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Drei Vorhänge und kein Schlussakkord

Kann man aus Klimawandel und der Abholzung des amazonischen Regenwalds großes Theater machen? Nach vier Jahren Vorbereitung hat es das brasilianische Nationaltheater von Sao Carlos gewagt und die "Amazonas-Oper" auf die Bühne der Münchner Biennale gebracht.

 Aus München GEORG ETSCHEIT

Große Oper dreht sich meist um große Themen: Liebe und Hass, Macht und Tod. Zweifellos sind auch die Abholzung des amazonischen Regenwaldes und der Klimawandel Menschheitsthemen. Doch kann es gelingen, aus diesem komplexen wissenschaftlich-politischen Sujet eine Oper zu machen?

amazonas-oper-logo

Auf der Münchner Biennale, einem weltweit angesehenen Festival für zeitgenössisches Musiktheater, hat man es versucht. Am vergangenen Wochenende kam in der Reithalle, einem Off-Theaterraum im Münchner Westen, das seit Wochen groß angekündigte "Amazonas"-Projekt heraus. Die verhaltenen Publikumsreaktionen nach dem mehr als dreistündigen Multimediaspektakel ließen allerdings Zweifel aufkommen, ob das Experiment gelungen ist.

Nicht nur künstlerisch, sondern auch logistisch war die Amazonas-Oper eine Herausforderung. Vier Jahre dauerten die Vorbereitungen. An der Co-Produktion der Biennale mit dem Goethe-Institut, dem Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und dem Nationaltheater von Sao Carlos in Brasilien ist auch der Interessenverband der Yanomami-Indianer beteiligt.

Die Yanomami sind zusammen mit vielen anderen indigenen Völkern von der Zerstörung des Regenwaldes direkt betroffen. Ihre letzte Hoffnung, dem Ansturm der Holzkonzerne und Soja-Barone in dem aufstrebenden Schwellenland Brasilien zu widerstehen, liegt auf der Solidarität der Menschen in den entwickelten Staaten: Die könnten indirekt, vermittelt über das weltweite Klimageschehen, zu Mit-Opfern des Raubbaus werden.

amazonasoper
Typisch Amazonas? Interaktives Bühnenbild im ersten und zweiten Teil der Amazonas-Oper

Ökologisch und kulturell sei Amazonien ein "Kerngebiet des globalen Schicksals", hatte Biennale-Leiter Peter Ruzicka, im Vorfeld der Uraufführung zu Protokoll gegeben. Schließlich haben Klimaforscher herausgefunden, dass der brasilianische Regenwald zu den sogenannten Kipp-Punkten des Weltklimas zählt. Steigende Temperaturen und ungebremste Abholzung bedrohen den gigantischen Wasserspeicher und Sauerstoffproduzenten. Falls der Wald austrocknet, würden Unmengen von Kohlenstoff frei, was den Klimawandel weiter anheizen würde. Ein sich selbst verstärkender Prozess käme in Gang.

Erster Vorhang: Heavy Metal, Kinski und Begehrlichkeit

Im ersten Teil des "Amazonas"-Projekts wird anhand von Texten des britischen Entdeckers Sir Walter Raleigh der von "Bewunderung und Begehrlichkeit" (Ruzicka) geprägte Blick der Europäer auf das jungfräuliche Wald- und Wasserland des Orinoko-Beckens geschildert. In der abgedunkelten Reithalle wurde Raleighs Ende des 16. Jahrhunderts entstandener Reisebericht auszugsweise von drei Schauspielern rezitiert, deren Konterfeis in Nahaufnahme auf riesigen Leinwände. Der Komponist Moritz Eggert mimte den Entdecker und rollte mit den Augen wie der irre Klaus Kinski als Aguirre in Werner Herzogs Conquistadoren-Epos.

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Es war einmal jungfräuliches Waldland: "200 Jahre Kapitalismus haben den Reichtum von Millionen Jahren zerstört", heißt es in der Amazonas-Oper. (Fotos: Promo)

Dazu hatte der Komponist Klaus Schedel einen von Hard Rock und Heavy Metal inspirierten Soundtrack komponiert, der die "Gewalttätigkeit der Zerstörung durch Musik körperlich vermitteln" sollte. Das tat er auch, und zwar bis hart an die Schmerzgrenze, wobei der Erkenntnisgewinn eher gering blieb. Dass Musik Gewalt vermitteln kann, weiß man spätestens, seit Rockbands mit Presslufthämmern die Bühne und ihr Publikum bearbeitet haben.

