"Viel Glück!" statt "Guten Appetit!"
Regisseurin Coline Serreau reflektiert mit ihrer Dokumentation "Good Food Bad Food" die konventionelle Landwirtschaft zwischen "Saatgut-Mafia" und Düngemittel-Industrie. Ihr Film über einen gesünderen Umgang mit unserem Boden kommt am heutigen Donnerstag in die Kinos.
Eine Rezension von Sarah Messina
Es war das Leid des Krieges, dass eine neue Landwirtschaft angetrieben hat: Unter dem Stichwort "Grüne Revolution" sollten durch den Einsatzes von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln die Erträge maximiert werden. Norman Borlaug, amerikanischer "Vater" der "Grünen Revolution", erhielt 1970 sogar den Friedensnobelpreis: Brot könne der Welt auch Frieden bringen, hieß es in der Begründung der Osloer Jury.

Gesunde Erde wird von Mikroorganismen lebendig gehalten. Wo chemisch gedüngt wird, ist die Erde tot - diese Geschichte erzählt "Good Food Bad Food". (Fotos und Clips: Promo)
Für die Landwirte begann tatsächlich eine Revolution. Doch "das einzig grüne an der Grünen Revolution war die Farbe des Dollars", urteilt der Franzose Dominique Guillet, einer der Protagonisten des Dokumentarfilms "Good Food Bad Food". Die gleichen Chemiekonzerne, die im Zweiten Krieg sich mit der der Spreng- und Kampfstoffproduktion dumm und dusslig verdienten, stellten im Fieden Düngemittel her. In diesem "Angriffskrieg gegen die Erde", wie Regisseurin Coline Serreau formuliert, befindet sich die Landwirtschaft in einem perfiden Kreislauf aus einem Drang zur Ertragssteigerung, dem zunehmenden Einsatz von Chemie und der damit einhergehenden Zerstörung des Bodens.
Mikrobiologen, Kleinbauern, Öko-Pioniere
Wer Bilder von Massentierhaltung und der großen Industriemaschinerie der Welternährung wie im Film "We feed the world" erwartet, wird enttäuscht: Bewusst will die Französin Serreau keine Katastrophenszenarien illustrieren, sondern Lösungen aufzeigen. Gefunden hat sie diese nicht nur in Frankreich, sondern auch in der Ukraine, in Indien oder Brasilien. Protagonisten sind Mikrobiologen mit einem Appell für einen gesunden und lebendigen Erdboden. Landlose Bauern, die sich der Wiederherstellung einer Vielzahl schon fast verlorener Saatsorten verschrieben haben. Kleinbauern, die die einfache Macht des Kompost wiederentdecken. Produktionsgemeinschaften, Bio-Plantagen und "Mandala-Gärten".
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Lernen kann man bei dieser Darstellung einiges: Zum Beispiel dass die Apfelsorte "Golden Delicious" heute wohl nicht ohne Grund so verbreitet ist. "Die Sorte muss in einem Jahr dreißig Mal mit Pestiziden behandelt werden", sagt der Mikrobiologe und Agrarökologe Claude Bourguignon im Film. Die Verbreitung solcher Sorten sichert der Industrie damit ihr Folgeschäft - auf Kosten des Bodens, dem durch die Chemie systematisch das Leben genommen wird. Erklären kann sich das Bourguignon auch: "Man hat die DNA einiger Tiere und Pflanzen entschlüsselt und festgestellt: Gerste hat doppelt so viele Gene wie der Mensch". Für einen Teil des Gerstengenoms erfanden die Wissenschaftler daraufhin kurzerhand den Begriff "Junk-DNA", denn "das war für den Menschen als Krone der Schöpfung natürlich eine Beleidigung - und ein Grund mehr sich daran zu machen, die Natur zu unterwerfen".
Die Neuerfindung der Demokratie und eine Rückkehr zum Recht, sich selbst zu ernähren
"Heute verwaltet die Landwirtschaft nicht mehr die Pflanzen sondern nur noch ihre Krankheiten", sagt auch Landwirt Phillippe Desbrosse. Krankheit sowie die nötige Medizin kämen aus der Hand der gleichen Konzerne. "Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Menschheit", bringt es Guillet auf den Punkt: 80 Prozent unseres Saatguts würde von fünf multinationalen Konzernen kontrolliert, der größte und bekannteste heißt Monsanto.
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Die Alternative Nobelpreisträgerin Vandana Shiva bezeichnet die Konsequenz dieser ökologischen Misswirtschaft gar als "größten Völkermord" der Welt: Systematisch würden durch die Abhängigkeit von Saatgut und Düngemitteln der Konzerne vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer Kleinbauern vernichtetet. Die Lösung erfordert demnach nicht weniger als die Neuerfindung der Demokratie: "Wir müssen zwischen guter Nahrung und schlechter Nahrung unterscheiden", sagt Shiva, "der Markt wird das für uns nicht übernehmen. Gelingt uns das nicht, werden wir nicht nur unfrei sein, wir werden auch kein Brot haben."
Wir sollten uns beim Essen "Viel Glück!" wünschen
Zu Wort kommen in Coline Serreaus Dokumentation "Widerständler, die in der Liebe zur Erde vereint sind" - und das ausschließlich. "Good Food Bad Food" dürfte deshalb und auch durch das Fehlen narrativer Passagen mitunter nicht nur als anstrengend, sondern auch als einseitig kritisiert werden. Dass sich im Verlauf der einzelnen Gespräche ein "frappierender Gleichklang" (Serreau) ergibt, vermag angesichts der Wahl der Gesprächspartner wenig zu überraschen.Zu denken gibt "Good Food Bad Food" jedoch allemal. Auch vor dem Hintergrund der "Zweiten Grüne Revolution", die bereits von Chemiekonzernen eingefordert wird: Angesichts einer Milliarde Hungernder, einer wachsenden Weltbevölkerung und zunehmender Wasserknappheit durch den Klimawandel scheinen die Konzerne gute Karten zu haben, ihr Geschäft auszudehnen - mit "robusteren" Sorten.
"Alles was wir in die Erde einbringen landet in unserem Körper. Wenn wir zu Tisch sitzen sollten wir uns eigentlich nicht 'Guten Appetit', sondern 'Viel Glück' wünschen", warnt in einer der Schlüsselszenen des Films der Pionier des Öko-Landbaus Pierre Rabhi: "Man weiß nämlich nicht, was man seinem Körper zuführt oder seinen Kindern zu essen gibt".
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Good Food Bad Food: Ab 21. Januar 2011 in den Kinos. Mehr zum Film hier
In Berlin diskutierten den Film bei der Premiere Dieter Moor (Autor) , Bärbel Höhn (Grüne), Benedikt Härlin (Zukunftsstiftung Landwirtschaft), Thomas Dosch (Bioland) und Tina Löffelbein (Greenpeace). Über Butterfahrten und Reisetomaten
"Wir haben es satt" - Umweltorganisationen, Bioproduzenten und Bauern rufen am kommenden Samstag zur Demo für eine ökologischere Landwirtschaft auf. Mehr dazu hier
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