Gebäudesanierung: Den Riesen wecken

Nach dem Warnruf der Klimawissenschaftler des IPCC: Das größte Einsparpotential von Treibhausgasen besitzt Deutschland in seinem Gebäudebestand. Deshalb kann die Bundesregierung ihre klimapolitischen Ziele nur mit Anreizen zur energetischen Sanierung erreichen. Doch dazu muss die Politik die Rahmenbedingungen besser ausgestalten.

Ein Standpunkt von Marianne Tritz

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In Deutschland gibt es 15 Millionen Ein- und Zweifamilienhäuser. 75 Prozent davon sind vor der ersten Wärmeschutzverordnung 1977 errichtet worden und daher in einem energetisch schlechten Zustand.

Die kürzlich gestartete "Hauswende", die erste gewerkeübergreifende Sanierungskampagne Deutschlands, soll private Bauherren dazu anregen, in die energetische Sanierung ihres Eigenheims zu investieren. Gleichzeitig gibt sie wichtige Hinweise, welche ersten Schritte dazu notwendig und sinnvoll sind. Bundeswirtschafts- und -umweltministerium beteiligen sich mit insgesamt 1,3 Millionen Euro an der vorbildlichen Kampagne.

Doch auch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Umweltbundesamt hat vor kurzem die aktuellen Zahlen zu den CO2-Emissionen in Deutschland veröffentlicht. Klimapolitisches Ziel der Bundesregierung ist es, den deutschen Treibhausgas-Ausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Bisher sind laut Umweltbundesamt aber nur knapp 24 Prozent geschafft. Die Experten schlagen Alarm, weil im zweiten Jahr in Folge der CO2-Ausstoß gestiegen ist. 

Energie erst gar nicht verbrauchen

Das ist keine Folge des Atomausstiegs. Der niedrige Preis von CO2-Zertifikaten hat dazu geführt, dass der Anteil der klimaschädlichen Kohle an der Stromversorgung gestiegen ist, während klimaverträglichere Gaskraftwerke stillstanden. Eine erfolgreiche Klimapolitik muss also die Ablösung der Kohle durch erneuerbare Energien, effiziente Gaskraftwerke und Energieeffizienz beinhalten. Wollen wir das klimapolitische Ziel 2020 noch erreichen, müssen wir ab sofort jedes Jahr so viel Treibhausgas einsparen, wie ganz Kroatien jährlich ausstößt.

Die umweltfreundlichste Möglichkeit ist dabei immer noch, Energie gar nicht erst zu verbrauchen. Das Energiepotenzial, das sich etwa durch energieeffiziente Sanierungs- und Baumaßnahmen einsparen lässt, ist enorm: Allein durch Wärmedämmung, so das Forschungsinstitut für Wärmeschutz München (FIW) in seiner aktuellen "Metastudie Wärmedämmstoffe", könnte mehr Energie in deutschen Wohngebäuden eingespart werden, als derzeit durch die Erneuerbaren Strom erzeugt wird. Und beinahe doppelt so viel, wie alle deutschen Atomkraftwerke zusammen im letzten Jahr produziert haben.

In den nächsten Jahrzehnten müsste in Deutschland deshalb millionenfach in neue Heizungen, neue Fenster und mehr Dämmung investiert werden, damit Energie effizient genutzt wird. Dazu ist es wichtig, dass die politischen Rahmenbedingungen langfristig ausgestaltet und die Förderungen verstetigt werden. Um weitere Investitionsimpulse bei Bauherren auszulösen, muss die Politik weitere Instrumente jenseits von Beratung und Öffentlichkeitsarbeit kreieren. 

Energetische Gebäudesanierung stellt einen schlafenden Riesen dar, den es zu wecken gilt. Eine Hauswende-Kampagne ist dafür nett, doch sie kann nicht die Politik ersetzen. 

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In den Großstädten – wie hier in Chemnitz – reihen sich viele Häuser aneinander, die energetisch in einem schlechtem Zustand sind. Um das zu ändern, reichen Beratung und Öffentlichkeitsarbeit nicht aus, sagt Marianne Tritz. (Foto: Sandro Schmalfuß/Wikimedia Commons)

Marianne Tritz ist Geschäftsführerin des Gesamtverbandes Dämmstoffindustrie e.V. (GDI)

Redaktioneller Hinweis:
GDI-Vorstandsvorsitzender Klaus Franz ist Mitherausgeber von klimaretter.info

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