Elektroautos sind Trojaner

Der Elektroantrieb ist nicht die Antwort auf alle Verkehrsprobleme, das muss er auch nicht sein. Wichtig ist die Elektromobilität aber als Leitbegriff zum Einstieg in eine neue Verkehrswelt. Fundmentalkritik reduziert Elektromobilität auf Energiebilanz und Antriebstechnik. Damit verkennt sie die Macht der Idee und nimmt den Schwung aus einer hilfreichen Entwicklung.

Ein Standpunkt von Christian Scherf

BildSchon der Wortteil "Mobilität" in der Elektromobilität verweist darauf, dass sie weitaus mehr ist als nur der materielle Ausdruck eines Fahrzeugantriebs. Sie ist vor allem eine Vision: Die Vision von einer neuen Verkehrswelt, die noch nicht auf der Straße, aber bereits in den Köpfen erfreulich vieler Menschen Platz gefunden hat. Sie sprechen auch deshalb nicht nur von "Elektroauto" oder "Elektromobil", weil die instinktive Einsicht herrscht, dass Elektromobilität nicht an der Motorhaube endet.

Elektromobilität meint Vernetzung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit, aber eben auch Fahrfreude und Technikbegeisterung. Sie ist ein Begriff von etwas, das im Werden ist; ein Stück vorausgenommener Zukunft und eine Verheißung. Wer nun gelassen abwinkt und sich Alternativen – oder gar Altvertrautem – zuwendet, verkennt die Wirkungsmacht von Visionen.

Daher verfehlen auch Kritiken ihr Ziel, die Elektromobilität auf Reichweiten und Energiebilanzen reduzieren. Sie laufen Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Eben dies ist der Fall bei der jüngsten Stellungnahme von Forschern des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie zum Elektromobilitätsgesetz der Bundesrepublik. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts, lehnt mit Verweis auf die durchaus wichtigen Umweltaspekte der Elektromobilität die Regierungsziele rundweg ab. Diese sehen vor, bis zum Jahr 2020 mindestens eine Million Elektrofahrzeuge auf die deutschen Straßen zu bringen. Es löse, so Schneidewind, keines der durch den Verkehr verursachten Probleme, wenn eine Million Verbrennungsfahrzeuge durch die gleiche Anzahl E-Fahrzeuge ausgetauscht werde. Stattdessen müsse eine Hinwendung zum öffentlichen und nichtmotorisierten Verkehr bei gleichzeitiger Abkehr vom Auto eingeleitet werden.

Von der Erfolgsgeschichte des Automobils lernen

Dies ist grundsätzlich zu begrüßen, aber es fehlt der Weg dorthin. Denn Schneidewind übersieht, dass von der historischen Erfolgsgeschichte des Automobils trotz seiner unbestreitbar negativen Folgen etwas zu lernen ist: nämlich, wie enorm wirkungsvoll es sein kann, soziale Wünsche mit einem konkreten Begriff zu verbinden. So galt das Automobil hierzulande bereits vor der Massenmotorisierung als Garant für individuelle Ausdrucksstärke und persönliche Freiheit. Damit schuf die frühe Verbreitung des Autos in den USA wie auch in Europa eine Mehrheitsmeinung, wonach der automobile Massenverkehr komme und vorbereitende Maßnahmen einzuleiten seien.

Heute brauchen wir etwas Entsprechendes für die neue, nachhaltige Verkehrswelt. Die alten Appelle und Begriffe reichen dazu nicht aus. Dies verdeutlichen Andreas Knie und Weert Canzler in ihrer jüngst erschienenen Studie für den Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE). Die Funktion der Elektromobilität sei die eines "Trojaners", heißt es darin. Sie bestehe gerade darin, einen griffigen Ausdruck und einen gemeinsamen Nenner zu finden für alle Fortbewegungsformen, die auf Basis erneuerbarer Energien funktionieren: Batterie- und leitungselektrische Fahrzeuge, Wasserstoff und Brennstoffzelle, aber auch – in Maßen – Biokraftstoffe sowie in einem erweiterten Sinn das Radfahren und Zufußgehen.

Nach Schätzung des BEE ist das Mengenziel der eine Million Fahrzeuge sehr wohl erreichbar – wenn darunter alle auf Grundlage erneuerbarer Quellen betriebenen Straßenfahrzeuge verstanden werden, unabhängig von der Antriebsart. Die Elektromobilität bildet hierzu lediglich die thematische Klammer, wobei dazu eine ganze Reihe möglicher Alternativen zur erdölbasierten Mobilität gezählt werden können. In der "Trojanerfunktion" der Elektromobilität schlummern also mannigfache Facetten der neuen Verkehrswelt. Sie ist dabei – allen Bedenken zum Trotz – weiterhin positiv besetzt, denn nichts ist bekanntlich so mächtig wie die Idee, deren Zeit gekommen ist.

Bild
Elektroautos werden auch vermehrt beim Car-Sharing angeboten, wie hier in Berlin. (Foto: Eva Mahnke)

Der Soziologe Christian Scherf forscht am Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin vor allem zu Elektromobilität und Stadtverkehr.

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen