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Die Reißleine. Oder der Sumerer in uns

Die Kulturen der Mayas und der Sumerer sind an der Übernutzung ihrer Umwelt zugrunde gegangen. Und genau dieses Schicksal droht nun auch uns, warnt der bekannte Agronom Lester Brown in seinem neuen Buch "Die Welt am Abgrund". 

Eine Rezension von Christian Mihatsch

"Der Untergang unserer Zivilisation ist nicht länger eine Theorie oder eine akademische Möglichkeit. Es ist der Weg, auf dem wir sind." sagt Peter Goldmark, vormals Leiter der Rockefeller Stiftung.

Was den Untergang auslösen wird, glaubt Lester Brown zu wissen, der Gründer des Earth Policy Instituts: "Mit den Fortschritten in der modernen Landwirtschaft habe ich die Idee lange abgelehnt, dass die Nahrungsmittelversorgung das schwache Glied in der Kette sein könnte. Heute denke ich, dass dies nicht nur das schwache Glied sein könnte, sondern, dass die Nahrungsmittelversorgung das schwache Glied ist." Denn die Nachfrage nach Nahrungsmitteln nimmt weiter zu, angetrieben vom der wachsenden Weltbevölkerung, deren zunehmendem Wohlstand und somit Fleischkonsum sowie der Biospritproduktion.

Gleichzeitig lässt sich das Angebot an Agrarprodukten nur noch schwer ausweiten oder droht gar zu sinken. Wassermangel, der Verlust an Mutterboden und damit die Wüstenbildung sowie der steigende Meeresspiegel dezimieren das landwirtschaftlich nutzbare Land.

"Stabile Nahrungsmittelpreise beruhen auf jährlichen Rekordernten für Getreide. Uns trennt nur eine schlechte Ernte vom Chaos." sagt Lester Brown, einer der einflussreichsten Denker der Welt, wie die Washington Post befindet. Denn grössere Ernteausfälle würden zu einer massiven Erhöhung der Nahrungsmittelpreise und Exportverboten führen, wie die Brände in Russland im vergangenen Jahr gezeigt haben.

Doch damit wird der Preis noch weiter nach oben getrieben und immer mehr Menschen und Länder können sich ihr täglich Brot nicht mehr leisten. Das Vertrauen auf den Weltmarkt schwindet und die internationale Arbeitsteilung (Globalisierung) kommt zum Erliegen.


Folgen wir den Mayas?

Der Grund für diese wenig rosigen Aussichten sieht Brown in einer Fehlsteuerung unseres Wirtschaftssystems, da es Umweltkosten nicht berücksichtigt. Dadurch belastet die Menschheit die Natur über Gebühr: Gemäss dem ökologische Fussabdruck müssten wir 1,5 Erden haben, damit der heutige Konsum nachhaltig ist. Und die Umweltbelastungen nehmen weiter zu: Wächst die Weltwirtschaft wie prognostiziert um 3 Prozent pro Jahr, verdoppelt sich das Welt-BIP innert 25 Jahren.

Doch soweit wird es nicht kommen: "Keine frühere Zivilisation hat die fortlaufende Zerstörung ihrer natürlichen Grundlagen überlebt. Und unsere wird es auch nicht." schreibt Brown.

Noch ist Hoffnung. Um die Welt zu retten bedarf es aber einer "massiven Mobilisierung aller Kräfte wie im Krieg": Von Februar 1942 bis Ende 1944 war in den USA die Herstellung von Privatautos verboten. Die gesamte Autoinduistrie wurde auf die Produktion von Panzern und anderen Rüstungsgütern umgestellt. Und der Aufwand hat sich gelohnt: Innert drei Jahren waren Deutschland und Japan vernichtend geschlagen.

Mit einer ähnlich schnellen und radikalen Umstellung soll nun die Welt gerettet werden. Brown will in den nächsten zehn Jahren die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen um 80 Prozent senken, nicht zuletzt durch eine Kohlendioxid-Steuer von 200 Dollar pro Tonne (aktueller Börsenkurs von Zertifikaten: gut 14 Euro pro Tonne). Ausserdem sollen 1,5 Millionen Quadratkilometer Wald gepflanzt werden, die Weltbevölkerung auf acht Milliarden Menschen begrenzt und Hunger und Armut bekämpft werden. Das ist nicht ganz billig: Brown schätzt, dass sein Programm jährlich 185 Milliarden Dollar kosten würde. Das entspricht 28 Prozent der US Militärausgaben oder 0,3 Prozent des Welt-BIP.

Wenn Browns Analyse zutrifft, dass die Welt am Abgrund steht, sind 0,3 Prozent des Welt-BIPs eine gute Investition. Das Problem ist, die Menschheit von der Analyse zu überzeugen: "Die Idee, dass unsere Hochkultur sich ihrem Untergang nähert, wenn wir so weiter machen wie bisher, ist nicht einfach zu verstehen und zu akzeptieren." schreibt Brown in seinem neuen Buch "Die Welt am Abgrund". Und tatsächlich: Auch nach Lektüre des Buches bleibt der Untergang unserer Zivilisation schwer vorstellbar. Aber genau das ist es wohl, worüber man sich sorgen sollte: die Unfähigkeit eine offensichtliche Gefahr auch als solche wahrzunehmen.

Lester R. Brown:
World On The Edge: How to Prevent Environmental and Economic Collapse,

2011, 240 Seiten,

 

Das Buch kann auch kostenlos aus dem Internet geladen werden:
http://www.earth-policy.org/books/wote

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