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Wenn der Stromzähler rückwärts dreht

"Der Dieb des Lichts" des kirgisischen Regisseurs Aktan Arym Kubat ist ein Plädoyer für die kulturstiftende Dimension von Strom, Wärme und Licht. Profitorientierten Machtstrukturen setzt der Film den subversiven Elektriker Svet-Ake entgegen.

Eine Rezension von Sarah Messina

Svet-Akes Spur durch das kleine Dorf in den Weiten Kirgisistans lässt sich leicht verfolgen: Wo der Elektriker mit dem sprechenden Spitznamen "Herr Licht" vorbeikommt, drehen sich die Stromzähler mitunter rückwärts. Für den sanftmütigen Svet-Ake ist das keine Gaunerei, sondern Konsequenz einer unbestechlichen Logik: Nach der Privatisierung der Stromversorgung ist Elektrizität in Kirgisistan Luxus, den sich nur wenige leisten können. "Nur bei denen, die nicht bezahlen können", greift "Herr Licht" deshalb ein und setzt sich über die profitorientierten Stromunternehmen hinweg. 

Elektriker Svet-Ake ist mit seiner Macht über Drehstromzähler und Licht im Dorf der Kitt der Gemeinschaft

Auch als der Schwindel auffliegt, folgt der entmachtete Elektriker dem Ruf des Lichts: Seine eigene Frau hat Svet-Akes Vision längst als Spinnerei abgetan, "Herr Licht" dagegen bleibt überzeugt, eines Tages wird man noch stolz auf ihn sein. Sein Traum für das Dorf ist ein Windpark, mit dem sich die Gemeinschaft autonom mit Strom versorgen könnte. Dafür lässt sich Svet-Ake gutgläubig auch mit dem zwielichten Geschäftsmann Bekzats ein, der Investoren aus China ins Dorf holen will. Dem jedoch ist für den Ausverkauf des Dorfs jedes Mittel recht – den Preis dafür muss auch "Herr Licht" Svet-Ake mitbezahlen.

Mitten in Kirgisistan: Politische Krisen und Klimawandel

Rund vier Prozent der Landmassen Kirgisistans bestehen aus Gletschern - die wiederum 90 Prozent der kirgisischen Seen und Flüsse speisen. Für die Energieversorgung des Landes ist das von zentraler Bedeutung: Zu mehr als 90 Prozent wird Kirgisistans Energie aus Wasserkraft erzeugt. Rund 10 Prozent stammen aus Kohle oder Öl. Windkraft und Solarenergie sind in dem Land zwischen Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan und China praktisch nicht zu finden.

Volkskultur im Ausverkauf: Svet-Akes Freundschaft mit dem Geschäftsmann Bekzats wird schnell auf die Probe gestellt

Kaum ein Land der Welt ist zudem so weit vom Meer entfernt wie Kirgisistan - weil die Wassermassen der Ozeane Temperaturschwankungen hier am wenigsten abfedern können, ist der Klimawandel hier etwa durch einen überproportionalen Anstieg der Durchschnittstemperaturen bereits stark zu spüren.Seit den 1950er Jahren hat sich auch die Geschwindigkeit der Gletscherschmelze nach Berechnungen der Nationalen Wissenschaftsakademie in Bischkek mehr als verdreifacht. Nicht nur für die Wasserkraftwerke schwindet damit Substanz - auch Krigisistans Landwirtschaft fehlt im Sommer zunehmend Wasser für die Bewässerung.

Wind als Leitmotiv für einen Zukunftsmotor

Erst nach langer russischer Dominanz erklärte Kirgisistan mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 seine Unabhängigkeit, wurde seitdem jedoch auch immer wieder von politischen Unruhen erschüttert. Die "Tulpenrevolution" im Jahr 2005 oder das Verfassungsreferendum 2010, das die Grundlage für die erste parlamentarische Republik Zentralasiens legte, werden in "Der Dieb des Lichts" zwar nicht explizit thematisiert.

Svet-Ake und sein etwas einfältiger Freund Mansur beraten über Stromschläge und Erbfolgen

Dennoch verortet Regisseur Aktan Arym Kubat den von ihm selbst dargestellten subversiven Elektriker Svet-Ake "irgendwo" inmitten dieses Kirgisistans und lässt seinen Helden 80 Minuten lang mit unbeirrbarer Güte und feinsinnigem Humor durch die rauhe Landschaft und die Sorgen der Dorfbewohner treiben. Die drehen sich um Herzschmerz, Familie, Heimat, Stromausfälle - vor allem aber um die Hoffnung auf eine besser Zukunft. Eine zweite, unauffälligere Hauptrolle spielt zweifellos der Wind als Hoffnungsträger, der in "Der Dieb des Lichts" zum Beispiel im Rascheln von Plastiktüten und von Kindern besetzten Baumkronen oder Svet-Akes eigenem kleinen Windrad eingefangen wird.

Die Gemeinschaft und die "Ware Licht"

Den ganzen Film hindurch bastelt "Herr Licht" am Anschluss dieses rostigen Windrads zur Stromversorgung seines eigenen bescheidenen Hauses. Zum friedlichen "Stromrebellen" wird Svet-Ake in "Der Dieb des Lichts" ganz nebenbei durch seinen Einsatz für die Dorfgemeinschaft und sein Herz für die Nöte ihrer Bewohner. Licht und Gemeinschaft sind dabei in Aktan Arym Kubats Film untrennbar miteinander verbunden. Erst durch die Kommerzialisierung des Lichts als Ware gerät auch die Selbstbestimmung des Dorfs in ihrer Grundstruktur ins Wanken.


Ein Pionier und seine Idee: Svet-Ake und das wohl erste Windrad Kirgisistans. (Fotos: Filmverleih) 

Strom erzeugt Svet-Akes Windrad in "Der Dieb des Lichts" nur ein einziges Mal: Es ist der Wind selbst, der Macht ergreift über die kleine visionäre Baustelle des kirgisischen Elektrikers. Von "Herrn Licht" bleibt das daraus resultierende Aufglimmen der Glühbirne jedoch unbemerkt. Und auch der Zuschauer wird bewusst mit einigen Leerstellen aus dem Film in die Realität entlassen. Der Ausgang des kirgisischen Traums von der Windkraft bleibt in "Der Dieb des Lichts" ungewiss.

 

Kinostart für "Der Dieb des Lichts" ist der 14. April. Mehr zum Film und wo er gezeigt wird finden Sie hier: www.derdiebdeslichts.de

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