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"Das Zwei-Grad-Ziel ist nicht zu halten"

Der Petersberger Dialog: In Berlin treffen sich ab heute mehr als 30 Umweltminister, um neuen Schwung in die internationalen Klimaschutz-Verhandlungen zu bringen. Während die Emissionen steigen, steigen, steigen, halten die Politiker stoisch am "Zwei-Grad-Ziel" fest. Zeit also, über eine Strategie des Scheiterns nachzudenken.

Ein Standpunkt von Oliver Geden, Stiftung Wissenschaft und Politik 

geden_sw_kleinKnapp ein halbes Jahr vor dem Weltklimagipfel in Katar treffen sich ab heute mehr als 30 Umweltminister in Berlin, um beim traditionellen "Petersberger Klimadialog" über den Stand der internationalen Klimapolitik zu sprechen. Das Motto der Konferenz könnte kaum treffender ausfallen: "Matching Ambition with Action".

Ein Hauptthema des Klimadialogs, die sogenannte "Ambitionslücke" zwischen dem Zwei-Grad-Ziel und dem gegenwärtigen globalen Emissionspfad, wird mit jedem Jahr drängender. 1990 lagen die jährlichen Treibhausgasemissionen bei 37 Gigatonnen, inzwischen bei mindestens 50 Gigatonnen. Um eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2 Grad Celsius noch erreichen zu können, müssten die globalen Emissionen nach Auffassung der Klimaforschung bis 2020 auf 44 Gigatonnen reduziert werden und danach jahrzehntelang rapide sinken. Das ist theoretisch möglich, politisch aber vollkommen unrealistisch. Das globale Klimaziel wird deshalb in einigen Jahren angepasst werden müssen.

Veränderungen am Zwei-Grad-Ziel sind jedoch heikel. Nicht nur, weil die EU die globale Zielformel einst auf UN-Ebene durchgesetzt hat und ein Scheitern des Ziels als politische Niederlage empfinden würde. Sondern vor allem auch deshalb, weil sich die langfristigen Emissionsreduktionsziele der EU, Deutschlands und inzwischen auch einiger Bundesländer direkt aus dem Zwei-Grad-Ziel ableiten.

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Anlässlich des Klimagipfels 2008 in Poznań starteten Umweltschützer eine Kampagne, um die EU zu mehr Engagement fürs Zwei-Grad-Ziel zu bewegen. (Foto: Friends of the Earth)

Bei einer expliziten Abschwächung des globalen Klimaziels würde auch der Minderungskorridor von 80 bis 95 Prozent bis 2050 (gegenüber 1990) unter Druck geraten. Auch die klimawissenschaftliche Politikberatung hat in diesem Prozess viel zu verlieren. Denn bei einer Absage an das prominente Ziel wäre ganz offenkundig auch der Versuch misslungen, der Politik wissenschaftsbasierte Handlungsbeschränkungen aufzuerlegen.

Unter den denkbaren Veränderungsoptionen wird die EU deshalb diejenigen favorisieren, die am wenigsten auf einen Bruch mit dem bisherigen Politikansatz hinauslaufen. Die Europäer werden beispielsweise nicht für eine neue Obergrenze von 2,5 oder 3 Grad Celsius plädieren, denn dies wäre unzweifelhaft als Abschwächung der klimapolitischen Ambitionen erkennbar.

Die Reputation der Klimawissenschaft steht auf dem Spiel

Aus Sicht der EU wäre es attraktiver, das Zwei-Grad-Ziel formell beizubehalten, seinen Charakter aber entscheidend zu verändern. Statt es weiterhin als strikte Obergrenze zu definieren, ließe es sich auch als erst langfristig erreichbare Orientierungsmarke verstehen. Dies wäre zwar mit dem Eingeständnis verbunden, dass es nicht gelingen wird, ein Überschreiten der als Grenze zum "gefährlichen Klimawandel" verstandenen Zwei-Grad-Marke zu verhindern. Aber es bliebe beim Versprechen, die globale Durchschnittstemperatur langfristig unter der etablierten Marke zu stabilisieren.

Die EU müsste aber auch für begrenzende Parameter eintreten, also für eine Definition des Maximalwerts der Überschreitung der Zwei-Grad-Marke sowie für eine Höchstdauer der gesamten "Overshoot"-Phase, also beispielsweise "60 Jahre bei einer Überschreitung von maximal 0,3 Grad".

