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"Nachhaltigkeitsprüfung für Windkraft"

 

 

Von Lutz Wicke
Professor Lutz Wicke, Direktor des Instituts für Umweltmanagement an der Wirtschaftshochschule ESCP

 

Die Landschaft im wunderschönen Baden-Württemberg soll innerhalb der kommenden Jahre sehr viel stärker verändert als in den vergangenen 150.000 Jahren. Bis 2020 will die Landesregierung 1.200 neue Windkraftanlagen errichten, bis 2050 sollen es gar 8.000 sein. Weil dieses Land besonders windschwach ist, muss sich die Landesregierung aber dabei an ihren größten Landschaftsschätzen vergreifen. Anders als andere Bundesländer hat sie das gesamte Land für die "Öko-Bebauung" freigegeben. Landbesitzer, Entwickler, "grüne" Investoren und die Industrie werden deshalb dafür sorgen, dass Baden-Württemberg in wenigen Jahren nicht wiederzuerkennen sein wird. In prägenden Gebieten wird das Land in eine "Öko-Industrielandschaft" umgewandelt sein.

Die Windenergie ist eine sympathische und sinnvolle Art der Energieerzeugung, sie trägt zu einem nachhaltigen Energiemix in Deutschland bei. Deshalb muss man Ja zu Windkraftanlagen sagen – allerdings nur dort, wo sie landschafts- und kulturlandschaftsprägende Gebiete nicht über die Maßen negativ beeinflusst. Überall dort aber, wo sie die Landschaft mehr als substanziell beeinträchtigen, muss man "Nein" sagen. Es darf nicht sein, dass die Windkraft, nur weil sie prinzipiell zur nachhaltigen Energieerzeugung beiträgt, per se als sakrosankt deklariert wird.

Mörickes "Blaue Mauer" wird zerstört

Ein konkretes Beispiel: Allein im Stuttgarter Raum auf der Schwäbischen Alb werden voraussichtlich bis zu 150 Anlagen an zwei Dutzend Standorten in einem der windreichsten, aber landschaftlich sensibelsten Gebieten des Landes errichtet werden. Dadurch werden große Teile der wundervollen, circa 150 Kilometer langen "Blauen Mauer" (Eduard Möricke) des Albtraufs der Schwäbischen Alb als ein landschaftliches Highlight des "Ländles" auf unabsehbare Dauer zerstört. Die 200 Meter hohen Windkraftanlagen hoch oben auf der bis zu 400 Meter hohen Blauen Mauer sind noch aus 100 Kilometern Entfernung gut sichtbar. Diese Fakten sind weder zu übersehen noch durch ein Ministerpräsidenten-Basta ("Das sind schöne Maschinen") wegzudiskutieren. Dass sich hieran auch einige Wissenschaftler und Umweltverbände des Landes beteiligen, ist schlicht Umwelt-Verrat, denn Landschaft ist ein äußerst wichtiger Teil des Begriffs und des Schutzgutes Umwelt. Die Bewohner des Landes und ihre Kinder und Kindeskinder werden die Schwäbische Alb nie wieder in ihrer ursprünglichen Gestalt genießen können.

Deshalb sollte man für eine nachhaltige Umwelt-, Landschafts- und Naturnutzung die Weisheit ernst nehmen: "Wir haben unsere Umwelt nicht von unseren Vätern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen." Will heißen: Wir müssen uns mit ganzer Kraft gegen Landschaftszerstörung wehren.

Im Gegensatz zur grün-roten baden-württembergischen Regierung nehmen die allermeisten Landesregierungen das auch ernst. Zum Beispiel bemühen sich die Bundesländer an Nord- und Ostsee, die Windräder hinter dem Horizont zu verstecken. In Niedersachsen denkt auch niemand daran, die Höhen und prägenden Konturen des Landes, zum Beispiel im Harz, im Teutoburger Wald oder im Weserbergland, mit Windkraftanlagen für die nachfolgenden Generationen optisch zu ruinieren. Auch das von der baden-württembergischen Landesregierung immer wieder angeführte Windkraft-Vorbildland Rheinland-Pfalz verschont die sensiblen und touristisch besonders wertvollen Gebiete der Eifel, der Mosel und der Ahr.


Die Schwäbische Alb: Nach dem Willen der Stuttgarter Landesregierung drehen sich hier am Horizont bald Windräder. (Foto: B-bitzer/Wikimedia Commons)

Auch wenn man die Technologieförderung der Erneuerbaren, den damit verbundenen Aufbau von Arbeitsplätzen, das Aussteigen aus fossilen Energieträgern und die Verringerung der Abhängigkeit von Energieexporten für wichtig hält, muss man doch auch den Pferdefuß berücksichtigen: Der tatsächliche Beitrag der Windkraft liegt aufgrund der europäischen Klimaschutzregelungen bei Null. Denn die Gesamtmenge des EU-Kohlendioxidausstoßes aus großen Stromerzeugungs- und Industrieanlagen ist im Rahmen des europäischen Emissionshandelssystems fixiert. Der landschaftökologisch zum Teil sehr teuer erkaufte baden-württembergische Windstrom ersetzt zwar überwiegend heimischen Kohle- und Gasstrom. Die Klimazertifikate, diedadurch hierzulande nicht benötigt werden, können aber an anderer Stelle eingesetzt werden beziehungsweise senken den Zertifikatspreis – die europäischen Kohlestrom-Erzeuger zum Beispiel in Polen freuen sich. Die Gesamtemissionen der EU bleiben konstant.

Diese häufig bestrittenen Fakten können nur zu einem Schluss führen: Alle Energie- und Infrastrukturanlagen sollten einer Umwelt- und Nachhaltigkeits-Verträglichkeitsprüfung (UNVP) unterzogen werden – das heißt auch die Erneuerbaren-Anlagen. Gebaut werden sollten ausschließlich die Anlagen, die als UNVP-verträglich eingestuft wurden. Solche Anlagen sollten dann zügig errichtet werden.

 
Lutz Wicke war langjähriger Wissenschaftlicher Direktor am Umweltbundesamt sowie ehemaliger Umweltstaatssekretär, analysiert seit 25 Jahren die deutsche und internationale Klimapolitik. Professor Wicke hat unter anderem zusammen mit Joschka Fischer, Jo Leinen und Franz Alt an der parteiübergreifenden Initiative Ökologischer Marshall-Plan mitgewirkt und verschiedene Studien und Bücher veröffentlicht , unter anderem "Beyond Kyoto" und zusammen mit den Wissenschaflern Hans-Joachim Schellnhuber und  Daniel Klingenfeld vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung "Die 2°max-Klimastrategie".

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