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Das Vermächtnis des Solarpapstes

Hermann Scheers letztes Buch "Der energethische Imperativ" ist eine Aufforderung an die Ökologiebewegung, Energiepolitik und demokratische Fragen zusammenzudenken: Ein schneller Umstieg auf Erneuerbare Energien sei nur gegen die großen Stromkonzerne und mit dem Verzicht auf Desertec und Offshore-Wind zu machen, glaubte er. 

Eine Rezension von Martin Reeh

Scheer fehlt. "Vor drei Monaten", sagte Eurosolar-Sprecher Helmut Lölhöffel kürzlich wehmütig bei einer Anfrage zum Thema Stromnetze, "hätte ich sofort den passenden Gesprächspartner für Sie gewusst." Hermann Scheer eben, den im Oktober verstorbenen Eurosolar-Präsidenten,  "den informellen Solarpapst", wie ihn nicht nur die "Frankfurter Rundschau" nannte.

Die Erneuerbaren, einerseits, sind auch dank seines langjährigen Einsatzes aus der Ökospinner-Ecke heraus und fast zur gesellschaftlichen Normalität geworden. Selbst die Union bekennt sich mittlerweile zum Ausbau der Regenerativen.

Andererseits fangen die spannenden internen Auseinandersetzungen jetzt gerade erst an. Etwa die Frage, wie zentral oder dezentral die zukünftige Stromwirtschaft organisiert sein soll. Ob wir das Wüstenprojekt Desertec und Offshore-Wind wollen und brauchen, wie die Stromnetze dafür organisiert sein müssen. Oder die entscheidende Frage, ob der Umbau zur 100-Prozent-Versorgung gemeinsam mit den Energiekonzernen oder nur gegen sie zu erreichen sein wird.

Zumindest bis zur letzten Woche war fraglich, ob jemand die Debatte führen wollte - die Branchenverbände schienen sich stillschweigend auf die Devise geeinigt zu haben, sich nicht ins Gehege zu kommen. Dann aber veröffentlichten die Solarstromer ihre Zubauzahlen, und die eher gebeutelten Windstromer bekamen das große Zittern. Seitdem wird diskutiert, wie es mit dem Solar-Ausbau weiter gehen soll. 

Der Solar-Marxist Hermann Scheer

Als "letzten Marxisten in der SPD" hat er sich einmal bezeichnet, aber eigentlich war er in den letzten Jahren eher Solar-Marxist – wenn es so etwas gibt. Vom Marxismus behielt er das Verständnis, dass erst die Entwicklung der Produktivkräfte bessere gesellschaftliche Zustände möglich macht. Den Ausbau der dezentralen Photovoltaik hat er daher immer auch als Chance begriffen, die Energieversorgung zu demokratisieren, sie den großen Energiekonzernen aus der Hand zu nehmen.

Scheer hätte es daher wohl gegraust, hätte er noch das Gutachten des Sachverständigenrats für Umweltfragen in der letzten Woche mitbekommen, das den Ausbau der Offshore-Windenergie empfahl, während der Photovoltaik-Ausbau fast auf ein Minimum zurückgefahren werden sollte. Offshore, das war für Scheer "ein bevorzugtes Spielfeld von Großinvestoren", wie er in seinem letzten Buch "Der energethische Imperativ" schreibt - die Rückeroberung der Erneuerbaren durch die großen Konzerne: RWE etwa, das derzeit massiv in Offshore investiert und gleichzeitig die Verlängerung der Atomlaufzeiten fordert.

"Der energethische Imperativ" ist nun so etwas wie das Vermächtnis des Solarpapstes geworden – eine Erinnerung für die Ökobewegung, dass es bei den politischen Auseinandersetzungen um Energiepolitik nicht nur um Strom und Ökologie geht. Dass der Umstieg auf Erneuerbare mit demokratischeren Konzepten sogar schneller machbar ist, wie Scheer glaubt. Man dürfe nicht auf den zentralen Strukturen der konventionellen Energiewirtschaft aufbauen, die ein Interesse hat, ihre alten Kohle- und Atomkraftwerke so lange wie möglich laufen zu lassen, sondern müsse diese durch dezentrale Investitionen in Photovoltaik und Onshore-Windenergie einfach überrollen, schreibt Scheer: "Weil der Energiewechsel schnell gehen muss, kann er nicht von denjenigen abhängig gemacht werden, die ein wirtschaftliches Eigeninteresse an seiner Verlangsamung haben."

Auch wenn das interessant aussieht: Das solarthermische Versuchskraftwerk Jülich für das Desertec-Projekt dürfte Hermann Scheer nicht sonderlich gefallen haben. (Foto: Paul Langrock)

Im Gegensatz zum Sachverständigenrat, der nur auf einen schnellen Ausbau der derzeit billigsten Erneuerbaren drängt, hielt Scheer ein ganzes Bündel an Motiven bei der Entscheidungsfindungen beim Umstieg für notwendig: "Es ist entscheidend zu erkennen, welche Konzepte die Zahl der Akteure für erneuerbare Energien erweitern und ihnen die erforderlichen Handlungsspielräume geben und welche demgegenüber das Spektrum auf wenige Akteure reduzieren, von denen dann der weitere Verlauf abhängig ist."

Scheers Buch hilft, die Auseinandersetzungen des letzten Jahres zu verstehen, in denen die Photovoltaik in der deutschen Öffentlichkeit in die Defensive geriet, und die Laufzeitverlängerungen für Akw und der Stopp bei der Photovoltaik seitens der schwarz-gelben Koalition plötzlich mit fehlenden Stromnetzen für die Erneuerbaren begründet wurden. Nach Scheer war dies eine direkte Folge davon, auf Offshore und Wüstenstrom zu setzen, was den Bau von Höchstspannungsnetzen, dem "Sugergrid", durch ganz Europa notwendig macht.

Gegen das Supergrid durch Europa

"Das Supergrid-Konzept zwängt die erneuerbaren Energien in das Funktionssystem der etablierten Energieversorgung. Es hat den Charakter einer europäischen Strom-Planwirtschaft, in die sich Solar- und Windstromerzeugung über Jahrzehnte hinweg einordnen müssten", schreibt Scheer. Ab einem bestimmten Punkt "müsste der weitere Ausbau auf das Supergrid warten – es käme zu einem unberechenbar langen Ausbaustopp, dem diejenigen, die der These von Unverzichtbarkeit des Supergrid heute mit vertreten, nur schlecht widersprechen könnten". Die Energiekonzerne gewännen damit Zeit "für die Fortsetzung ihrer konventionellen Stromproduktion – und diese Zeit wird sehr lang sein". Und weil der Netzausbau sehr teuer sei, würde schließlich versucht, die dezentralen Erneuerbaren wie Photovoltaik zurückzudrängen, damit sich der Ausbau auch lohnt.

Das klingt ein bisschen verschwörungstheoretisch – solange man etwa außer Acht lässt, welcher Coup der Deutschen Energie-Agentur (dena) im letzten Jahr mit ihrem Gutachten zum Ausbau der Höchstspannungsnetze gelungen ist. Autoren waren Netzbetreiber und die Branchenverbände der Windenenergie, gefordert werden 3.600 Kilometer neue Höchstspannungsnetze - vor allem, um die geplanten Offshore-Anlagen im Norden sowie Onshore-Wind im Osten ans Netz anzuschließen. Eine Alternativenprüfung, etwa Offshore durch Photovoltaik zu ersetzen, wurde erst gar nicht vorgenommen. Auch aufgrund des Titels "Integration erneuerbarer Energien in die deutsche Stromversorgung" ist seitdem in der Öffentlichkeit der Eindruck hängen geblieben, der Ausbau der gesamten Erneuerbaren einschließlich Photovoltaik könne wegen des fehlenden Höchstspannungsnetzausbaus nicht vorangehen – obwohl für die Photovoltaik der Ausbau von Höchstspannungsnetzen nur in geringem Maße erforderlich sein dürfte.

Thomas Bareiß etwa, der energiepolitische Koordinator der Union im Bundestag, reagierte auf die dena-Studie mit der Feststellung, ohne Netzausbau werde es keinen Ausbau erneuerbarer Energien geben: "Dies hat die dena Netzstudie unmissverständlich bestätigt." Kurz darauf lancierte er einen Vorstoß für eine Deckelung des Solarstromausbaus - begründet auch hier mit fehlenden Netzen. Und EU-Kommissar Günther Oettinger fordert nicht nur einen europaweiten Netzausbau für Offshore und Desertec, sondern auch eine Vereinheitlichung der europäischen Erneuerbaren-Förderung – sodass sich dezentrale Photovoltaik in Deutschland zukünftig kaum noch lohnt.

Der Kampf um die Art der Erneuerbaren ist im vollen Gang, die Befürworter einer zentralen Erzeugung scheinen derzeit in der Mehrheit. Ändert sich das nicht, könnte es den Hoffnungen des Solar-Marxisten Scheer auf eine demokratischere Gesellschaft durch neue Energietechnologien so gehen wie den Computeraktivisten mit ihrer Hoffnung auf eine herrschaftsfreie Kommunikation im Internet: Dort gewinnen mit google und Facebook neue Konzerne die Kontrolle über das Netz und seine Benutzer – und bei den Erneuerbaren übernehmen dank Offshore und Desertec die alten Großkonzerne wieder das Kommando.

Hermann Scheer:
Der energethische Imperativ,

Verlag Antje Kunstmann, 19,90 Euro.

 


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