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"Poker um die atomare Hinterlassenschaft"

Energiekonzerne wie Eon versuchen sich derzeit aus der Verantwortung zu stehlen: Die Atom-Rückstellungen der Konzerne decken nicht einmal die Hälfte der Gesamtkosten für Rückbau und Entsorgung ab. Insgesamt sind bis zu 150 Milliarden Euro für Rückbau, Entsorgung und Endlagerung notwendig.

Ein Standpunkt von Anika Limbach

BildDie Ankündigung des Energiekonzerns Eon, das Geschäft mit AKW und fossilen Kraftwerken auszulagern und damit de facto eine "Bad Company" zu schaffen, ist ein Versuch des Stromriesen, sich vor den enormen Kosten seiner atomaren Hinterlassenschaft zu drücken. Das gesetzlich festgeschriebene Verursacherprinzip soll einfach umgangen werden.

Eon-Chef Johannes Teyssen mag mit seiner "Neuausrichtung" den Eindruck erwecken, als ginge es ihm um die dezentrale Energiewende. Dass er fast im gleichen Atemzug behauptet, die Atom-Rückstellungen reichten aus, ist jedoch scheinheilig. Er weiß – oder müsste wissen –, dass dies absolut nicht der Fall ist. Zum einen besteht die Gefahr einer baldigen Pleite einer derartigen Bad Company. Dann wären auch die Rückstellungen hinfällig. Zum anderen ist die genannte Summe – genauso wie die Rückstellung aller Energiekonzerne von zusammengenommen 36 Milliarden Euro – viel zu niedrig angesetzt.

Die wahren Kosten werden systematisch unterschätzt

In einer neuen, vom BUND in Auftrag gegebenen Studie hat der Wirtschaftsverband FÖS für AKW-Rückbau, Stilllegung und Entsorgung eine Gesamtsumme von 48 Milliarden Euro errechnet – als mittleren Wert. Doch auch die FÖS-Autoren unterschätzen die wahren Aufwendungen massiv. Grundlage ihrer Hochrechnung sind die Kosten, die die Energiekonzerne selbst veranschlagen. Man muss jedoch davon ausgehen, dass diese Zahlen nicht annähernd die tatsächlichen zukünftigen Kosten widerspiegeln.

Bisher gibt es nur ein kommerziell genutztes Atomkraftwerk, dessen Rückbau (fast) abgeschlossen ist: das Eon-AKW Würgassen in Ostwestfalen. Seit 1997 musste der Betreiber seine Kostenschätzung ständig nach oben korrigieren. 2009 sprach man von 700 Millionen Euro. Laut der FÖS-Studie kostete der Rückbau einschließlich der Entsorgung eine Milliarde Euro.

Inzwischen ist aber klar, dass allein Stilllegung und Rückbau in Würgassen 1,2 Milliarden Euro verschlungen haben – hinzu kommen aber noch die Entsorgungskosten. Dabei ist das Gebäude selbst, obwohl von radioaktivem Inventar befreit, nicht einmal abgerissen worden. Erst in Jahrzehnten kann damit begonnen werden, weil bis zur Fertigstellung eines Endlagers das Gebäude als Zwischenlager dienen muss. Es wird also nochmal teurer.

Dessen ungeachtet kommt man durch die neuen Berechnungsgrundlagen auf eine völlig andere Zahl: Der Rückbau aller AKW in Händen der Stromkonzerne würde hochgerechnet rund 40 Milliarden Euro kosten, nicht 19,4 Milliarden Euro, wie in der Studie angegeben.

Auch normale Großbauprojekte können um ein Mehrfaches teurer werden, wie gerade in mehreren deutschen Großstädten zu verfolgen ist. Im Durchschnitt kommen selbst bei Bahnprojekten Mehrkosten von 45 Prozent zusammen. Obwohl die Autoren der Studie darauf hinweisen, rechnen sie beim AKW-Rückbau nur zehn Prozent Risiko hinzu. 50 Prozent sind jedoch das Mindeste, das angenommen werden müsste. Demnach ergeben sich Stilllegungs- und Rückbaukosten in Höhe von 60 Milliarden Euro

Wesentlich mehr Unwägbarkeiten enthalten die Prognosen bei den Entsorgungskosten für den Atommüll "bis zum Verschluss aller Endlager". Dabei kommt noch hinzu, dass aufgrund der (notwendig) langen Endlagersuche der Müll viel länger als bisher veranschlagt in Zwischenlagern verbleiben muss – ein Aspekt, der in der Studie genauso wenig berücksichtigt wird wie zum Beispiel die Bergungskosten für marode Atommüllfässer.

Nicht nur der Skandal um die Asse, auch ganz "unauffällige" Projekte in öffentlicher Hand wie etwa die Sanierung des ehemaligen Wismut-Uranbergbaus haben gezeigt, dass radioaktive Hinterlassenschaften immer ein Mehrfaches der ursprünglich vorgesehenen Kosten verursachen. Ein 300-prozentiger Risikoaufschlag bei den Entsorgungskosten ist also nicht zu hoch gegriffen. Damit würden rund 60 Milliarden Euro auch für diesen Posten anfallen und nicht 15,3 Milliarden Euro wie in der Studie.

