Von ‚exotischen‘ Energien zu solaren Zeiten
Von Bastlern und Tüftlern zu einer milliardenschweren Industrie: 50 Jahre hat die energetische Nutzung der Sonnenkraft gebraucht, um sich als Alternative zur Atomkraft zu etablieren. Klimaretter.info-Korrespondent Bernward Janzing hat diese Geschichte aufgezeichnet und ein sehr lesenswertes Buch vorgelegt.
Eine Rezension von Nick Reimer
"Strom aus Sonnenlicht" ist eine Meldung betitelt, mit der die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 27. April 1954 ihre Leser über die Erfindung der Solarzelle informiert. Auf mageren 13 Zeilen handelt die Zeitung das Thema ab – nicht ahnend, welche Bedeutung diese Erfindung einmal haben würde.

Pioniere: Mitarbeiter des Energielabor Oldenburg im zeitgemäßen Look.
Ausgegraben hat diese Meldung Bernward Janzing für sein Buch "Solare Zeiten". Der Freiburger Korrespondent von klimaretter.info beschreibt darin "die Karriere der Sonnenenergie", wie es im Untertitel heißt. Ein fulminantes Buch, unterhaltsam zu lesen, detailreich und fundiert. Bernward Janzing zählt zu einem der besten Journalisten seines Faches im deutschsprachigen Raum.
Spannend wird die Lektüre auch durch ein gelungenes Layout mit Fotos und Faksimiles aller Art, mit historischen Fotos oder Flugblättern genauso wie mit aktuellen Grafíken. Auch Info-Blöcke gibt es, die verschiedene Technologien erläutern, etwa die Tour de Sol – ein Wettrennen von Solarmobilen, das Wüstenstromprojekt Desertec oder den Protest gegen das Atomkraftwerk Wyhl. Denn Janzing weist nach: Die Erfolgs-Geschichte der Sonnenenergie funktionierte nur, weil sich Menschen gegen den Atomstrom wehrten.
Begonnen hatte alles mit der Raumfahrt: Am 17. März 1958 schossen die USA den Satelliten Vanguard 1 ins All. Bestückt mit Solarzellen, sollte ein Fünf-Milliwatt-Reservesender mit Energie versorgt werden. Auch in Deutschland wurde an der Weltraumtechnologie geforscht: In Heilbronn begann sich eine Gruppe von Wissenschaftlern 1964 mit der Photovoltaik zu befassen.
Daneben sind es politisch motivierte "Tüftler", die die Sonnenkraft nutzbar machen wollen. In den 70er Jahren versucht die fossile Energiewirtschaft, Strom auch als Heizenergie zu verkaufen. Erste Sonnenkollektoren zur Heizung und Warmwasseraufbereitung entstehen als Protestantwort.

1978: Das erste Solarmobil der Welt.
Dann passierte 1986 Tschernobyl und bei ihrer Suche nach einer politischen Antwort entdecken die ersten Politiker die Solarkraft für sich. Schließlich verabschiedete der Deutsche Bundestag 1990 das Stromeinspeisungsgesetz, das die Netzbetreiber verpflichtet, Strom aus erneuerbaren Erzeugungsanlagen auch tatsächlich in ihr Netz einzuspeisen. Für Wind- und Solarstrom müssen die Netzbetreiber 17 Pfennige je Kilowattstunde bezahlen. Um eine Solaranlage wirtschaftlich betreiben zu können, wären damals allerdings 1,70 Mark notwendig gewesen.
Anfang der 90er Jahre läuft mit dem 1.000-Dächer-Programm erstmals in Deutschland ein Massenprogramm an. Der Bund zahlt 50 Prozent Zuschuss auf die Anlagen- und Installationskosten, die Länder gewähren weitere 20 Prozent. Wirtschaftlich attraktiv ist das Angebot aber noch nicht: Für eine Drei-Kilowatt-Anlage müssen Interessenten immer noch 20.000 Mark zusätzlich berappen, bekommen aber gerade einmal 500 Mark Einspeisevergütung pro Jahr. Trotzdem werden über das Programm 2.250 Anlagen gebaut – knapp 6 Megawatt Solarstromkapazität. Das Förderprogramm macht die Einspeisung von Solarstrom salonfähig – und begründet eine zarte, junge Herstellerstruktur. Vor allem aber zerstört es das Vorurteil, dass damals Solarenergie fast erdrosselt hätte: Die Einspeisung des Sonnenstrom destabilisiere das Netz.
Dem 1.000-Dächer-Programm folgt das 100.000-Dächerprogramm, folgt der Einspeisetarif nach dem Erneuerbaren Energien-Gesetz. Und damit entwickelte sich ein Markt, der die Stückkosten drastisch senkte. Kostete ein Kilowatt (peak) installierte Photovoltaikleistung 1983 noch - in heutige Wärung umgerechnet - 17.500 Euro, so sind es in diesem Jahr nur noch 3.750 Euro.