Zweiter Vorhang: Zwischen Dschungel-Geisterbahn und Öko-Kitsch

Der zweite Teil schildert den Raubbau im Amazonasbecken aus der Perspektive der Yanomami und ihres Schamanen Davi Kopenava, der Gast der Uraufführung war. Dafür verwandelte sich die Reithalle in eine Art Dschungel-Geisterbahn, in der sich das Publikum herum flanieren durfte. Auf schwarze Stoffbahnen, die von einer Art Ventilatoren herabhingen, wurden allerlei Schlinggewächse projiziert. Die meisten der Premierengäste ließen sich auf den versprochenen "Perspektivwechsel" ein, streunerten brav in der Öko-Kitsch-Deko herum und demonstrierten, was klimafreundlicher Ökourlaub sein kann.

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Indigene vom Stamm der Yanomami: Letzte Hoffnung Solidarität. (Foto: www.survivalinternational.de)

Dabei stolperten sie über Schauspieler mit weißen Masken, die auf dem Boden krochen oder Holzkisten hinter sich herzogen, aus denen Urwaldgeräusche drangen: Vogelstimmen, Tierlaute, Regengüsse und Donnergrollen, aber auch der Lärm von Motorsägen und Rodungsmaschinen. Auf einem Podest trug ein Schauspieler so etwas wie Schamanengesänge vor. Dazu spielte ein Orchester aus Blechbläsern und Schlagzeug Musik des Brasilianers Tato Taborda, der nach eigener Auskunft "Momente indigener Traditionen" in seine Komposition mit einbezog. Nicht wenige Zuschauer reagierten auf das interaktive Setting mit Heiterkeit.

Dritter Vorhang: Finale Konferenz ohne Ergebnis

Im dritten Teil der Oper schließlich sollten die Perspektiven der weißen Eroberer und der Indianer zusammengeführt werden. Das Publikum wurde Zeuge einer Klimakonferenz: Repräsentanten aus Politik, Kirche, Wissenschaft und Wirtschaft verhandelten an einem virtuellen Konferenztisch die Sache des Amazonas. Gesungen wurde wenig, gesprochen viel. Dazu dekorierte der Medienkünstler Peter Weibel, Leiter des ZKM, eine aus weißen Quadern aufgeschichtete Treppe mit chemischen Formeln (CO2-Klimakiller!) oder Bildern des Urwalds aus dem Beamer.

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Das Finale der Amazonas-Oper findet "am Konferenztisch" statt

Die Rolle des Waldes hatten Weibel und der Komponist Ludger Brümmer einem in weiße Schutzanzüge gekleideten Vokalensemble anvertraut, das zum Ende antikapitalistische Slogans skandierte: "200 Jahre Kapitalismus haben den Reichtum von Millionen Jahren zerstört" und "Marktradikalismus ist der wahre Terrorismus". Da war man dann bei Bertold Brechts epischem Theater angekommen. Wie in Kopenhagen endete die Konferenz - ergebnislos.

"Da muss ich erstmal nachdenken"

Am Tag nach der Urauführung sollte der "amazonische Schmerz" auf einem wissenschaftlichen Symposium weiter hinterfragt werden. Der Begriff stammt von dem Philosoph Peter Sloterdijk, der auch mit auf dem Podium sitzen sollte. Bemerkenswert schien dabei, dass es dem mediengewandten Stardenker ("Das philosophische Quartett") unmittelbar nach 210 Minuten Amazonas-Oper zunächst an Worten fehlte: "Da muss ich erstmal nachdenken", sinnierte Sloterdijk auf Nachfrage. Andere fanden ihre Sprache schneller zurück: Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers nannte das Amazonas-Projekt immerhin ein "interessantes Experiment".

 

"TILT", "Der Einsturz des Himmels", "Amazonas-Konferenz. In Erwartung der Tauglichkeit einer rationalen Methode zur Lösung des Klimaproblems", so die Titel der drei Teile des Musikstücks: Die Tournee der Amazonas-Oper geht nach dem Start in München weiter nach Rotterdam (29. Mai), Sao Paolo (21. bis 25. Juli) und Lissabon (6. bis 9. Oktober).

Mehr dazu auf den Informationseiten des Amazonas-Projekts


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