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"Der Angriff auf die Energiewende"


  

Von Anika Limbach,
Schauspielerin, Schriftstellerin
und Anti-Atom-Aktivistin

 

Zurzeit treiben die Energiekonzerne und ihre angeschlossenen Lobbyisten mit Hilfe der Medien und der Politik ein übles Spiel. Sie versuchen, die Energiewende auszuhebeln, ohne dass es die Öffentlichkeit merkt. Sie verbreiten Lügen, während sie hinterrücks Tatsachen schaffen – wie etwa die Kürzung der Solarförderung.

Nachdem sie dafür gesorgt haben, dass die Industrie auf Kosten privater Stromverbraucher weitgehend vom Netzentgelt und der EE-Umlage befreit wurde, behaupten sie nun, es seien die erneuerbaren Energien, die den Strompreis in die Höhe trieben. (Das Gegenteil ist der Fall: Durch die Photovoltaik ist der Strompreis an der Börse in den letzten Jahren sogar etwas gefallen). Darüber hinaus erwecken sie den Eindruck, als sei das Gelingen der Energiewende von Offshore-Windanlagen und von neuen Stromtrassen abhängig.

Was dahinter steckt, ist in Wirklichkeit der Versuch, die Kontrolle über den Strommarkt zu behalten und auszubauen. Die geplanten großen Stromtrassen von Norden nach Süden quer durch die Republik sind das Rückgrat – nicht der Energiewende, so wie behauptet wird – sondern der zentralistischen Versorgung, die seit jeher die Macht der Energiekonzerne sicherte.

Und dennoch, es ist für die Konzerne und ihre Töchter oder ehemaligen Tochterfirmen, die Übertragungsnetzbetreiber, schwerer geworden, ihre Absichten zu verbergen. Seit Wochen hat die Öffentlichkeit Einblick in den sogenannten Netzentwicklungsplan, der die Grundlage für den Bau der Stromtrassen liefern soll.


Geplant: Der Netzausbau. Doch was steckt eigentlich dahinter? (Foto: Tennet)

Noch bis zum 10. Juli gibt es die Möglichkeit, Einwendungen zu schreiben – per Post oder E-Mail. Diese dürfen nicht einfach ignoriert werden und beeinflussen deshalb die Neufassung des Plans, der dann dem Parlament vorgelegt wird. Es wäre also geradezu fahrlässig, wenn wir als Bürgerinnen und Bürger diese Chance nicht nutzen. Das Bündnis Antiatom Bonn hat dafür einen Musterbrief entwickelt, der sich bequem nutzen lässt.

Netzentwicklungsplans: Daten verzerrt und tendenziös

In der Tat ist der Netzentwicklungsplan (NEP) entlarvend – nicht so sehr der irreführende Text, dafür aber die zugrundeliegenden Daten.Wenn man sich diese genauer anschaut, stechen folgende Punkte heraus:

  1. Kohlestrom wird völlig überdimensioniert: Wie der BUND in seiner Analyse feststellte, gehen die Autoren des NEP für das Jahr 2022 von einer gigantischen Menge Kohlestrom aus. Sie wäre mit keinem ernsthaften Szenario zu rechtfertigen. Bei einer solchen Entwicklung würden nicht einmal die Klimaziele der Bundesregierung eingehalten werden. Sechs der im NEP aufgeführten neuen Kohlekraftwerke sollen in der Küstenregion gebaut werden, dort, wo es ohnehin ein großes Windstromangebot gibt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die geplanten Leitungen vor allem den überschüssigen Kohlestrom abtransportieren sollen.

  2. Photovoltaik grob unterschätzt: Es wird im NEP angenommen, dass der Zubau von Solaranlagen drastisch zurückgehen wird auf 2,3 Gigawatt pro Jahr. (Zum Vergleich: Für 2011 registrierte die Bundesnetzagentur einen Zubau von 7,5 Gigawatt) Trotz der Kürzungen wird Solarenergie in Zukunft aber weiter anwachsen. In wenigen Jahren sind die Module so preiswert, dass Anlagenbauer nicht mehr auf Förderung angewiesen sind, sondern Strom für den eigenen Bedarf erzeugen.

  3. Onshore-Windkraft-Anlagen: Inzwischen haben die südlichen Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg die Hürden für Onshore-Anlagen abgebaut, wodurch ein starker Anstieg der Windenergie in den nächsten 10 Jahren dort zu erwarten ist. Im NEP ist dagegen der Onshore-Anteil für 2022 sehr gering angesetzt (3,9 Gigawatt für Bayern und 3,6 Gigawatt für Baden-Württemberg). Das Fraunhofer Institut hat dagegen ein Windenergiepotential errechnet, das 90 Prozent des Stromverbrauchs abdecken würde.

  4. Energieeffizienz und Lastmanagement: Das Potential der Energieeffizienz, vor allem in der Industrie, ist enorm. Laut der Deutschen Energieagentur können die meisten Unternehmen mit einfachen Maßnahmen Energieeinsparungen von 5 bos 10 Prozent erreichen. Bei Investitionen sind in der Regel sogar 30 bis 40 Prozent möglich.

