Warum wir uns die Energiewende antun

Der neue Bericht des Weltklimarates IPCC ist ein Weckruf. Noch lässt sich der Klimawandel auf zwei Grad Celsius begrenzen – aber nur, wenn Deutschland seine Rolle als Klimaschutzvorreiter wahrnimmt. Zum Glück waren gerade Wahlen.

Ein Standpunkt von Jan Kowalzig

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Es ist ja nun nicht so, dass der jetzt in Stockholm vorgestellte IPCC-Teilbericht grundsätzlich Neues enthielte. Der IPCC betreibt selbst keine Forschung, sondern stellt den heutigen, bereits publizierten wissenschaftlichen Sachstand zum Klimawandel zusammen. Seine wichtigsten Botschaften sind uns schon bekannt: Der Klimawandel findet statt, er ist menschen­gemacht, wird sich weiter verstärken – und noch ist es möglich, die schlimmsten Szenarien zu vermeiden. Jetzt wissen wir darüber noch besser und mit noch größerer Sicherheit Bescheid als zuvor.

Das Besondere an den seit 1990 veröffentlichten IPCC-Berichten ist, dass der darin formulierte Sachstand von den Regierungen offiziell anerkannt wird – das heißt: Daran kommen sie nicht mehr vorbei. Auch nicht in Deutschland. Der IPCC-Bericht ist die denkbar stärkste Erinnerung, warum wir uns – neben dem Ausstieg aus der teuren und gefährlichen Atomkraft – hierzulande mit der Energiewende herumplagen. Das war überfällig, denn das Argument Klimawandel ist in der Debatte über Strompreisbremse, Netzausbau und die anhaltenden Versuche, die Energiewende auf alle möglichen Arten zu sabotieren, ziemlich unter die Räder geraten.

Der IPCC-Bericht ist ein Weckruf!

Insofern ist der IPCC-Bericht ein wichtiger Weckruf. Eine globale Erwärmung um mehr als zwei Grad müssen wir unbedingt vermeiden. Jenseits dieser Schwelle könnte sich der Klimawandel zu einer unumkehrbaren, globalen Katastrophe entwickeln. Diese Katastrophe könnte insbesondere in den armen Ländern langfristig viele Gesellschaften schlicht überfordern und sie unter der Last von steigendem Meeresspiegel, schwindenden Ökosystemen, Wassermangel, wiederkehrenden schweren Dürren, Unwetterkatastrophen und schweren Schäden bei Ernten und Nahrungsmittelproduktion mit schlimmen Hungerkrisen zusammenbrechen lassen.

Es gibt bereits Probleme mit Lebensmitteln

Wir müssen dafür nicht in die ferne Zukunft schauen. Schon jetzt untergräbt der Klimawandel die Lebensgrundlagen der Menschen in den armen Ländern. Steigende Temperaturen, verkürzte Regenzeiten und schwere Unwetter lassen schon heute vielerorts die Pflanzen vertrocknen oder spülen die Ernte von den Feldern. Das Problem ist dabei (bisher) nicht, dass auf den Märkten die Nahrungsmittel knapp würden. Aber auch in den armen Ländern machen es die meisten Leute wie wir in Deutschland: Sie kaufen ihre Nahrungsmittel. Das gilt auch für die Menschen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft etwa in Afrika oder Asien, die zukaufen müssen, was sie nicht selbst anbauen können. Dafür brauchen sie Einkommen. Sinkt das, etwa weil das eigene Feld nicht genug abwirft oder das Vieh bei einer Überschwemmung ertrunken ist, gibt es vielleicht weiterhin ausreichend Nahrungsmittel – die Menschen können sie aber nicht kaufen.

Hunger als Folge des Klimawandels – das Beispiel Pakistan

Ein Beispiel: 2010 zerstörte in Pakistan die Jahrhundertflut in der Provinz Punjab über eine halbe Million Hektar Ackerfläche und über 80 Prozent der Nahrungsmittelreserven. Die Menschen hatten nicht nur nichts zu essen. Als sich die Märkte wieder mit Waren füllten, war das Einkommen der 20 Millionen betroffenen Menschen um drei Viertel zurückgegangen. Weitere Überschwemmungen in den Folgejahren haben das Problem noch verschärft. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnt jetzt, das etwa die Hälfte der pakistanischen Bevölkerung keinen sicheren Zugang zu ausreichend Nahrungsmitteln hat.

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Nahrungsmittelhilfe während der Flutkatastrophe im Sommer 2010 in Pakistan. (Foto:
Wayne Gray/Wikimedia Commons)

Der Klimawandel gefährdet aber nicht nur die Einkommensbasis der Menschen in den armen Ländern, sondern treibt auch die Preise für Grundnahrungsmittel nach oben. Nach einer Studie im Auftrag der Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam könnten die Preise in den nächsten 20 Jahren wegen der klimatischen Veränderungen in einigen Fällen doppelt so stark ansteigen, wie es ohne den Klimawandel zu erwarten wäre – etwa wegen steigender Energiekosten bei Anbau, Verarbeitung und Transport oder weil immer mehr Getreide zu Agrosprit verarbeitet wird. Auch einzelne extreme Ereignisse, wie etwa eine schwere Dürre in den USA oder in Russland können auf den globalen Getreidemärkten zu erheblichen Preissprüngen führen, die sich bis in die lokalen Märkte etwa in Afrika durchschlagen können.

