Mehr als nur Latschen
Der Countdown zur Anti-Atomdemo (I): Tausende sollen es am Sonntag in Beeskow gegen CCS werden, zehntausende werden am Freitag am Stuttgarter Bahnfof protestieren. Und die Veranstalter der Anti-Atomdemo halten 100.000 Menschen am Samstag für möglich: Wer für die Herbstproteste gerüstet sein will, für den gibt es jetzt das "Protesthandbuch". Mit zahlreichen Zeichnungen werden 18 verschiedene Aktionsformen erklärt. Für jeden ist etwas dabei - vom Demoneuling bis zum alten Protesthasen.Eine Rezension von Felix Werdermann
Beeskow ist am Sonntag dran, Suttgart 21 am Samstag: Selten hat sich so vehement Bürgerwille gegen die aktuelle Politik eingemischt. Selten haben die Menschen derart aktiv begriffen, wie die aktuelle Politik den Klimaschutz mißachtet. Und vermutlich so viele wie lange nicht mehr werden an diesem Wochenende dagegen auf die Straße gehen - in Stuttgart, Beeskow oder Berlin. Zehntausende Atomkraftgegner werden am Samstag in Berlin erwartet. Umweltverbände, Gewerkschaften, Parteien und Bürgerinitiativen rufen zu einer Großdemonstration auf. Der Regierung soll gezeigt werden, dass die Bevölkerung gegen den Weiterbetrieb der Uralt-Reaktoren ist. Je mehr Menschen auf der Straße sind, desto deutlicher das Signal. Noch dem Motto: Die Masse macht's. Insgeheim rechnen die Initiatoren mit einer sechsstelligen Beteiligung.

Die Masse macht's? In der kleinen Stadt Ahaus haben im April 6.000 Atomkraftgegner demonstriert. (Foto: Schulze von Glaßer)
Aber selbst wenn sich dieser kühne Traum erfüllen sollte - nicht immer kommt es im poltitischen Protest auf Bilder an von überfüllten Plätzen und von angriffslustigen Politikern auf der Rednertribüne. Manchmal können auch kleine, aber feinen Aktionen viele Menschen erreichen.Tausende waren zum Beispiel zum Castorprotest 2001 ins Wendland gekommen. Gesprochen hat man über die 16-jährige Marie, der mit drei anderen Aktivisten gelungen war, den Zug einfach anzuhalten.
Wie solche Form von erfolgreichem zivilen Widerstand funktionieren, das wollen Vera Warter und Sandra Benz zeigen – in ihrem neuen "Protesthandbuch". Die Botschaft: Kreativer Protest ist keine Zauberei, sondern erlernbares Handwerk. Mit wenig Aufwand hohe Aufmerksamkeit erzielen – kein Problem, wenn ein paar Regeln beachtet werden.
Gegen die alltägliche Langeweile
Die Realität sieht heute leider oft anders aus: Langweilige Latschdemos, zum Ritual verkommene Blockaden, die tausendste Unterschriftensammlung, die nach der Übergabe ja dann doch bloß im Müll der Politik landet – solche Aktionen sind immer noch an der Tagesordnung. Sicherlich: Sie sind auch nicht verkehrt. Ihre direkte Wirkung ist zwar meist nicht messbar. Zumindest werden Signale nach außen und innen gesendet: Hey, seht her! Es gibt Menschen, die nicht einverstanden sind. Dennoch ist die Wirksamkeit der Schleife solcher immer wiederkehrenden Aktionen - verbesserungsfähig.
18 verschiedene Protestformen stellen Warter und Benz in ihrem Buch vor – geschrieben im Stil von Bedienungsanleitungen. 18 Protestformen, das scheint zunächst nicht viel. Doch selbst die Anti-Atom-Bewegung mit ihrer langen Tradition im Wendland hat Probleme, sich jedes Jahr etwas Neues auszudenken. Im Protestnovember 2010, wenn der nächste Castor rollen soll, heißt die innovative Aktionsform "Schottern" - konkret bedeutet das: Solange den Schienen die Steine wegschnappen, bis die Castorzüge nicht mehr rollen können.
Ein Sammelwerk für alle
Die ein oder andere Bereicherung könnte sich in dem Buch jedenfalls finden. Das Werk selbst will ein "Sammelwerk" sein, das "eine passende Form des Widerstands für jeden bietet". Zumindest die allermeisten dürften fündig werden, denn die Palette ist breit gefächert – vom Nein-Sagen über das wilde Plakatieren bis zum Straßentheater. Manche Aktionen funktionieren nur in der Gruppe, andere richten sich an den Einzelnen. Manche benötigen etwas Übung, andere gelingen auf Anhieb.

