Mit offenen Augen in die Katastrophe
Im Doku-Drama "The Age of Stupid" wirft die britische Regisseurin Franny Armstrong zugleich einen Blick in die Zukunft und einen Blick zurück ins "Zeitalter der Dummheit". Die große Frage "Warum haben wir nichts getan?" bleibt jedoch unbeantwortet. Am heutigen Donnerstag läuft der Öko-Film in Deutschland an
Von SARAH MESSSINA
Im Jahr 2055 blickt ein einsamer Archivar zurück in das Zeitalter der Dummheit - unsere Gegenwart. Die Welt, wie wir sie kennen, gibt es indessen längst nicht mehr: Ganze Städte sind überflutet, in Flammen oder von der Wüste verschluckt, Leben fast vollständig vom Planeten getilgt. Wie aus dem Traum grenzenlosen Wachstums der bittere Albtraum Klimakatastrophe wird, zeigt "The Age of Stupid" in seiner Anfangssequenz.

"Die paar Buschfeuer": Fanny Armstrong will aufrütteln - und lässt die Menschheit in The Age of Stupid mit offenen Augen vor die Wand rennen.
Im gigantischen "Weltarchiv" lässt sich jedoch noch besichtigen, wie es einmal war: Kunst- und Kulturschätze sind in dem gewaltigen Turm im Ozean geborgen, Tiere und Pflanzen als Abbild der Welt in der Arche der Zukunft für die Nachwelt konserviert. Wichtigster Schatz des Archivs sind jedoch Unmengen von Daten, Dateien, Dokumentationen und Aufzeichnungen. Herr über diese Artefakte ist "der Archivar" (Peter Postlethwaite), der als einer der letzten Menschen auf der Erde schon lange keine Besucher mehr in seinem Weltarchiv gesehen hat. Für seine letzte Mission setzt er sich an den Computer, um der Frage auf den Grund zu gehen, wieso der Mensch nicht eingegriffen hat, als er es noch konnte.
Am heutigen Donnerstag läuft der Öko-Film in Deutschland an. Vielen dürfte "The Age of Stupid" allerdings bereits bekannt vorkommen: Im Vorfeld des Weltklimagipfels in Kopenhagen hatte der von Greenpeace und anderen Organisationen unterstützte Film bereits Furore gemacht. Die Weltpremiere im September 2009 fand etwa in einem New Yorker Solar-Kino statt - und wurde per Satellit in über 40 Länder der Welt übertragen.

Futuristischer Elfenbeinturm: Hier befindet sich das "Weltarchiv"
Nicht schlecht für einen Öko-Film, bei dessen Produktion nach Angaben der Macher durch Kompensationsmaßnahmen nur 94 Tonnen Kohlendioxid emittiert wurde - so viel wie fünf Amerikaner in einem Jahr verbrauchen. Vier Jahre lang haben die Arbeiten an dem Projekt gedauert: Sechs wahre Geschichten aus der Gegenwart sollen ein Bild davon zeichnen, warum wir unseren Lebensraum – trotz eindringlicher Warnungen der Wissenschaft – nicht bewahren konnten. Allerdings bleibt genau diese Frage in "The Age of Stupid" völlig unbeantwortet.
Statt Argumenten liefert das Doku-Drama lediglich Positionen - in bequemer Form von Sympathieträgern wie dem französischen Bergführer Fernand Pareau, der "seinen" Gletscher im Tal von Chamonix buchstäblich beim Schmelzen zusehen konnte. Da ist der britische Windfamer Piers Guy, der mit seinen Projekten vor eine Wand von Ignoranz zu laufen scheint. Layefa Malemi aus Nigeria, die Medizin studieren will, während in ihrem Heimatdorf nicht einmal sauberes Trinkwasser verfügbar ist. Die irakischen Flüchtlingskinder Jamila und Adnan, die Öl-Krieg spielen. Und nicht zuletzt der Alvin Duvernay, der erst von Hurrikan Katrina getroffen werden muss, um zu bemerken, dass seine Arbeit für den Öl-Konzern Shell auch aus einer anderen Perspektive betrachtet werden kann.

"Der Archivar" blickt zurück: Warum haben wir nichts getan, um die Katastrophe zu verhindern? (Fotos: TAO Filmverleih)
Oft wirken die Geschichten der (realen) Protagonisten des Films dabei nicht nur zusammenhangslos montiert sondern auch eindimensional: Die undankbarste Rolle "spielt" etwa Inder Jeh Wadia, der gerade eine neue Billig-Fluglinie auf die Beine stellt: Mehr als eine Million Menschen werden täglich mit ihm abheben – bei Ticketpreisen ab einer Rupie. Fliegen, schwärmt Wadia, soll für wirklich jeden bezahlbar sein, vom Rikscha-Fahrer über den Bediensteten bis zum Taxi-Fahrer. Anfangs darf der Inder noch freundlich und beseelt lächeln, am Ende des Films wird er jedoch lediglich auf die Schablone eines Mitarbeiter feuernden Cholerikers reduziert.
An diesen und anderen Stellen macht es sich "The Age of Stupid" einfach. Auch die bunten Animationen zwischendurch wirken oft etwas platt: Warum steigt der Energieverbrauch von Schwellenländern wie China so rasant, wird dort etwa gefragt? Die Antwort lautet schlicht und wenig erschöpfend: Weil China "billiges Plastikzeug" für die reichen Länder produziert. Voll daneben trifft Armstrongs Film der Fragmente im Spannungsfeld von Politik, Alltag, Konsum und Wachstumswahn dabei nie. Aber auch nicht immer ins Schwarze.
Nicht umsonst wurde auch die Figur des "Archivars" erst nachträglich als sinnstiftende Klammer um die dokumentarischen Sequenzen gesetzt. Einen roten Faden kann jedoch auch ein Peter Postlethwaite allein nicht ersetzen.
Mehr zum Film und in welchen Lichtspielhäusern er gezeigt wird finden Sie HIER
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