Die bis dato größte Solarmesse der Welt: 1976 am Kaiserstuhl bei Freiburg mit 12 Ausstellern, Folge des AKW-Widerstands in Wyhl.
Lag der Wirkungsgrad eines klassischen Siliziummoduls 2003 noch bei 13 Prozent, können sie heute im Durchschnitt bereits 16 Prozent der Sonnenenergie zu Strom ausbeuten. Im Umkehrschluss heißt dies, dass Solarstrom immer billiger geworden ist. Sah das erste EEG noch 1,50 Mark als Einspeisetarif vor, so wird er nach Janzings Prognose binnen der nächsten zwei Jahre "Netz-Strom-Parität" besitzen – also so teuer sein wie der Strom aus der Steckdosen.
Wie fundiert Janzings Recherche ist, zeigt ein Blick über die Grenzen. Es ist der Blick auf Entwicklungen in Österreich oder den Niederlanden, der das Gesamtbild abrundet. Dabei bildet Janzing auch die Entwicklung im oft vergessenen Teil Deutschlands ab, "der Deutschen Demokratischen Republik (DDR)", wie es im Buch heißt: In Mötzlich etwa, einem Stadtteil von Halle, stattete der VEB Wohnungsbau Halle-Neustadt Ende der 70er Jahre vier Einfamilienhäuser mit Sonnenkollektoren aus. Außerdem erzählt Janzing auch von der "Sekundärenergie", einer Zeitschrift, die sich unter dem Dach der Kirche den Erneuerbaren widmete. Und er erzählt die Geschichte von Jens Blochberger, der die erste Photovoltaikanlage der DDR ans Netz brachte – mit einer Leistung von 1,06 Kilowatt.
Aus solch niedlichen Zahlen ist längst Großindustrie geworden: Erstmals war in diesem Jahr im März mehr Solarstrom als Atomstrom im Netz. Zwar hat die Regierung neuerlich den Einspeisetarif gekappt und vielen deutschen Solarfirmen steht das Wasser bis zum Halse. Aber die Behauptung, die Janzing mit seinem Titel "Solare Zeiten" aufstellt, ist längst Realität: Strom aus der Sonnenkraft hat sich in Deutschland durchgesetzt – wenn auch noch nicht flächendeckend.

Anfänge der Solarthermie: die erste Anlage von Wagner & Co. (alle Fotos aus dem besprochenen Buch "Solare Zeiten")
Janzings Buch gibt aber auch einige Erkenntnisse für die Zukunft: "Mehr als fünf Prozent sind bei Sonnenenergie, Windenergie, Erdwärme und anderen ‚exotischen‘ Energien einfach nicht drin", sagte Hans Karl Schneider, Leiter des energiewirtschaftlichen Institutes der Universität Köln EWI, noch 1977. Dieses Institut hatte im Auftrag der Bundesregierung empfohlen, die deutschen Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Und mit ihrer Studie so seinerzeit maßgeblich die energiepolitische Zukunft der Bundesrepublik bestimmt.
Aktuell liefern die ‚exotischen‘ Energien aber über 20 Prozent des deutschen Strom-Bedarfs. Vielleicht ist es an der Zeit, das Institut endlich einmal abzuwickeln.
Bernward Janzing: "Solare Zeiten - die Karriere der Sonnenenergie"
Picea-Verlag, Freiburg, 2011
192 Seiten, 24 €
ISBN 978-3-9814265-0-2
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 19 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





In internen Papieren äußert das Bundesumweltministerium herbe Kritik am Regierungsgutachten zu künftigen Energieszenarien. Auch Greenpeace und Germanwatch rügen irreführende Vorgehensweise.
Knapp 70 Menschen diskutieren im Forum "Saubere Energie 2025 – aber wie" über den Umbau unserer Energieversorgung. Vier Experten von attac, co2-online, Greenpeace und den Stadtwerken München geben unter fachkundiger Moderation vom BUND einen Überblick über ihre Erkenntnisse, Ideen und Visionen. Aber auch die Teilnehmer sind auffallend gut informiert.
Nur Wochen nach dem Castor-Transport von La Hague nach Gorleben sind Castoren aus Frankreich auf dem Weg ins Zwischenlager Lubmin - begleitet von Protesten. Im Atommüll-Lager Asse tritt immer mehr radioaktive Flüssigkeit aus und das AKW Biblis leckt. 
Die Desertec-Projektgesellschaft plant den ersten Kraftwerkspark. Der soll "möglichst schnell" in Marokko entstehen, sagte Paul van Son, Leiter des Wüstenstrom-Projekts
Wüstenstromprojekt kündigt Bau einer Referenzanlage ab 2013 an
Auf einer zweitägigen Konferenz in Kairo bahnt die sogenannte Desertec-Initiative weitere Partnerschaften an. Neben dem Referenzprojekt in Marokko sind auch Anlagen in Tunesien und Algerien geplant
Die Desertec-Initiative plant ein riesiges Solarkraftwerk in Marokko. Der Wüstenstrom soll spätestens im Jahr 2016 fließen
Als gelernter DDR-Bürger konnte man eine Menge lernen im System des Kapitalismus - oder in der "Marktwirtschaft", wie es freundlicher umschrieben heißt. Lesen Sie mal!
Mit Grün-Rot soll es in Baden-Württemberg beim Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich schneller vorangehen. Bis zum Jahr 2020 möchte die Landesregierung den Anteil im Stromsektor auf 38 Prozent erhöhen. Das wäre doppelt so viel wie im Jahr 2010.
Fotovoltaik-Wissenschaftler könnten den "Deutschen Zukunftspreis 2011" des Bundespräsidenten gewinnen
Gehen Vattenfall und RWE jetzt als erstes auf die Barrikade gegen längere Laufzeiten der Atomkraftwerke? Glaubt man der Analyse des Öko-Institutes, wäre das den fossilen Großkonzernen dringend anzuraten.
Frank Mastiaux soll die Leitung des drittgrößten deutschen Stromkonzerns übernehmen
WWF-Studie zur globalen Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien bis 2050
Das Wüstenstromprojekt von RWE, Siemens und Co. heißt nicht mehr Desertec. Stattdessen soll es nun unter DII GmbH bekannt werden, damit es künftig keine Verwechslungen mehr mit der Desertec Stiftung gibt