Anleitung zur Sitzblockade: Was muss ich beachten? Das will das Protesthandbuch erklären. (Screenshots: protesthandbuch.de)
Einfach, aber effektiv ist beispielsweise das Ausklatschen. Dabei werden Vorträge oder Veranstaltungen durch lautes Klatschen behindert oder gar unterbrochen. Der besondere Reiz: Zu Beginn ist den anderen Anwesenden nicht sofort klar, dass eigentlich das Gegenteil von Zustimmung gemeint ist. Eine nette Idee, für die eigentlich keine besondere Anleitung notwendig ist.
Im Protesthandbuch ist aber auch das andere Extrem zu finden: Teilweise sind die Beschreibungen sehr ausführlich – etwa, wie man professionell Banner malt. Am Ende kommt ein perfektes Transparent heraus, tatsächlich kann aber in der Regel auf einige Arbeitsschritte verzichtet werden. "Soll das Banner windfest sein, so ist ein verstärkter Rand mit eingelassenen Stanzösen sowie ein aufgenähtes Dreieck an den Zugstellen hilfreich." Wer nicht ohnehin Hobby-Bastler ist, sollte solche Anmerkungen einfach überspringen.
Protestformen im Praxistest
Unter den vielen Details finden sich dafür auch Überraschungen für alte Protesthasen. Wer weiß schon, dass sogenannte Spuckis mit Tintenstahldruckern, Aufkleber hingegen mit Laserdruckern hergestellt werden sollten? Um solche Sachen zu erfahren, haben Warter und Benz mit Attac-Aktivisten gesprochen und im Internet recherchiert. Die meisten Profestformen haben die Autorinnen aber auch im Praxistest ausprobiert, sagen sie.
Welche genau, verraten sie nicht – vielleicht aus gutem Grund. Denn viele Protestformen bewegen sich in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität. Sitzblockaden, Sprayen, Spuckis: Oftmals sollte man sich nicht erwischen lassen oder aber mit den rechtlichen Konsequenzen leben können. Ein Aufruf zu Straftaten findet sich in dem Buch nicht, und doch ist erstaunlich, wie unverhohlen Tipps gegeben werden - beispielsweise zum Sprayen: "Vereinbart vorher einige Codewärter, so dass du unauffällig gewarnt werden kannst, falls Gefahr droht. Wenn Überwachungskameras in der Nähe installiert sind, ziehe einfach eine Kapuze über. Generell solltest du dich zügig bewegen und handeln."
Der Protest im Netz fehlt
Ausgeklammert wird der Online-Protest. Das ist durchaus legitim, schließlich füllen die zahlreichen Internet-Aktionen inzwischen bereits eigene Bücher. Warter und Benz hingegen argumentieren etwas schwach, in dem Buch würden "keine Widerstandsformen mittels Internet behandelt, da der Fokus auf sozial erlebbaren Aktionen liegen soll". Wie viele Menschen tummeln sich heutzutage im Social Web? Einige haben gar ihr halbes Leben ins Netz verlagert. Und da soll soziales Erleben nicht möglich sein?
Tatsächlich gibt es schon jede Menge Unterschriftensammlungen im Netz, Protest-E-Mails werden geschrieben, auf der Website des Bundestags kann man Petitionen einreichen, unterstützen und diskutieren. Im Protesthandbuch wird dem Internet immerhin eine Mobilisierungsfunktion zugesprochen: Flash-Mobs, also kurzzeitige Menschenaufläufe, "werden über Weblogs, Nachrichtengruppen, E-Mail-Verteiler oder per SMS organisiert", schreiben die Autorinnen.
Reine Online-Aktionen haben einen Nachteil – zumindest im Buch: Sie können nicht so schön illustriert werden. Darunter würde letztlich das gesamte Protesthandbuch leiden, denn es ist mehr als eine Anleitung: Es ist ein kleines Kunstwerk. Entstanden als Diplomarbeit zweier Kommunikationsdesignerinnen.
Neben den Anleitungen bietet das Handbuch eine kleine Geschichte des Protests – von der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung über die Startbahn West bis zum G8-Gipfel. Nebenbei erfährt man, dass eine ganze Reihe deutscher Politiker schon einmal mit Eiern beworfen wurde: Kohl, Schröder, Stoiber, Merkel, Westerwelle.
Die Frage nach dem Warum
Den – auch außergewöhnlichen – Protest gibt es also. Damit drängt sich fast unweigerlich die Frage auf: Warum kranken die Bewegungen immer noch an der eintönigen Protestform-Landschaft? Kommen die Leute nicht auf die Idee, etwas Neues zu probieren? Trauen sie sich nicht? Sind sämtliche Alternativen zur Latschdemo einfach nur in Vergessenheit geraten? Oder ist es das Risiko, das viele abschreckt? Das Risiko, etwas falsch zu machen? Ein Festhalten am Bestehenden? Ein Aktions-Konservatismus?

Werden hier die Aktionsformen der Zukunft ausgeheckt? Die internationalen Klimacamps sind zu einem festen Bestandteil der Klimabewegung geworden.
Der Bewegungsforscher Dieter Rucht gibt immerhin zu bedenken, dass es schwer sei, den "Faktor Kreativität ständig am Leben zu halten". Auf Dauer gebe es einen "Gewöhnungseffekt", sagt er im Interview, das im Buch abgedruckt ist. Heute ist davon aber zu spüren, originelle Proteste sind die Ausnahme. Das schadet zwar der Bewegung als ganzer, bietet aber einzelnen Personen die Möglichkeit, mit einer simplen Aktion ungeahnte Aufmerksamkeit zu erfahren – weil der Protest einzigartig ist.
Dabei kann das selbsternannte "Handbuch für erfolgreiche Demonstrationen, Attacken und Aktionen" sicher hilfreich sein. Beim schnellen Nachschlagen hilft das Stichwortverzeichnis am Ende. Gerade die recht junge Klimabewegung kann in dem Buch sicher viele Anregungen finden.
Und wer weiß, ob das Buch nicht am kommenden Wochenende schon um einige leuchtende Protestbeispiele reicher ist - in Stuttgart, Berlin, Beeskow oder anderswo.
Sandra Benz und Vera Warter: Protest – Handbuch für erfolgreiche Demonstrationen, Attacken und Aktionen, 2010. Zu bestellen unter: www.protesthandbuch.de
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