Bei noch mehr Extremereignissen droht eine Abwärtsspirale

Geht das Einkommen zurück oder steigen die Preise, hat das eine ganze Reihe von Auswirkungen: Menschen sind plötzlich gezwungen, weniger oder qualitativ minderwertige Nahrungsmittel zu kaufen, bei der Schulbildung ihrer Kinder zu sparen oder bei der Gesundheitsversorgung der Familien. Wo aber nichts zu sparen ist, droht die Verschuldung, um halbwegs über die Runden zu kommen. Vielen Bauern in Russland ist nach den schweren Dürren 2010 und 2012 genau das passiert. Nehmen die klimatischen Extremereignisse an Häufigkeit, Intensität und Dauer zu, geraten die Menschen nach und nach in eine Abwärtsspirale aus Armut, Hunger, Unterernährung und einer weiteren Erosion ihrer Lebensgrundlagen.

Was geht uns das an?

Was das mit der Energiewende zu tun hat? Die Wissenschaftler des IPCC haben auch gesagt, der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur sei durchaus noch auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen – wenn unverzüglich und entschieden gehandelt wird. Das erfordert Anstrengungen von allen Ländern, und genau darum geht es auch bei den laufenden Verhandlungen über ein neues globales Klimaschutzabkommen, das 2015 in Paris auf einem UN-Gipfel verabschiedet werden soll.

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Die deutsche Energiewende ist ein enorm wichtiger Baustein für die weltweite Abkehr von den fossilen Energien. (Foto: Paul Langrock)

Bis dahin schauen alle auf Deutschland, den selbsternannten Klimaschutzvorreiter. Wenn ein Land wie Deutschland, das über die nötige Technologie, die Wirtschaftskraft und einen im globalen Maßstab sensationellen Wohlstand verfügt, die selbstverordnete Energiewende nicht konsequent umsetzt und seiner Verantwortung für das Verursachen des Klimawandels nicht gerecht wird – tja, dann werden es die anderen vermutlich gar nicht erst versuchen.

Zum Glück waren gerade Wahlen

Zum Glück waren gerade Bundestagswahlen, die zumindest in Teilen eine neue Regierung hervorbringen werden, zumal mit der bisherigen Koalition ja sozusagen eine Art klima- und energiepolitische Talsohle erreicht war. Der IPCC-Weckruf kommt also zur rechten Zeit. Ob eine künftige Bundesregierung ihn erhört und die Energiewende so konsequent vorantreibt, dass bis 2050 die deutschen Treibhausgasemissionen um 95 Prozent sinken können, muss sich allerdings noch zeigen. Dazu müssten die ständigen Attacken auf das EEG mit dem Ziel, den Ausbau der erneuerbaren Energien abzuwürgen, aufhören und vor allem der Quotenmodell-Unfug wieder in der Versenkung verschwinden.

Es gibt genug zu tun

Dazu müsste die Bundesregierung die direkten und indirekten Subventionen für die klimafeindlichen Industriezweige – etwa die Ausnahmen bei der EEG-Umlage – abbauen, um so die Energiewende auch sozial gerechter zu gestalten.

Dazu müsste sich Deutschland in Brüssel aktiv für eine Reparatur des Emissionshandels einsetzen, bei der erhebliche Mengen überschüssiger CO2-Zertifikate aus dem Markt genommen werden müssten, damit sich Klimaschutzinvestitionen wieder lohnen.

Dazu müsste die künftige Bundesregierung den allmählichen Ausstieg aus der Kohle angehen und dabei insbesondere der extrem klimaschädlichen Braunkohle den Rücken kehren, für die nach wie vor – auch im 21. Jahrhundert – in Deutschland Landschaften zestört, Dörfer abgebaggert und Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden. Dazu müsste Deutschland aber auch auf internationalem Parkett seine klimapolitischen Zusagen einhalten, etwa für die finanzielle Unterstützung für die armen Länder bei der klimafreundlichen Entwicklung und bei der Anpassung an die klimatischen Veränderungen – hier hatte die alte Bundesregierung für 2014 drastische Kürzungen geplant.

Die Widerstände sind erheblich

Leicht wird das alles nicht, denn die Widerstände sind erheblich – auch wenn konsequenter Klimaschutz bekanntermaßen ein fabelhafter Wachstumsmotor für die Wirtschaft als Ganzes ist. Es sind die Widerstände einiger Akteure, die mit dem alten, klimafeindlichen Modell von Wirtschaft, Industrie und Energiesystemen ihr Geld verdienen und die ihre Helfer in der Politik wohl platziert haben. 

Denen möchte ich den IPCC-Bericht persönlich vorlesen.

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Wenn in Deutschland gegen die Fossilen protestiert wird, geht es um mehr als nur die deutsche Energiewende: Protest gegen die Kohlekraft auf dem Hamburger Hafengeburtstag 2013. (Foto: kra)

Jan Kowalzig ist Klimaexperte bei Oxfam Deutschland

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