Die Bundesregierung hat die Zielvorgabe, innerhalb von 10 Jahren den Stromverbrauch um 10 Prozent zu senken. Dies entspricht nicht dem eigentlichen Potential. Zum anderen hat sie gerade in den letzten Monaten Regelungen eingeführt, die verhindern, dass sich Unternehmen um mehr Energieeffizienz bemühen.

Auch das Potential der Spitzenlastreduktion in der Industrie (Aluminiumherstellung, Kühlhäusern oder chemischer Industrie) liegt größtenteils brach, weil die Regierung es versäumt hat, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Bezeichnenderweise beziehen die Autoren des NEP die Effekte von Energieeinsparung und Lastreduktion nicht in die Szenarien ein, sondern behandeln sie erst anschließend in einer "Sensitivitätsbetrachtung".

  1. Der Atomausstieg wird vorgeschoben: In den Szenarien des NEP führen die vier großen Stromtrassen bis in das Verteilernetz der Atomkraftwerke im Süden, die laut Regierungsbeschluss bis zum Jahr 2022 abgeschaltet werden. Notwendig für den Atomausstieg wäre dies auf keinen Fall. Schon vor gut einem Jahr kamen Experten zu dem Ergebnis, dass sogar ein zügiges Abschalten aller AKW bis zum Jahr 2015 ohne Umbau der Netze problemlos möglich wäre.

Ausblenden, Ignorieren, Zurückhalten

Anfang Juni berichtete die TAZ über eine Studie des Umweltbundesamtes zum Potential der dezentralen Versorgung. Diese soll erst im Herbst, nach der Entscheidungsphase im Bundestag veröffentlicht werden. Kein Wunder also, dass die erneuerbaren Energien im NEP kaum Beachtung finden. Die dazu passenden, dezentralen Strukturen werden gleich völlig ignoriert.

Intelligente Netze ("Smart Grids") sind ein wichtiger Bestandteil solcher Strukturen. Durch diese Technik werden verschiedene, sich gegenseitig ergänzende EE-Anlagen miteinander verknüpft. So können etwa die Schwankungen von Sonnen- und Windstrom durch das Zuschalten vieler kleiner Blockheizkraftwerke ausgeglichen werden. (Beispiel: Schwarm-Projekt der Firma Lichtblick).

Gemäß diesem Prinzip haben sich in Deutschland inzwischen über hundert Regionen und Kommunen dem Ziel einer autarken Versorgung aus 100 Prozent erneuerbaren Energien angeschlossen.

Speicher bilden einen weiteren Baustein. Für Windparks ist das Verfahren, Strom in Methan umzuwandeln, besonders geeignet, für Solaranlagen bieten sich Batterie-Speicher an. Die Firma Panasonic ist vor Kurzem in die Massenproduktion von Litiumspeicher eingestiegen. Das riesige Potential in diesem Bereich wird in den nächsten Jahren also sicher genutzt werden.

Der Trend, sich von die Abhängigkeit von Übernetzbetreibern und Konzernen zu lösen, wird unweigerlich zunehmen, auch und vor allem auf kommunaler Ebene, zumal der Ausbau lokaler erneuerbarer Energien eine zusätzliche Wertschöpfung für die Gemeinden bedeutet. Die Verbraucher werden bei dieser Entwicklung von sinkenden Strompreisen profitieren.


Der Ausbau eines Netzes wird nicht immer nur betrieben, um Gutes zu tun. (Foto: N. Reimer)

Fazit: Die dezentrale Energiewende verbunden mit Maßnahmen zur Energieeffizienz ist sinnvoll, naheliegend und letztendlich preissenkend. Vor allem aber ist sie gegenüber einer zentralisierten Lösung wesentlich schneller umzusetzen. Kleinere Einheiten lassen sich nunmal viel zügiger errichten als Großprojekte. Onshore-Windkraftanlagen können innerhalb von Monaten gebaut werden. Dagegen ist die Windenergie auf hoher See eine noch nicht ausgereifte Technik, die viel mehr Zeit in Anspruch nimmt. Auch der Zeitraum für den Bau riesiger Stromtrassen steht in keinem Verhältnis zu den vielen, weniger aufwendigen Alternativen.

Was noch hinzukommt: Je mehr Geld in die Planung und den Bau von Stromtrassen gesteckt wird, desto größer wird der Sachzwang, diese Netze auch voll auszulasten. Die Verantwortlichen würden also eher den Strommarkt dieser Fehlplanung anpassen wollen als umgekehrt. Mit anderen Worten: Es würden Tatsachen geschaffen, die in eine falsche Richtung führen.

Anika Limbach, Jahrgang 1967, arbeitete mehrere Jahre als Schauspielerin, später auch als Regisseurin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Zur Anti-Atom-Bewegung stieß sie im März 2009 mit den Protesten gegen RWE und das Belene-Projekt.

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