Gegen den Strom der Konzerne

In Deutschland formiert sich eine breite Energiebewegung. Sie setzt auf eine dezentrale, demokratisch kontrollierte, sozial und ökologisch nachhaltige Energieversorgung. Noch hat sie nicht Mittel und Masse der Anti-Atom-Bewegung. Aber das kann und wird sich ändern: Mit Klimacamps und Fahrradkarawanen nimmt die Bewegung diesen Sommer Fahrt auf.

Ein Standpunkt von Stefanie Groll

FotoReclaim Power! Das ist der Name und das Motto von zwei Fahrradkarawanen, die derzeit durch die Bundesrepublik ziehen. Eine Südrouten-Gruppe ist in Freiburg und Stuttgart gestartet, eine Nordrouten-Gruppe kommt aus dem Klimacamp in Proschim in der Lausitz. Am 24. August werden die beiden Gruppen im rheinischen Klimacamp in Manheim bei Köln zusammentreffen.

Reclaim Power ist ein bewusst doppeldeutiger Titel. Reclaim Power bedeutet so viel wie "Holt euch die Energie zurück!", aber auch "Fordert die Macht für euch". Dahinter steht die Vorstellung, dass Erzeugung, Verteilung und auch Entsorgung von Energie, sei es Strom oder Wärme, eine gesellschaftlich zu erbringende Leistung ist. Eine Leistung, die nicht profitorientierten Großunternehmen wie Vattenfall, RWE, Eon oder EnBW überlassen werden kann.

Das Unbehagen gegenüber Konzernen, die Kosten- und Leistungsrechnen vor Klimaschutz, Umweltschutz und sozialen Ausgleich stellen, teilen urbane Ökos, gemäßigte und radikale Kapitalismuskritiker, Klimaaktivisten und Bürgerinitiativen gegen Fracking und Atomendlager. Die Reclaim-Power-Tour vernetzt diese Menschen mit dem Ziel, ihre Kritik, ihre Aktionen und Alternativen in einer neuen politischen Bewegung – der Energiebewegung – zusammenzuführen.

Die entstehende Energiebewegung ist – typisch für eine soziale Bewegung – ein kollektiver Akteur, der unterschiedliche Formen der Organisation, Intervention und Mobilisierung umfasst, um damit eine gemeinsame Vision von gesellschaftlichem Wandel voranzutreiben. Diesen Sommer setzen sich etwa 150 Menschen auf ihr Fahrrad und radeln bei der Reclaim-Power-Tour mit; sie besuchen unter anderem Gruppen und Initiativen gegen Braunkohle in der Lausitz, gegen CCS in Beeskow, gegen Atomkraft im Wendland und gegen Fracking in Niedersachsen, außerdem ökologische Gärtnereien und Landwirtschaftsbetriebe sowie Occupy-Aktivisten im Ruhrgebiet.

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Zweite Etappe der Südroute von Weisweil nach Strasbourg. Kommenden Samstag endet die Tour im Klimacamp bei Köln – im Rheinischen Braunkohlerevier. (Foto: Reclaim Power Tour/Tourtagebuch)

Die Reclaim-Power-Tour schafft eine Verbindung der losen Enden, in der Ablehnung des Bestehenden, mit dem Wunsch nach Veränderung und Mitbestimmung mit gemeinsamen symbolischen Akten und direkten Aktionen. Die Erfahrungen der Tour und Porträts der einzelnen "Energiegruppen" werden laufend in einem Tourtagebuch gesammelt. Dies wird im Anschluss als Landkarte, als eine Enzyklopädie der Energiebewegung veröffentlicht.

Die Energiebewegung kann von der Anti-Atom-Bewegung lernen

Noch haben die Energiebewegten nicht Mittel und Masse der Anti-Atom-Bewegung, der es 2010 gelang, mit Zehntausenden den Berliner Regierungsbezirk zu umzingeln. Aber es könnte durchaus sein, dass eine sich breiter formierende Energiebewegung zur Erbin der Anti-Atom-Bewegung wird. In jedem Fall kann die Energiebewegung von der Anti-Atom-Bewegung lernen, gleichzeitig muss man aber sehen, dass die Energiebewegung thematisch breiter aufgestellt ist, dass ihr Gegenstand, ihre Prämissen und Analysen komplexer und somit schwerer zu popularisieren, dramatisieren und skandalisieren sind.

