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Klimawandel für Fußballfans

"Climate Change for Football Fans" - James Atkins hat ein Buch geschrieben, dass die Erderwärmung auf Fußball, Bier und zu große Brüste in zu engen T-shirts reduziert. Ob das jetzt was hilft?

Eine Rezension von Sebastian Wienges

Wie kann Otto Normalverbraucher der Klimawandel erklärt werden und was er für seinen Lebenswandel bedeutet? Obwohl Otto Normalverbraucher sich natürlich von Land zu Land unterscheidet, bleibt die Herausforderung im Grundsatz doch wohl dieselbe. James Atkins karikiert das fragliche Subjekt (für Großbritannien) und reduziert es auf Fußball, Bier und zu große Brüste in zu engen T-shirts. Indem er eine fiktive Fußballsaison des FC Burnley als Allegorie auf den Klimawandel darstellt, gelingt ihm das schier Unmögliche: Eine politische Analyse und ein Appell an die Vernunft der Leser werden zu einer annehmbar unterhaltsamen Angelegenheit.


Geht es darum? (Foto: flickr/Farbfilm)

Ein alternder Professor schließt eine Wette mit der Karikatur eines durchschnittlichen Fußballfans eines durchschnittlichen Fußballclubs, wer am Ende der Saison mehr weiß über Fußball bzw. Klimawandel. Und die ganze Familie des fanatischen Burnley-Anhängers lässt sich brav belehren vom nicht minder fanatischen Klimaschützer.

Seit Beginn der Umweltbewegung begleitet diese die Idee, dass die Menschen aus Vernunft ihr Verhalten ändern könnten und sollten. Parallel – oder als Gegenentwurf dazu – könnten und sollten die Strukturen und Anreize in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik geändert werden. Mit der Graswurzel-Idee unmittelbar verbunden ist eine Fundamentalkritik am Lebensstil der Industriegesellschaften, am Konsumdenken und den Normen des Materialismus.

Und genau diese Fundamentalkritik exerziert der fiktive Professor mit der fiktiven FC Burnley-Anhänger-Familie einmal gründlich an allen Subsystemen der modernen Industriegesellschaft durch: der materialistische Lebensstil, die Demokratie, Kultur und Werte, Lobbyismus der Konzerne, das Gewaltmonopol des Staates, der Verhandlungsprozess im internationalen System souveräner Staaten und schließlich die Langfristigkeit und die überwältigende Komplexität des Gegenstandes „Klimawandel“ an und für sich. Immer aufbereitet für den durchschnittlichen Fußballfan und dessen Bedürfnisse – was einer gewissen Komik nicht entbehrt – aber immer die Hürden zu einem klimafreundlicheren Leben klar herausarbeitend.

Immer ist die Kritik dieselbe: die Individuen und die Gesellschaft als ganzes müssen sich dringend ändern, und doch sind alle gesellschaftlichen Systeme furchtbar träge und verunmöglichen Veränderungen nahezu vollständig. Die Schlussfolgerung ist dementsprechend richtig und konsequent: Es geht nicht um eine Lösung. Es geht um inkrementelle Veränderungen und einen Prozess, der unsere Gesellschaft etwas klimafreundlicher werden lässt und sie an den Klimawandel allmählich anpasst.


Jedenfalls geht es darum: Kohlekraftwerke. (Foto: Bas Beentjes /Hollandse Hoogte)

Aber das Klima wird nicht nur dadurch gerettet werden können, dass einige Menschen ihren Lebenswandel und ihre Konsumgewohnheiten verändern. Im zweiten Abschnitt des Buches werden die Politik und Ökonomie des Klimawandels durchleuchtet und ihre Schwächen aufgedeckt. Atkins gelingt es den Kohlenstoffmarkt mit Vergleichen aus dem Alltag eines Fußballfans zu veranschaulichen. Eine interessante Schlussfolgerung gelingt ihm dabei. Die Politik will mit dem Kohlenstoffmarkt möglichst effiziente Möglichkeiten zur Minderung von Emissionen nutzen. Aber größtmögliche Effizienz garantiert nicht unbedingt auch Effektivität, das Erzielen der notwendigen gewünschten Wirkung. Um deren Erreichen sicherzustellen – und ein Verfehlen der notwendigen Minderungen würde fatale Folgen haben – müssen mehrere Wege gleichzeitig beschritten werden, auch wenn die redundant sind. In der Klimapolitik braucht es deshalb alles, was möglich ist, um Emissionen zu mindern.

Aber statt eines Plan B hat die Klimapolitik bisher eher noch gar keinen Plan. Mit einigen Mühen gelang es, das langfristige Ziel, die Erderwärmung auf unter 2°C zu halten und dafür die globalen bis 2050 entsprechend zu vermindern. Doch sind solche langfristigen Ziele nur sinnvoll, wenn sie durch kurzfristige Aktivitäten unterlegt sind. Denn, wie John Maynard Keynes bemerkte sind wir langfristig alle tot. Wir müssen jetzt – kurzfristig – handeln und Ziele erreichen, in den nächsten Jahren das Maximum und dann anschließend das Sinken der globalen Emissionen.

Wie solch dringend notwendige Verhaltensänderungen erzwungen werden können wird im dritten Abschnitt des Buches durchgespielt: Wollen wir lieber unseren Lebensstil radikal verändern und uns wie unseren ökologischen Fußabdruck an die Lebensweise von Amazonas-Indianern anpassen? Oder wären eine Ökodiktatur und zumindest die vorübergehende Abschaffung der Demokratie zu bevorzugen? Wie unrealistisch und wenig wünschenswert beide Alternativen sind geben sowohl der fanatische Klimaschutz-Professor als auch der ignorante Fußball-Fan zu.


Und darum geht es: Eisschmelze in der Artis. (Foto: Heidemarie Kassens)

Um es vorweg zu nehmen: Im Buch kann der FC Burnley in der Nachspielzeit des letzten Ligaspiels den Abstieg doch noch abwenden. In der Realität war der FC Burnley in der beschriebenen fiktiven Saison schon wieder abgestiegen. Und diese Frage wird nun tatsächlich jeden Otto Normalverbraucher zwangsläufig und spürbar betreffen: Hat die Realität unsere fiktiven Pläne der Klimarettung etwa schon längst überholt?

James Atkins: Climate Change for Football Fans. A Matter of Life and Death.
(In englischer Sprache)
UIT, Cambridge, 2011. £ 8,99

 

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