Was für Klimapolitiker attraktiv ist, könnte für die klimawissenschaftliche Politikberatung jedoch zum Problem werden. Denn wenn die Zwei-Grad-Marke nach wie vor relevant sein soll, warum ist ein temporäres Überschreiten plötzlich nicht mehr "gefährlich"? Unter welchen Bedingungen lässt sich die Grenze verschieben? Sollte sich in der Öffentlichkeit der Eindruck verfestigen, dass die Grenze zum gefährlichen Klimawandel naturwissenschaftlich nicht eindeutig definiert werden kann, sondern zwischen Politik und Wissenschaft durchaus verhandelbar ist, dann steht die Reputation der Klimawissenschaft auf dem Spiel.

Die EU würde ihre internationale Führungsrolle unter bestimmten Bedingungen auch bei einem Overshoot-Ziel beibehalten können. Wenn die Europäer ihre eigenen Emissionsreduktionsziele nicht in Frage stellen, wird man ihnen nicht vorwerfen können, sie wollten von einer Modifikation des Zwei-Grad-Ziels selbst profitieren.

Allerdings dürfte die EU intern unter Druck geraten, wenn sie zwar ihren globalen Handelspartnern größere Spielräume zugesteht, nicht jedoch den europäischen Unternehmen. Im Zuge des UNFCCC-Prozesses würde die Position der Europäer ebenfalls nicht leiden, wenn sie die Overshoot-Option mit dem Argument verbinden, dass die Entwicklungsländer bei einem einkalkulierten Übersteigen der Zwei-Grad-Marke zusätzliche Anpassungsmittel benötigen.

Die Nichtregierungsorganisationen würden mitziehen

Wenn es der Klimaforschung gelingt, die Durchlässigkeit des Zwei-Grad-Limits nachvollziehbar zu begründen, wird sie den Vorschlag der EU unterstützen können, auch angesichts fehlender politischer Alternativen. Selbst die NGOs werden sich einem Overshoot-Diskurs nicht verweigern, denn das von ihnen bevorzugte 1,5-Grad-Ziel gilt schon heute als nicht mehr einhaltbar, wenn man es als strikte Obergrenze versteht. Wissenschaft und NGOs werden sich aber nur dann auf die Overshoot-Logik einlassen können, solange sie davon ausgehen können, dass die Regierungen die Begrenzungen nach Höhe und Dauer tatsächlich ernst nehmen.

Nimmt man die bisherigen Erfahrungen mit dem UNFCCC-Verhandlungsprozess zum Maßstab, dann ist jedoch zu befürchten, dass regelmäßig versucht werden würde, die einmal gesetzten Begrenzungen auszuweiten. Dies liefe darauf hinaus, das Zwei-Grad-Ziel immer mehr auszuhöhlen. Da ein endgültiges Scheitern am Zwei-Grad-Ziel jedoch ausgeschlossen ist, wenn es nicht mehr als strikte Obergrenze definiert wird, ließe es sich trotz ständiger Zielverfehlung beibehalten, ähnlich wie das schon 1970 auf UN-Ebene beschlossene, aber bis heute nie erreichte 0,7 Prozent-Ziel (bezogen auf das Bruttosozialprodukt) für Geberländer von Entwicklungshilfe.


So wird er wieder aussehen, der Petersberger Dialog. Größter Unterschied zum vergangenen Jahr wird vermutlich der Gastgeber sein: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU). (Foto: Dietrich Borst)

Von all dem wird beim Petersberger Klimadialog noch nicht die Rede sein. Man wird weiterhin die Zwei-Grad-Obergrenze bekräftigen und alle Staaten zum wiederholten Male zu mehr Ehrgeiz auffordern, vermutlich vergeblich. Das Vorhaben der Konferenz, Ambitionen und Handlungen in der internationalen Klimapolitik stärker aufeinander abzustimmen, wird sich in den kommenden Jahren wohl nur auf einem Weg realisieren lassen: durch eine Verringerung der Ambitionen.

 
Oliver Geden
ist Experte für die Klimapolitik der EU bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Dort veröffentlichte er kürzlich die Studie "Die Modifikation des Zwei-Grad-Ziels. Klimapolitische Zielmarken im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Beratung, politischen Präferenzen und ansteigenden Emissionen
".

Lesetipp: Das Zwei-Grad-Ziel: Ist die Erderwärmung noch zu stoppen? Eine Debattenserie auf klimaretter.info aus dem Jahr 2010 mit einem Auftaktbeitrag von Oliver Geden
[Erklärung]  
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