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"Hat sein Tod etwas mit RWE oder eher mit CCS zu tun?"

Ein grüner Europa-Abgeordneter arbeitet an einem Gesetzentwurf zum Abschalten sämtlicher AKWs Europas. Seine Praktikantin liegt tot in der "Ständigen Vertretung". Und Brandt, der Journalist, kann einfach sein Bier nicht in Ruhe trinken. Denn in "Tödliche Energie", einem Thriller von Jan Bergrath, bleibt dafür einfach keine Zeit.

Eine Rezension von Nick Reimer

Ausgerechnet Hansa Rostock. Brandt wollte eigentlich sein Bier genießen. Und natürlich das Spiel des heimischen FC. Und wo geht das besser in Berlin als im rheinländischen Exil, der Ständigen Vertretung, einer Kneipe mit Kölsch und Kölnern und einer ungeteilten Euphorie für den 1. FC Köln.

Aber erstens ist da Brandts alter Kumpel Teuschner, der ihn unbedingt überreden will, für die Atomlobby PR-Texte zu schreiben. Und zweitens spielen die Kölner nicht nur gegen Hansa Rostock, sondern auch noch grottenschlecht. Immerhin die Frau am Nachbartisch ist ansehenswert ...

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Gleich jubelt Hansa Rostock. Und Eon lacht sich mal wieder ins Fäustchen.

Bernhardt Brandt ist Journalist. Freier Journalist, nachdem sein Chef ihn rausgemobbt hat, weil Brandt nicht so schreiben wollte, wie es die Anzeigenkunden verlangen.

Jetzt also muss sich Brandt seine Abnehmer selber suchen. Kein leichter Job als Klima- und Energie-Experte: Gerade war Brandt in Ketzin, wo Kohlendioxid zu Versuchszwecken unterirdisch verpresst werden soll – die versprochene Weltenrettung der Kohlekonzerne. Jetzt muss er durch die Redaktionen tingeln und betteln, dass ihm irgendwer die Geschichte abkauft; kritisch aufgeschrieben, denn das ist Brandts Markenzeichen. 80 Zeilen vielleicht? Zur Weltenrettung?

Viel Erfolg hat er nicht mit diesem kritischen Journalismus. Wohl auch deshalb ist ihm seine Frau weggelaufen. Und der FC hat auch nicht viel Erfolg in dieser Saison. Nicht einmal auf die Toilette kann man in der Halbzeitpause gehen. Da liegt eine Drogentote.

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Eine Drogentote auf der Toilette in der StäV, der Ständigen Vertretung: Von hier aus entwickelt Jan Bergrath, Kölner Lkw-Fahrer, Journalist und Krimiautor, einen fulminanten Parcourt-Ritt durch die Energiepolitik Europas. Denn natürlich ist die vermeintliche Drogentote in der StäV keine Drogenabhängige, sondern die attraktive junge Frau vom Nachbartisch. Wie Brandts Recherchen ergeben, arbeitete sie zuletzt in Brüssel bei einem grünen Europa-Abgeordneten als Praktikantin. Und der erarbeitete gerade einen Gesetzentwurf zum Abschalten sämtlicher AKWs Europas.

Berlin, Paris, Brüssel, Köln und dann auch noch die Autobahn - ab jetzt gilt: Wo immer auch Brandt hinkommt, es wird rasant. „Tödliche Energie“ heißt Bergrats Buch. Wenn der nicht sonderlich erfolgreiche Journalist das Brüsseler Gebäude des Europa-Parlaments betritt, stürzt ein Mann durch die Glaskuppel. Betritt Brandt ein Museum, schrillt natürlich der Alarm. Verlässt Brandt einen Park, liegt in diesem ein Toter. Und wenn er mit dem LKW die Autobahn befährt, kommt es natürlich zum folgenreichen Unfall.

Das ist die Stärke des Buches: All die unwahrscheinlichen Dinge des Lebens werden extrem realistisch beschrieben. Angelika Zahrnt, die damalige Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz, taucht genau so in der Handlung auf, wie das ZDF-Archivmaterial vom letzten UN-Weltklimagipfel.

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Das der ständig wachsende Flugverkehr „massiv zur momentanen Erderwärmung beiträgt“ ist genauso präsent, wie das European Energy Forum - ein übler Lobbyverein der Kohle- und Atom-Aktionäre. Kommissionschef Manuel Barroso wird genauso realistisch skizziert, wie Saline Aquiffere oder der Brüsseler Place du Luxenbourg, für Brandt „das beste Beispiel einer spekulativen Stadtplanung, bei der das Neue mit dem Alten eine aufgezwungene Funktionssynthese eingehen muss“. Und dann fragt sich Brandt: „Warum musste er sterben? Hatte es vielleicht etwas mit RWE und CCS zu tun?“

Die taz muss in dieser Gemengelage natürlich auch eine Rolle spielen – so wie der Spiegel oder das heute-Journal. An der einen Stelle bemerkt ein Lobbyist, „wir müssen etwas tun, so kurz vor der Internationalen Tourismusbörse, besonders nachdem die blöde taz auch noch auf der Titelseite“ ausgerechnet habe, was so ein Flug nach Mallorca unter ökologischen Gesichtspunkten kostet.

Toedliche_Energie_1 „Über 400 Euro! Wahnsinn. Das macht vielen Menschen ein schlechtes Gewissen.“ An einer anderen Stelle sagt der Lobbyist: „Wir schieben der chronisch klammen Taz ein paar Anzeigen der Atomwirtschaft unter.“ Als grüne Energie und so. „Bin schon auf die Leserbriefe gespannt.“

Die Schwäche des Buches ist sein hundsmiserables Lektorat. Okö statt Öko ist genau so schwer zu ertragen, wie manch neue Windung, die sich Bergrath ausdachte und die selbst den begeisterten Leser immer wieder der Verzweiflung nahe bringt.

Aber soviel sei an dieser Stelle verraten: Am Ende wird alles gut. Wenn auch derart unerwartet spannend, wie dieser Krimi insgesamt zu lesen ist.

Jan Bergrath: „Tödliche Energie“, Kontrast Verlag Pfalzfeld, ISBN 978-3-941200-01-2

 

Die Fotos von oben nach unten: Szene aus dem Drittligaspiel Hansa Rostocks gegen VfR Aalen, Szene aus dem Tatort "Schiffe versenken" (Mitte) und Szene aus dem Tatort "Häuserkampf". (Fotos: Hansa Rostock, ARD)

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