Das Ende der EEG-Anarchie
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist so etwas wie die Heilige Kuh der Erneuerbaren-Branche: der Ausgangspunkt, mit dem der Siegeszug von Wind- und Solarenergie anfing und der bis heute den Fluss von Fördermitteln für immer neue Anlagen garantiert. Ausgerechnet der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) legt nun einen Sammelband vor, in dem prominente Wissenschaftler das EEG für untauglich erklären, um zu einer Vollversorgung mit Erneuerbaren zu kommen - und diskutieren Alternativen.
Eine Rezension von Martin Reeh
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz könnte man bislang als eine gelungene Mischung aus Anarchie und Zwang charakterisieren: Jede udn jeder darf eine Wind- oder Solaranlage errichten, die Netzbetreiber müssen anschließen, die Verbraucher zahlen. Diese Methode hat getaugt, um die Erneuerbaren am Markt zu etablieren - aber taugt sie auch, eine Vollversorgung mit regenerativen Energien zu erreichen? Der Bundesverband Erneuerbare Energie zeigt sich zumindest skeptisch - und lässt in einem Sammelband die erste Reihe der mit den Erneuerbaren sympathisierenden Energiewissenschaftler über Alternativen zum EEG nachdenken. Hintergrund ist auch die Ankündigung der Bundesregierung vom letzten Herbst, über ein eigenes Design für einen künftigen Strommarkt nachzudenken. Der BEE möchte sich offenkundig mit eigenen Vorschlägen wappnen.

Ab jetzt wird geplant: Nie wieder eine hohe Konzentration von Windrädern? (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
In der Tat lassen sich eine Reihe von Fragen mit dem jetzigen EEG nicht beantworten: Wie lässt sich das regionale Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Erneuerbaren (Windenergie im Norden, Solarenergie im Süden) steuern? Wie soll entschieden werden, welche der regenerativen Energien welchen Anteil erhält, bis vor allem die letzten Prozente zu einer 80- bis 100-Prozent-Versorgung erreicht werden? Und welche der Regenerativen sollen bei einem Überangebot an Strom abgeschaltet werden?
Im konventionellen Segment entscheidet sich letzteres nach der sogenannten Merit Order, die auf den Grenzkosten, also dem Preis für die Produktion einer zusätzlichen Stromeinheit, beruht: Die Kraftwerke, die am wenigsten Brennstoffkosten plus Kosten für Emissionsrechte verursachen, bleiben am längsten am Netz. Erneuerbare Energien wie Wind und Solar aber haben Grenzkosten von null Euro - andere Lösungen müssen also her.
Groscurth: Schluss mit Photovoltaik
Die Experten, die der BEE zu Wort kommen lässt, schlagen sämtlich vor, mehr Planungselemente in den Ausbau der Erneuerbaren einzuziehen. Die vielleicht radikalste Position vertreten Sven Bode und Helmut Groscurth vom Arrhenius-Institut für Energie- und Klimapolitik in Hamburg. Sie bringen ein Markt-Mengen-Modell ins Spiel, das Ähnlichkeiten zu dem in Großbritannien verwirklichten Quotenmodell aufweist: feste Obergrenzen und eine zentrale Planung für die einzelnen Energiearten, um Überkapazitäten zu vermeiden - verbunden mit Ausschreibungen für einzelne Techniken. Eine noch näher zu bestimmende zentrale Einrichtung soll den Ankauf von festen Strommengen aus einer Anlage über eine feste Anzahl von Jahren vergeben. Den Zuschlag erhält jeweils der billigste Bieter.
Freunde der Solarenergie sind beide nicht. Groscurth sagte kürzlich, mehr als die derzeit installierten 17 Gigawatt Photovoltaik sollten nicht mehr installiert werden, es sei denn, "die Vollkosten der Photovoltaik sind billiger als die Betriebskosten einer Backup-Technologie", also von Spitzenlastkraftwerken. Das Bode/Groscurth-Modell überträgt das Höchstmaß an staatlicher Planung, wie es derzeit in der Infrastrukturpolitik existiert (Staat plant exakten Bedarf und schreibt an billigsten Anbieter aus) auf die Energiepolitik. Seine Realisierungschancen dürften eher gering sein. Schließlich verlässt es einerseits mit seiner Ablehnung der Photovoltaik die an einer einträchtigen Förderung aller Erneuerbaren orientierte bisherige Politik und vermeidet andererseits einen differenzierteren Mix aus Planung und Markt, wie er in der deutschen Wirtschaftspolitik inzwischen jenseits der klassischen Infrastrukturpolitik üblich ist.
