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Verlorene Landschaften

Verspargelt, verspiegelt, vermaist, verdrahtet: Ohne Energiesparwende werden die meisten deutschen Kulturlandschaften bald ausgelöscht sein. Teil 1 der klimaretter.info-Debatte zur Ästhetik der Energiewende.

Ein Standpunkt von Georg EtscheitBild

BildIn der Süddeutschen Zeitung fand sich jüngst eine lustige Karikatur. Sie zeigte Horst Seehofer mit Schlafmütze im Bett liegend, wie er schwitzend aus einem Albtraum erwacht. Er hatte geträumt, wie sein Bayernland aussehen würde, wenn irgendwann die Energiewende erfolgreich abgeschlossen wäre: Die prächtigen Alpengipfel, zugerammelt mit Windrädern und Pumpspeicher-Kraftwerken und jeder Menge neuer Hochspannungsleitungen.

Es dürfte unwahrscheinlich sein, dass es Seehofer bei seinem aktuellen Feldzug gegen neue Windmühlen und Stromleitungen in Bayern wirklich um die Schönheit bayerischer Landschaften geht, dafür lässt er immer noch zu viele Straßen betonieren. Seehofer ist ein Populist, der mal dieser, mal jener Stimmung folgt. Zurzeit kocht die Volksseele entlang der künftigen Stromautobahnen. Doch bald kann wieder alles ganz anders sein, etwa wenn mal für eine halbe Stunde der Strom ausfällt. Dann dürfte es Seehofer mit den Leitungen nicht schnell genug gehen.

Luxus in Krisenzeiten

Mit verantwortungsvoller Politik hat das alles wenig zu tun. Trotzdem muss man Seehofer in gewisser Weise dankbar sein. Denn er hat, wenn auch unbeabsichtigt, Fragen aufgeworfen, die in der aktuellen Debatte über die Energiewende so gut wie keine Rolle spielen. Es geht in dieser Debatte um Strompreise, Belastungen für Wirtschaft und Verbraucher, es geht um Arbeitsplätze, Märkte, Zukunftsbranchen. Es geht fast nur um wirtschaftliche und technische Aspekte. Doch wenn man zu fragen wagt, ob es denn wünschenswert ist, künftig in Landschaften leben zu müssen, wie sie Horst Seehofer im Traum erschienen sind, erntet man allenfalls ein müdes Lächeln.

In ökologischen Krisenzeiten mit Klimawandel und Atomkatastrophen, wird man dann beschieden, seien Sorgen um schöne Landschaften reiner Luxus. Außerdem wollten die Bürger den Umstieg auf die Erneuerbaren, und eine unsichtbare Energiewende gebe es nicht. Und man werde man sich schon gewöhnen an all die neue Infrastruktur. Die Kulturlandschaft habe sich doch schon immer verändert. Seien die holländischen Windmühlen, die heute von Touristen bestaunt werden, einst nicht auch Hightechbauwerke gewesen?

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Stadtlandschaft: Am Rande einer Metropole. (Foto: Merlin Senger/Wikimedia Commons)

Doch Schönheit und die Sorge um deren Bestand sind kein Luxus, den man sich leisten können muss. Schönheit ist ein menschliches Grundnahrungsmittel, ist Labsal für die Seele. Schon die ersten Menschen, die noch ums tägliche Überleben kämpfen mussten, haben ihre Höhlen mit prächtigen Malereien verziert. Als der Mensch begann, die Natur zu zähmen, entwickelte er auch einen Sinn für deren Schönheit. Wie arm wäre das Leben, wenn man nicht immer wieder den Blick schweifen lassen könnte über eine anmutige, harmonische, über eine schöne Landschaft.

Eigentlich sollte man denken, die Wahrnehmung landschaftlicher Reize sei eine sehr persönliche Angelegenheit. Für Menschen mit einer romantischen Ader sei eben die bäuerliche Kulturlandschaft das Nonplusultra, während Leute mit eher technischem Verstand auch an einer Industrie- oder Energielandschaft Gefallen fänden. Doch das stimmt so nicht. Es gibt in unserer Gesellschaft einen breiten Konsens darüber, welche Landschaft als schön, welche als hässlich empfunden wird. Und dieser Konsens kann empirisch nachgewiesen werden.

Bitte mehr Ehrlichkeit

Als schön empfinden demnach die meisten Menschen, wenn ein Landstrich vielfältig und dynamisch gegliedert ist, mit einem rhythmischen Auf- und Ab der Geländeformen, mit Waldrändern und Wiesensäumen, mit abwechslungsreichen Nutzungen vom Streuobst bis zum Rübenacker, mit kleinen und größeren Gewässern und, dem Maßstab der Landschaft angemessenen, Siedlungen und Bauwerken. Und am besten ohne besonders auffällige Elemente des Industriezeitalters wie Autobahnen, Hochspannungsleitungen, Gewerbegebieten oder auch Windkraftwerken. Es ist das klassische Bild einer intakten, mitteleuropäischen Kulturlandschaft, Im Gegensatz zur zersiedelten Industrielandschaft, zur ausgeräumten Agrarlandschaft, aber auch zur Wildnis.

