Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt
Alle starren auf das Wirtschaftswachstum. Doch das Bruttoinlandsprodukt taugt nicht als Maßstab für den Wohlstand. Die Wissenschaftler Hans Diefenbacher und Roland Zieschank zeigen in ihrem Buch "Woran sich Wohlstand wirklich messen lässt" eine interessante Alternative auf.Von Michael Müller
Die Debatte über die richtige Messung des wirtschaftlichen Wachstums ist nicht neu, schon in den siebziger Jahren wurde nach Indikatoren gesucht, die Wachstum und Wohlfahrt neu definieren. Bereits damals wurde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) kritisch gesehen, weil es die sozialen und ökologischen Schäden des Wachstums nicht berücksichtigt und von daher den gesellschaftlichen Wohlstand nicht angemessen abbildet. Das BIP ist blind für vieles, was unser Leben bereichert: ehrenamtliche Leistungen, gerechte Chancen, gesunde Umwelt oder der faire Zugang zu medizinischer Versorgung.

China wächst - oder doch nicht? Skyline von Langshou (Foto: Reimer)
Nun rückt die Debatte erneut ins Zentrum. Weltweit wird nach Alternativen gesucht. In Frankreich, Großbritannien, bei der Europäischen Union oder in den USA, überall suchen Wissenschaftler nach Alternativen, werden Regierungskommissionen eingesetzt und in Deutschland wurde eine Enquete-Kommission gebildet, die sich mit Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität beschäftigt.
Zwei langjährige Ideengeber der Umweltbewegung, der Heidelberger Wirtschaftsprofessor Hans Diefenbacher und der Berliner Nachhaltigkeitsforscher Roland Zieschank, haben eine Alternative entwickelt, den Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI). Sie plädieren für ein neues Verständnis von Wachstum, dargestellt durch die Zu- oder Abrechnung von Summen, je nachdem ob sie die gesellschaftliche Wohlfahrt steigern oder mindern.
In seiner Grundvariante umfasst der NWI 21 Indikatoren. Einbezogen wird dabei die nicht über den Markt bezahlte Wertschöpfung durch Hausarbeit und Ehrenamt. Sechs Indikatoren bilden zusätzliche soziale Faktoren ab, neun Faktoren beziehen sich auf die ökologische Bewertung. Schließlich wird auch negativ die Nettoneuverschuldung einbezogen, positiv dagegen Ausgaben für die ökologische Transformation.
Eine entscheidende Erkenntnis des NWI im Vergleich zum BIP ist: Während das BIP stieg, sank das NWI schon seit Anfang des letzten Jahrzehnts. Die Hauptgründe liegen in der zunehmenden Ungleichheit in der Einkommensverteilung und den negativen Effekten im Umweltbereich, deren größter Posten die Ersatz- und Reparaturkosten in der Nutzung nicht erneuerbarer Energien ist. Diefenbacher und Zieschank zeigen auf, wie sich Wohlstand wirklich messen lässt. Ein anregendes Buch, genau richtig in einer Zeit, wo wir nach neuen Wegen suchen.
Hans Diefenbacher / Roland Zieschank: Woran sich Wohlstand wirklich messen lässt. Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt. Oekom-Verlag, München 2011. 115 Seiten, 12,95 Euro, ISBN 978-3-86581-215-5
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