Für die Menschen, die hinter der Reclaim-Power-Tour stehen und die Energiebewegung größer machen wollen, steht die Energiefrage am Beginn einer kritischen Gesellschaftsanalyse über kapitalistische Wirtschaftsweise, über Klimakrise und Umweltkatastrophen, über soziale Ungerechtigkeit und Ausgrenzung.

Vor allem jene Energie, die aus fossilen und atomaren Quellen gewonnen wird, hat den gesamten Industrialisierungsprozess befeuert. Wer die Macht über die Energie hat, hat die Macht über die materiell-technische Basis des Kapitalismus. In Teilen der Energiebewegung ist die Brücke zwischen Energiefrage und sozialer Frage das zentrale Motiv, wie etwa bei der Berliner Initiative "Für eine linke Strömung" (FelS). Energiearmut bedeutet, dass Menschen aufgrund steigender Energiepreise gesellschaftliche Teilhabe vorenthalten wird und dass sie aufgrund von gesperrter Strom- oder Wärmeversorgung existenzielle Probleme bekommen können.

Von der Klimabewegung zur Energiebewegung 

Viele Menschen, die sich in der Energiebewegung engagieren, kommen aus der Klima- und Klimagerechtigkeitsbewegung, die sich zwischen 2006 und 2009 in Europa und Deutschland formierte. Der UN-Klimagipfel 2009 in Kopenhagen war ein Kristallisationspunkt der Klimabewegung, jedoch verlor sie danach an Momentum. Die Visionen und Konzepte von Energiedemokratie und Energiesouveränität wurden aber von einigen Klimabewegten aufgenommen und weiterverfolgt.

Wie Erfahrungen der Reclaim-Power-Tour zeigen, haben unterschiedlichste Menschen ein Interesse daran, sich von dem herrschenden Energiesystem zu emanzipieren. Sicher, man kann das als Not-in-my-backyard-Haltung einstufen, aber das macht die jeweiligen Anliegen nicht illegitim. Auf der Reclaim-Power-Tour erfahren die Radler und Radlerinnen sehr wohl, dass individueller und lokaler Protest auch in einer größeren Perspektive gesehen wird. Einfach gesagt: Wer im Wendland gegen Atomendlager kämpft, der ist sich durchaus auch darüber bewusst, dass Kohle ein Klimakiller ist. Da müssen keine wilden Aktivisten mit moralischen Appellen kommen.

Uns steht das Wasser bis zum Hals

Natur- und Klimakatastrophen nehmen in Menge und Intensität seit einigen Jahren zu, auch direkt vor unserer Haustür – siehe die beiden großen "Jahrhundert"-Hochwasser in einem Abstand von nur einer Dekade. Was weder in den Medien noch in der Politik diskutiert wird, ist der Zusammenhang zwischen Energieerzeugung, Klimawandel und zunehmenden Extremwetter-Ereignissen. Die Bilder der Flut verblassen, es wird über technischen Hochwasserschutz und ökologische Überflutungsräume gestritten. Die Energiebewegung folgt einem wissenschaftlichen Diskurs, wonach Energieerzeugung, Klimakrise und Extremwetter-Häufung langfristig zusammenhängen. Es wird darauf ankommen, diesen Zusammenhang mehr Menschen ins Bewusstsein zu rufen.

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Auftakt zur Südroute in Freiburg. (Foto: Reclaim Power Tour/Tourtagebuch)

Es geht der Energiebewegung damit um eine Neujustierung gesellschaftlicher Naturverhältnisse, die durch den industrialisierten Kapitalismus und seine ressourcenzehrende Wachstumslogik aus dem Gleichgewicht geraten. Der Problemdruck auf Gesellschaft, Umwelt und Klima ist jetzt so hoch, dass eine Bewegung wachsen dürfte, die diesen menschengemachten Krisen auch in einem gesellschaftskritischen Ansatz auf den Grund geht. In Anlehnung an Jürgen Habermas darf man auf die formative Kraft des Faktischen hoffen.

Stefanie Groll ist Klima- und Energieaktivistin bei gegenstromberlin
(Foto: kra)

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