswirtschaftlich fragwürdige politische Entscheidungen. Ein Beispiel: Mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) von 2014 wurde der Ausbau der Windenergie an Land und der Photovoltaik stark begrenzt, nachdem die EEG-Umlage zwischen 2010 und 2014 massiv angestiegen war.

Steigende EEG-Umlage, sinkende Energiewende-Kosten

Die Kosten der Energiewende waren indes gesunken. Im Jahr 2014 lagen die Vergütungen für neu gebaute EEG-Anlagen durchschnittlich unter zwölf Cent für die Kilowattstunde. Damit war geschafft, was ein paar Jahre zuvor noch kaum jemand für möglich gehalten hätte: Die Kosten für neue Ökostromanlagen sanken innerhalb von vier Jahren um mehr als die Hälfte, nämlich von 25 Cent pro Kilowattstunde auf zwölf Cent. Wohlgemerkt geschah das vor der EEG-Novelle, nicht ihretwegen.

Gründe dafür sind der drastische Preisverfall für Strom aus neuen Photovoltaikanlagen, die 2010 noch sehr teuer waren, und der gestiegene Zubau der günstigen Windenergie an Land. Die Ökostrombremsen sind kontraproduktiv, wenn man den Strompreis drücken will: Grüne Technologien produzieren Strom günstig, teils für deutlich weniger als zwölf Cent pro Kilowattstunde. Sie drücken die Durchschnittsvergütungen umso mehr unter diese Kostenmarke, je stärker sie ausgebaut werden.

Leider konzentriert sich trotzdem alle Welt auf die gestiegene EEG-Umlage. Die aber ergibt sich nun mal nicht aus dem Preisvergleich zwischen dem Strom aus neuen Ökostromanlagen und dem aus fossilen Kraftwerken, sondern aus der Differenz zwischen garantierten Vergütungen für Ökostrom und dem Marktpreis an der Strombörse. Und der ist seit Jahren niedrig – damit allein ließe sich auch kein neues Kohle- oder Erdgaskraftwerk finanzieren. Wir bräuchten dafür eine "Fossile-Energien-Umlage" und müssten ebenfalls Extravergütungen zahlen.

Der alte Kraftwerkspark muss sowieso weg

Mal abseits vom Umwelt- und Klimaschutz: Der deutsche Kraftwerkspark ist veraltet und muss ohnehin modernisiert werden. Beispielsweise sind 40 Prozent der Braunkohlekraftwerke über 30 Jahre alt, 20 Prozent sind sogar älter als 40 Jahre. Diese altersschwachen Anlagen müssen ohnehin bald ersetzt werden. Ferner werden bis spätestens 2022 die noch verbliebenen Atomkraftwerke abgeschaltet. Irgendeinen Kraftwerksausbau brauchen wir also sowieso.

Infrage kämen theoretisch neue Kohle- oder Erdgaskraftwerke, deren Strom nach Angaben der Bundesregierung zwischen sieben und elf Cent pro Kilowattstunde kostet. Neue Atomkraftwerke wären deutlich teurer. Den Zielen der Energiewende entsprechend kommen als Ersatz vor allem die erneuerbaren Energien in Betracht, beispielsweise Windräder an Land. Diese erhalten nach dem EEG eine Vergütung von weniger als neun Cent pro Kilowattstunde.

Strom aus Windenergieanlagen an Land ist somit nicht teurer als Strom aus neuen konventionellen Kraftwerken. Gleiches gilt heute für viele Photovoltaikanlagen. Und: Wir brauchen einen schnelleren Ökostromausbau dringender denn je, um der globalen Klimakrise etwas entgegenzustellen. Eine Aufhebung der Ausbaudeckel für die Erneuerbare-Energie-Gewinnung wäre ein wichtiges Zeichen, auch für die UN-Klimakonferenz in Paris Ende des Jahres.

Auch unter den Ökoenergien gibt es Kostenunterschiede

Und tatsächlich wird derzeit ein schnellerer Ökostromausbau verlangt – allerdings für die heute noch sehr teure Offshore-Windenergie. Schon in diesem Jahr hat ihr Ausbau plötzlich sehr stark zugenommen. Das treibt die durchschnittlichen Vergütungen für die in diesem Jahr neu ans Netz gehenden Ökostromanlagen deutlich nach oben. Sie werden wieder spürbar über dem Ziel der Bundesregierung liegen. Dass eine Erhöhung der EEG-Umlage auch durch den starken Offshore-Ausbau begründet ist, das sieht man der bloßen Zahl nicht an. Deshalb besteht die Gefahr, dass die Politik den Forderungen nach einem schnelleren Offshore-Ausbau zustimmen könnte, statt den Ausbau der günstigen Technologien zu forcieren. Das ginge auf Kosten der Verbraucher.

Die EEG-Umlage spiegelt das alles nicht wider und soll das auch gar nicht. Leider gibt es auch keinen anderen Kostenindikator für den Ökostromausbau. Wir brauchen für die öffentliche Meinungsbildung offizielle Angaben der Bundesregierung, die die Entwicklung der Kosten neuer Anlagen beschreiben und die unabhängig sind von externen Einflüssen wie dem Börsenstrompreis, der Begünstigung der Industrie oder Berechnungsänderungen für die EEG-Umlage.

Ein Resümee: An einem echten Kostenindikator wäre unschwer erkennbar, dass die Entwicklung beim Ökostrom-Ausbau zwischen 2010 und 2014 zu deutlich mehr Kosteneffizienz geführt hat – obwohl die EEG-Umlage im gleichen Zeitraum stark gestiegen ist. Und es würde sich zeigen, dass die Durchschnittsvergütung für neue Ökostromanlagen durch den aktuell starken Ausbau der relativ teuren Offshore-Windenergie wieder steigt. Die Bundesregierung könnte so eine viel verbraucherfreundlichere Politik machen: mehr von den günstigen und weniger von den teuren Ökostrom-Technologien ausbauen, also mehr Windenergie an Land und mehr Photovoltaik. Das bringt mehr Klimaschutz – praktisch ohne Zusatzkosten.

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Photovoltaik und Windenergie an Land sind in den vergangenen Jahren viel billiger geworden. An der EEG-Umlage sieht man das nicht – dafür ist sie aber auch nicht da. (Foto: AEE)

Uwe Nestle ist Diplomingenieur für technischen Umweltschutz und unabhängiger Berater für Energie- und Klimapolitik. Vor der Gründung seines Instituts Enklip arbeitete er mehr als zehn Jahre im Bundesumweltministerium, das von 2002 bis 2013 in der Bundesregierung federführend bei erneuerbaren Energien war. Nestle hat sich dort überwiegend mit Energiefragen befasst. Vorher war er beim Ecologic-Institut in Berlin und im Saarbrücker Büro des Korea Institute of Science and Technology tätig

Der Beitrag wurde am 30. September um 9:50 Uhr aktualisiert

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