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Sinfonie einer Albtraumtechnologie

Am Wochenende sind 160.000 Menschen für den Atomausstieg auf die Straße gegangen. Inmitten von Atommoratorium und neuen Ausstiegsszenarien stellt Regisseur Volker Sattel seinen Dokumentarfilm "Unter Kontrolle" dem Berliner Publikum vor. Der Film hinterlässt den Eindruck, die Atomkraft habe schon lange ausgedient.

Eine Rezension von Robin Palme und Kerstin Schnatz

Menschenleere Flure, künstlich klingende Lautsprecherdurchsagen auf weiträumigen Werkshöfen. Dicke stählerne Türen öffnen sich. Die Kamera fährt langsam durch das Atomkraftwerk. Sie zeigt ein System abgeschotteter Räume, Maschinen und Menschen, deren Leben von Routinen und Technologien bestimmt ist. Bilder, die nicht nur bei Industrieromantikern und Technikästheten einen Eindruck hinterlassen. Auf Kommentare aus dem Off wird vollständig verzichtet, dadurch entsteht viel Freiraum für eigene Gedanken. Drei Jahre lang haben Volker Sattel und sein Team an "Unter Kontrolle" gearbeitet und in mehreren Atomanlagen Filmaufnahmen gemacht.


Arbeiter in blauen Frotteemänteln auf dem Weg zur Arbeit im Atomkraftwerk (Fotos: farbfilmverleih.de)

Eine Archäologie der Atomkraft

Wie aus einem Grab heraus gibt der Blick vom Inneren eines Kühlturms den mit Wolken verhangenen Himmel frei. Auf dem Film-Plakat geht der Untertitel des Films beinahe unter: "Eine Archäologie der Atomkraft". Der gelernte Kameramann Sattel und sein Co-Autor Stefan Stefanescu sind davon überzeugt, dass die Atomtechnologie keine Zukunft hat: "Es ist klar, dass dieses System auch ohne Fukushima am Ende gewesen wäre" sagt der eine, der andere nickt.

Angesichts der Bilder, die wie Fotografien vergangener Tage wirken, ist man geneigt, den beiden Recht zu geben. Leitwarten von Atomkraftwerken sehen mit ihren ganzen mechanischen Knöpfen, Hebeln und Schaltplänen aus, als hätten Kulissenbauer die Kommandobrücke eines Raumschiffs aus einem1970-er Jahre Sciencefiction-Streifen schlecht nachgebaut. Kühltürme, die in der Nahaufnahme porös und bröckelig aussehen, als müssten an ihnen täglich neue Löcher gestopft werden. Vernebelungsanlagen, mit denen bei einem drohenden Flugzeugattentat das Atomkraftwerk vor den Terroristen im Nebel versteckt werden soll. Die Technik, mit der unsere heutigen Atomkraftwerke betrieben werden, kommt aus einer Zeit, als man anstelle eines Internetanschlusses noch dunkelgrüne Plastiktelefone mit Wahlscheibe im Flur stehen hatte und Jugendliche sich nach einem Atari Computer sehnten.

Genickbruch oder Wiedergeburt?

Das Atomkraftwerk Schneller Brüter Kalkar nahe der niederländischen Grenze ist heute ein Vergnügungspark mit 40 Fahrgeschäften. Ein Mitarbeiter sagt, die Reaktorkatastrophe in der Ukraine sei der Genickbruch gewesen – nach der Katastrophe im ukrainischen Tschernobyl ist das Kraftwerk nie ans Netz gegangen. Im Film klingt es, als meine er damit nicht nur den Schnellen Brüter sondern die gesamte Atombranche.

Die Zahlen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) deuten in eine andere Richtung.  Weltweit sind 64 Atomkraftwerke in Planung. 27 davon sollen alleine in China entstehen. Frankreich verfügt über 58 funktionstüchtige Reaktoren. Die französische Regierung setzt konsequent auf Atomkraft und exportiert die Technologie sogar ins Ausland. Diese Fakten sind Indizien dafür, dass die Blütezeit der Albtraumtechnologie noch nicht vorüber ist – und das trotz des jüngsten GAUs des Atomkraftwerks Fukushima in Japan.


Das AKW in Kalkar ist heute ein Vergüngungspark.

Ist die Welt, in der Menschen davon träumen, die Kraft des Atoms zu beherrschen, tatsächlich schon Vergangenheit? 160.000 Atomkraftgegner, die am vergangenen Samstag in 21 Städten auf die Straße gingen, dürften diese Frage eindeutig verneinen. Dass Atomkraftwerke der Geschichte angehören, daran werden sie wohl erst glauben wenn das letzte auch tatsächlich vom Netz geht.

"Unter Kontrolle" - Regie: Volker Sattel. Dokumentarfilm, Deutschland 2010, 98 Minuten. Kinostart: 26. Mai, www.unterkontrolle-film.de


Robin Palme und Kerstin Schnatz engagieren sich bei Strahlendes Klima e.V. Der Verein hat zwei freie Filme zu Uranabbau und Atomkraft herausgebracht.

http://images.klimaretter.info/filestore/3/7/2/4_80c7bc46445491c/3724pre_464fb5f78bd45ad.jpg?v=2011-05-30+14%3A16%3A53
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