Dass man sich an alles gewöhnen könne, wie es die Apologeten einer mehr oder weniger dezentralen Energiewende behaupten, ist ein Trugschluss. Hochspannungsleitungen etwa gibt es seit rund hundert Jahren. Doch niemand findet sie schön. Überall, wo eine neue Leitung gebaut werden soll, regen sich Proteste. Dabei geht es um möglicherweise überschätzte, aber legitime Ängste vor krank machenden elektromagnetischen Feldern, vor der monetären Entwertung des Eigenheims, aber auch um den Verlust landschaftlicher Eigenart und Schönheit, um den Verlust von Heimat. Bei Windkraftwerken mag die Sache manchmal anders aussehen, vor allem, wenn Bürger selbst finanziell von ihnen profitieren. Doch je höher diese rotierenden Stahlmonster in den Himmel ragen, desto stärker werden sie als Fremdkörper empfunden. Sehr unwahrscheinlich, dass man in, sagen wir, fünfzig Jahren zu ihnen pilgern wird wie zu den letzten holländischen Windmühlen.

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Energielandschaft: Erneuerbaren-Anlagen auf einem früheren Militärgelände. (Foto: ELM)

Kein Wunder, dass auf den schönen Werbefotos, die die Menschen in deutsche Urlaubsgebiete locken sollen, so gut wie nie Windturbinen, Leitungsmasten oder andere großtechnischen Artefakte zu sehen sind. Peinlich genau wird immer jener Blickwinkel ausgewählt, auf dem die Idylle ungetrübt erscheint. Wenn sie gar nicht mehr weiter wissen, sagen die Grünstromfans, dass man Windräder ja problemlos wieder abbauen können. Mit Atomkraftwerken gehe das nicht so leicht. Auch das ist ein schwaches Argument. Wann ist jemals schon Infrastruktur wieder rückgebaut worden.

Die Debatte um die ästhetischen Auswirkungen der Energiewende ist geprägt von einem beträchtlichen Maß an Unehrlichkeit. Die Verfechter einer dezentralen und möglichst kostengünstigen Energiewende sollten diese nicht schönreden, sondern klipp und klar sagen, dass sich der Energieverbrauch, den wir uns in Zeiten atomaren und fossilen Überflusses angewöhnt haben, nicht eins zu eins auf die Epoche der Erneuerbaren übertragen oder sogar noch steigern lässt. Jedenfalls nicht ohne gravierende Schädigung von Natur und Landschaft. Großstädte und Industriezentren allein mit "hausgemachter" Energie versorgen zu können, ist eine Illusion.

Energie muss teurer werden

Wenn wir an dieser Maxime festhalten, wenn wir keinerlei Abstriche machen wollen, was unser Wohlstandsniveau betrifft, werden sich die deutschen Kulturlandschaften flächendeckend in verspargelte, verspiegelte, vermaiste und verdrahtete "Installationslandschaften" verwandeln. Diesen Begriff haben Landschaftsplaner geprägt für die neuen, unwirtlichen Landschaftstypen im Norden und Osten der Republik. Übrigens erfordert auch eine dezentrale Energiewende ein beträchtliches Maß an neuen Leitungen. Und weil derzeit alles dem Primat der Kostenreduktion untergeordnet wird, dürften landschaftsschonende Lösungen wie Erdkabel eine Ausnahme bleiben.

Wenn man die Energiewende aus Gründen des Klimaschutzes und langfristiger Versorgungssicherheit weiter vorantreiben will und Deutschlands Schönheit dabei nicht vollends auf der Strecke bleiben soll, gibt es nur einen Ausweg: Der Energieverbrauch muss drastisch sinken. Und das geht nur mit einer veritablen Energiesparwende. Unsere Lebensweise muss sich ändern, unsere Ernährung, unser Mobilitätsverhalten, unsere Siedlungsstruktur. Anstelle der viel beschworenen Strompreisbremse muss Energie weitaus teurer werden als heute, um echte Anreize zum Sparen zu schaffen.

Die marktliberale Angebotspolitik beim Bau neuer Wind-, Solar- und Biomassekraftwerke muss durch einen idealerweise europaweiten Masterplan ersetzt werden, der die Lasten der Energiewende möglichst gerecht und gleichmäßig verteilt, weiteren Wildwuchs verhindert und wirksame Planung ermöglicht. Dabei sollte man sich auf die Nutzung der Solarenergie konzentrieren, die am wenigsten in Landschaft und Naturhaushalt eingreift und der ohnehin die Zukunft gehört. Das Potenzial von Dachflächen in Städten und Gewerbezonen ist riesig. Zumindest Landschaftsschutzgebiete müssen konsequent vor weiterer Zersiedelung und Industrialisierung bewahrt werden. Wenn all dies nicht gelingt, wird man in wenigen Jahren Deutschland verlorenen Landschaften genauso nachtrauern wie den im Zweiten Weltkrieg ausgelöschten Städten.

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Kulturlandschaft: Solardach auf einer Scheune. (Foto: Schulze von Glaßer)

Georg Etscheit ist Autor und Journalist. Seit 2000 schreibt er freiberuflich über Umwelt, Wirtschaft und klassische Musik unter anderem für Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung. In München engagiert er sich kommunalpolitisch bei den Grünen und im Vorstand des Bund Naturschutz. Bei klimaretter.info hat er eine regelmäßige Kolumne

 
Die klimaretter.info-Debatte zur Ästhetik der Energiewende

Bisher erschienen:

Teil 1: Georg Etscheit: Verlorene Landschaften – Anstoß zur Debatte
Teil 2: Dietmar von Blittersdorff: Den Strom dort produzieren, wo er genutzt wird
Teil 3: Enoch zu Guttenberg: Die Hybris der Energiewende-Technokraten

[Erklärung]  
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