Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe
Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche geht? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet am Donnerstag die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedinungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
Schwimmende Städte, künstliche Körperhüllen und die Natur als Artefakt im Museum: In Hamburg stellen die "Klimakapseln" das Unvermeidliche in den Mittelpunkt. Und tasten Gestaltungsspielräume ab: Wie wollen wir in der Zukunft leben? Welche Optionen bleiben, wenn der Klimawandel unabwendbar ist, die Politik beim Klimaschutz weiter zögert und Bürger nur widerstrebend bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern? Dreißig mobile, temporäre und urbane Kapseln zeigen, wie Anpassung aussehen kann, wenn sich Designer, Künstler, Architekten und Städtebauer mit Visionen für ein Überleben in der Katastrophe beschäftigen.

Hereinspaziert? Pablo Reinosos "La Parole" (1998) setzt neue Grenzen für die Selbst-Erfahrung des Menschen in der Welt. (Foto: Pablo Reinoso Studio)
Neu ist die Faszination am "Abkapseln" ganzer Städte nicht: Die Klimakapseln greifen deshalb auch auf Werke aus den 1960er Jahren zurück, um ihnen im Kontext des Klimawandels neue Bedeutung zu verleihen. Arbeiten wie der "Dome over Manhattan" von Richard Buckminster Fuller wirken heute seltsam aktuell.

Fullers schützender "Dome over Manhatten" aus den frühen 1960-er Jahren (Foto: The Estate of R. Buckminster Fuller)
Der Besucher bewegt und erlebt sich auf fünf Erfahrungsebenen durch die Ausstellung - Schicht für Schicht und von innen nach außen: Die "Körperkapseln" thematisieren einen direkten Schutz des einzelnen Köpers vor klimatischen Bedingungen. Geht so der Mensch der Zukunft mit verschmutzter Luft, Umweltgiften, Unwettern und aggressiven Sonneneinstrahlungen um?

Eingeschweißt wie ein Stück Frischfleisch? Lawrence Malstaf in seiner "performativen Installation" Shrink (1995). (Foto: Galerie Fortlaan 17, Gent B)
Von der Körperhülle geht es in die nächstgrößere "Kapsel", den unmittelbaren Wohnraum. Was passiert, wenn es die Freiheit zur Mobilität nicht mehr gibt, die der westliche Mensch in den vergangenen hundert Jahren so liebgewonnen hat? Wohin flüchten wir uns dann? Etwa in Orte wie die "Oase 7", den utopischen Entwurf eines parasitären Lebensraums, der sich für die Dauer der Ausstellung an das Museumsgebäude gedockt hat?

Synthetisches Reservat mit Hängematte, Kunstpalmen und Notausgang: Haus-Rucker-Co (Laurids Ortner, Manfred Ortner, Klaus Pinter, Günter Zamp Kelp), Oase Nr. 7, documenta 5 (1972). (Foto: Dennis Conrad)
Ganze Städte der Zukunft erstehen im nächsten Ausstellungsbereich. Dort hat Kurator Friedrich von Borries "urbane Kapseln" versammelt: riesige Kuppeln über Manhatten, autarke Stadtsysteme in Bewegung, eine schwimmende Ökopolis für Klimaflüchtlinge.

Fast zu schön um wahr zu sein: Vincent Callebauts "Lilypad" - wie ein Seerosenblatt schwimmt das Refugium für Klimaflüchtlinge auf dem Ozean (2008). (Foto: Vincent Callebaut Architectures)
Radikal umgedreht wird die Idee in den "Naturkapseln". Nicht der Mensch wird hier vor dem immer unwirtlicher werdenden Klima abgeschirmt, sondern die Natur vor ihm. Die Umwelt wird so in eine Sphäre der gesicherten Künstlichkeit gehoben - und mit dieser Konservierung selbst zum menschlichen Artefakt.

Ilkka Halso macht die Natur im "Museum of Nature" (seit 2000) zu einem künstlichen Werk des Menschen. (Foto: Ilkka Halso)
Und auch der größtmögliche Eingriff in das globale System, das Geo-Engineering, fehlt in der Ausstellung natürlich nicht: Wolkenmacher, Sonnenschirme für das Weltklima und Dünger für die Atmosphäre werden in den "atmosphärischen Kapseln" in den Mittelpunkt gestellt.
Deutlich wird in in der Ausstellung vor allem eines: der Gestaltungswille des Menschen angesichts der Katastrophe. Bleibt zu hoffen, dass er diesen nicht erst für die Freiheit zur Flucht verwendet, sondern schon etwas früher - zur Abwendung der Katastrophe.

Ant Farm (Chip Lord, Doug Michels und Curtis Schreier): Clean Air Pod, 1970. (Foto: Courtesy Ant Farm)
Die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe" läuft vom 28. Mai bis 8. August im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe - weitere Informationen finden Sie HIER

Flyhead (Environment Transformer), Haus-Rucker-Co (Laurids Ortner, Günter Zamp Kelp, Klaus Pinter), 1968, (Ausschnitt/Foto: Ben Rose, New York)
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