Das Gleiche gilt für den langfristigen Risikoaufschlag. "Sollte sich eines der zu errichtenden Endlager im Nachhinein doch als ungeeignet erweisen, drohen im schlimmsten Fall Sanierung, Bergung und Umlagerung der radioaktiven Abfälle in ein neues Endlager," heißt es in der Studie. Die geschätzte Summe von sieben Milliarden Euro dürfte für ein solches Szenario allerdings kaum ausreichen. Auch hier wäre es angemessen, die Summe mit vier zu multiplizieren und 28 Milliarden Euro hinzuzurechnen.

Aus den drei erläuterten Teilsummen ergeben sich Gesamtkosten in Höhe von knapp 150 Milliarden Euro. Das ist dreimal so viel wie in der Studie errechnet.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Kosten der öffentlichen Hand darin nicht einbezogen sind. Die Sanierung von Morsleben, Asse und Wismut, der Rückbau früherer DDR-Atomanlagen sowie sogenannte nukleare Forschungsprojekte haben bisher zusammengenommen 18 Milliarden Euro verschlungen, wobei das wahrscheinlich nur einen Bruchteil der letztendlich anfallenden Kosten ausmacht.

An der sofortigen Abschaltung führt kein Weg vorbei

Je deutlicher die wahren Entsorgungskosten zutage treten, desto absurder wird, dass ausgerechnet der Weiterbetrieb von Atomkraftwerken dazu dienen soll, die Rückstellungen zu erhalten beziehungsweise zu erwirtschaften. Schließlich produzieren die AKW dabei weiteren hochradioaktiven Müll – bis 2021 oder 2022 zwischen zwölf und 15 Prozent mehr als das, was sich bisher angesammelt hat. Und verursachen erhebliche Mehrkosten.

Würde man die AKW dagegen sofort abgeschalten, gäbe es nicht nur weniger Müll, der aufwändig verpackt und gelagert werden muss, auch die Abklingbecken könnten sieben bis acht Jahre früher außer Betrieb genommen werden. Wie viele Milliarden man durch den Sofortausstieg einsparen könnte, ist schwer einzuschätzen. Es könnte aber genauso viel oder noch mehr als das sein, was die drei verbleibenden AKW (von Eon) innerhalb der nächsten acht Jahre an Gewinn abwerfen.

Die Konsequenz, die notwendige Entscheidung – egal ob sie auf politischer oder betrieblicher Ebene getroffen wird – liegt auf der Hand.

Die technischen Voraussetzungen für ein sofortiges Abschalten aller AKW haben sich in den letzten Tagen nochmal verbessert. Die Süddeutsche Zeitung berichtet von einem "verlockenden Angebot" des österreichischen Energieversorgers Verbund: Der jederzeit abrufbare Strom bestimmter Wasserkraftwerke in der Größenordnung von 5,2 Gigawatt könnte den bayerischen Atomstrom sofort ersetzen. Damit müsste Bayern nicht einmal den hohen Stromexport drosseln.

Noch schwerer als das finanzielle und wirtschaftliche Argument wiegt die Tatsache, dass der Betrieb der noch laufenden deutschen AKW aus verschiedenen Gründen immer gefährlicher wird. Bereits vor einem Jahr hat die Anti-Atom-Initiative Bonn in einem langen Artikel darauf hingewiesen. Mit der Bildung einer Bad Company würde sich aber der ökonomische Druck erhöhen, was fast immer zulasten der Sicherheit geht.

Untätigkeit der Politik verschlimmert die Lage

Je länger die Untätigkeit der Regierung andauert, desto wahrscheinlicher wird, dass die nowendigen Gelder wegen drohender Insolvenzen nicht mehr einzutreiben sind. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Rückstellungen für die Zukunft zu sichern. Welches Konzept auch immer verfolgt wird – sofern es denn endlich geschieht –, es sollte vier Punkte gewährleisten:

Erstens muss das Verursacherprinzip bis zum Ende gelten, die Energiekonzerne dürfen sich nicht "freikaufen". Zweitens müssen die Mutterkonzerne zeitlich unbegrenzt für die Altlasten ihrer Tocherfirmen aufkommen. Drittens muss die Höhe der Rückstellungen neu und von unabhängiger Seite geschätzt und festgelegt werden, wobei die Gelder immer dann zur Verfügung stehen müssen, wenn sie auch gebraucht werden.

Und viertens darf das Atommüllproblem nicht noch vergrößert werden: Der Betrieb aller Atomanlagen ist einzustellen.

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"Die Falschspieler", Gemälde von Gerrit van Honthorst, zu sehen im Museum Wiesbaden (Bild: Gerrit van Honthorst)

Die frühere Schauspielerin, Regisseurin und jetzige Autorin Anika Limbach engagiert sich seit 2009 bei AntiAtomBonn, einer Gruppe, die sich mit unterschiedlichen Aktionen für den sofortigen Atomausstieg und eine dezentrale Energiewende einsetzt. Dieses Jahr ist Limbachs Anti-Atom-Roman "Gefahr ohne Schatten" erschienen.

[Erklärung]  
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