Peter/Krampe: Regionale Differenzierung der EEG-Förderung
Interessanter sind die mittleren Positionen im BEE-Sammelband. Dazu zählen Felix Christian Matthes vom Öko-Institut sowie Frank Peter und Leonard Krampe von Prognos. Peter und Krampe beschäftigen sich mit den Folgen des einheitlichen Strommarkts in ganz Deutschland. Weil etwa Braunkohle nach der Akw-Abschaltung in der Merit Order nach vorn rückt, würden die ostdeutschen Kraftwerke auch dann noch Strom produzieren, wenn der Gesamtstrombedarf im Osten alleine durch die Erneuerbaren gedeckt würde. Für eine Regionalisierung der Stromerzeugung näher am Verbrauch und damit auch eine Reduzierung des notwendigen Netzausbaus bestehe kein Anreiz. Als Lösung schlagen sie ein "Zonal Pricing" vor, also die Einrichtung von drei getrennten Strommärkten in Deutschland (Nord-West, Nord-Ost und Süd). Für die flukturierenden Erneuerbaren, also Wind und Solar, hätte dies zwar keine Auswirkungen.
Zugleich aber schlagen sie eine regionale Differenzierung des EEG vor, um Anreize zum Ausbau vor allem der Photovoltaik dort zu schaffen, wo diese bisher wenig errichtet worden ist. Man müsse "die Konzentration der Photovoltaik in Bayern und Baden-Württemberg wegbekommen", sagt Peter. "Wenn wir bis zu 60 oder 70 Gigawatt Solarstrom wollen, können wir nicht 60 oder 70 Prozent davon in diese Bundesländer nageln."
Matthes: EEG nur noch eine von vier Finanzierungsquellen
Felix Christian Matthes will sich auf bestimmte Elemente nicht festlegen. Man werde experimentieren müssen, glaubt er. In den nächsten Jahren werde man sich dabei zunächst auf den konventionellen Energiemarkt konzentrieren, bei den Erneuerbaren lediglich die Biomasseförderung verändern müssen. Neben der jüngst beschlossenen Marktprämie befürwortet er auch eine Kapazitätsprämie, also eine Förderung bereits für das reine Vorhalten der Kraftwerke, auch wenn diese wegen hoher Wind- oder Solarstromanteile nicht einspeisen können.

Photovoltaik-Anlage in der Nähe von Freiberg/Sachsen. (Foto: Eclipse.sx/wikipedia)
Bezüglich der Photovoltaik hat Matthes kein konkretes Modell. "Aber sobald wir mittags um zwölf Uhr im europäischen Markt negative Preise wegen der Photovoltaik sehen, gibt es eine Rationalität, den Ausbau der Photovoltaik massiv zu dämpfen." Gänzlich abschaffen will er das EEG nicht, zumindest nicht mittelfristig. "Für die flukturierenden Energien wie Wind und Sonne wird es noch sehr lange eine Basisfinanzierung geben müssen. Es wird aber nur eine von vier Finanzierungsquellen sein. Das Zweite wird ein Strompreissignal sein, das Dritte ein Kapazitätsmarktsignal, das Vierte ein Systemdienstleistungssignal." Letzteres wird derzeit schon in der Windenergieförderung für technische Vorrichtungen zur Stabilisierung des Netzes bezahlt.
Das Ausschreibungmodell von Bode/Groscurth lehnt Matthes ab - es habe ein zu großes "Perversionspotenzial", biete also zu viele Möglichkeiten, bei Technologieentscheidungen Lobbyinteressen zu folgen. Aber wenn sich die Branche einer "rationalen Übergangsdebatte" nicht stelle, werde sich das EEG "selbst abschießen" oder ein Bode/Groscurth-Modell befördern. Die Branche halte mitunter zu lange an Regelungen fest, weil sie versuche, "das Instrument zu retten, und nicht mehr die Frage stellt, welche Funktionalität das Instrument haben muss".
Dietmar Schütz/Björn Klusmann: Die Zukunft des Strommarkts. Anregungen für den Weg zu 100 Prozent Erneuerbare Energien, Ponte Press Verlag, Bochum 2011, 24,80 Euro.
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