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Schlemihl und der Salzsee

Warum erinnert das Buch "Das weiße Gold der Zukunft - Bolivien und das Lithium" von Benjamin Beutler bloß an Schlemihl aus der Sesamstraße? In dem Band aus dem Rotbuch Verlag ist dem Titel zum Trotz kaum etwas über Lithium, der Grundstoff von Batterien für erneuerbare Energien, drin.

Eine Rezension von Martin Reeh

Im letzten Jahr haben Carolin Emcke und Wolfgang Uchatius im Dossier der ZEIT eine sehr lakonisch gehaltene Geschichte über die großen Hoffnungen des kleinen Bolivien erzählt: davon, wie die Regierung unter Evo Morales mit den riesigen Lithium-Vorräten des Landes im Salzsee Salar de Uyuni vom weltweiten ökologischen Umbau auf Elektroautos profitieren will und glaubt, mehr Gerechtigkeit durchzusetzen zu können. Und davon, wie in Europa daran gearbeitet wird, dass der Reichtum auch diesmal in den Industrieländern bleibt. "Weit weg von der Salzwüste Boliviens könnte das Lithium am Ende am Ende viele reiche Leute noch reicher machen", schließen Emcke und Uchatius. "Obwohl sie den Schatz im Salar de Uyuni nie besessen haben."


Der Salzsee Salar de Uyuni in Bolivien. (Foto: Anouchka Unel/wikipedia)

Lithium ist zum großen Thema in der Erneuerbaren-Branche geworden: Es steckt in Autobatterien und Speichern für Solaranlagen, ebenso wie in Handys und Notebooks. Im letzten Jahr wurden große Vorräte in Afghanistan entdeckt, Solarworld plant die Erkundung im Erzgebirge.Ein Buch dazu ist überfällig, eines, dass auch die Frage beantworten könnte, ob es realistisch ist, dass eine ökologisch modernisierte Welt zukünftig Kriege um Lithium statt um Öl führt und was zu tun ist, um dies verhindern. Und wie Entwicklungsländer diesmal von ihren Rohstoffen profitieren können statt wie durchs Öl in Chaos und Korruption zu versinken (Beispiel: Nigeria) oder eine Entwicklungsdiktatur zu werden (Saudi-Arabien).

Kein Wunder, dass der Rotbuch-Verlag das Buch des Journalisten Benjamin Beutler (Freitag, Lateinamerika Nachrichten) nun groß mit dem Lithium-Thema bewirbt: "Das weiße Gold der Zukunft - Bolivien und das Lithium" heißt der Titel. Auf die Rückseite des Buches ist ein Zitat aus dem Emcke/Uchatius-Dossier gepappt: "Bolivien könnte das Saudi-Arabien des Lithiums werden."

Ein bisschen erinnert das Ganze an Schlemihl, den Händler aus der Sesamstraße, der mit dubiosen Methoden Ernie immer wieder zum Kauf nutzloser Gegenstände animieren möchte: Mal ist es eine Acht, mal ein Stoppschild, mal ein unsichtbares - und selbstverständlich nicht vorhandenes - Eis. In Beutlers Buch kommt das Lithium-Thema nämlich nur am Rande vor, um genau zu sein: von Seite 15-28, und zum Schluss, von Seite 173-179. Die restlichen rund 150 Seiten sind eine Geschichte Boliviens und der Linksregierung Evo Morales´. Allenfalls eine Beschreibung der Hintergründe also, die Morales zu einer Nationalisierungs-Stategie der Rohstoffe veranlasst haben.


Verkauft auch unsichtbares Eis: Schlemihl aus der Sesamstraße. (Foto: Oscarfan/muppet.wikia.com)

Das ist nicht uninteressant - schon alleine deshalb, weil das Wissen um Morales´ Politik im Vergleich zu dem über das medientaugliche Schreckgespenst Hugo Chávez eher unterentwickelt ist - aber eben nicht das, was drauf steht. Aus zwei möglichen Buchideen (ein Band über Bolivien unter Morales oder einer über den Lithium-Boom) ist ein merkwüdiges Zwitter-Wesen geworden.

Blasse Abschnitte über Lithium

Auch die Abschnitte über Lithium bleiben blass. Emcke/Uchatius hatten auch diejenigen aufgesucht, die Boliviens Versuchen, mit dem Rohstoff die eigene Entwicklung zu finanzieren, im Wege stehen könnten. Den Chef der Lithium-Abteilung von Chemetall etwa, einem Frankfurter Unternehmen: eines von derzeit dreien weltweit, die Lithium fördern und das mit den deutschen Autokonzernen verhandelt. Beutler beschränkt sich fast auschließlich auf die Analyse von Artikeln, Papieren und Interviews. Das mag ein Problem unterschiedlicher Budgets für die eigene Recherche gewesen sein; Fragen, die man unabhängig davon beantworten könnte, tauchen aber ebenfalls nicht auf: Etwa, ob sich Boliviens Nationalisierungs-Strategie durch den Rückgriff auf  Lithium-Vorräte in anderen Staaten einfach unterlaufen lässt.

Schlemihl, so viel nebenbei, heißt in der US-amerikanischen Fassung der Sesamstraße übrigens Lefty, the Salesman. Ob das Lithium-Buch, das keines ist, ein Ausrutscher bei Rotbuch bleibt? Seit 2007 der linke Ostberliner Eulenspiegel-Verlag Rotbuch übernommen hat, erscheinen dort Rolf Töpperwien und Katy Karrenbauer neben Fidel Castro und Jutta Ditfurth. Vielleicht ist es nur die notwendige Querfinanzierung für schwierige Bücher - ausschließen, dass Lefty den Laden übernommen hat, sollte man nicht.

Benjamin Beutler: Das weiße Gold der Zukunft. Bolivien und das Lithium, Rotbuch Verlag, Berlin 2011, 12,95 Euro.

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