"Vorne kommt Sonne rein, hinten Strom raus"
Mitten in der Branchenkrise schreibt Solarworld-Chef Frank Asbeck ein geradezu euphorisches Buch, eine Art Sonnenmanifest. Ganz nebenbei erzählt der 50-Jährige darin seine schillernde Familiengeschichte - und freut sich an einer "Grundwahrheit des Kapitalismus"
Eine Rezension von TORALF STAUD
Woher nimmt der Mann nur seinen Optimismus? Seit Monaten reißen die schlechten Nachrichten aus der Solarwirtschaft nicht ab: Umsätze und Aktienkurse brechen ein, etliche kleine Firmen sind längst pleite, der weltgrößte Solarzellenproduzent Q-Cells entlässt Hunderte Mitarbeiter. Nun hat die schwarz-gelbe Regierungskoalition auch noch eine drastische Kürzung der Fördersätze für Solarstrom beschlossen. Doch Frank Asbeck, Chef des Branchenriesen Solarworld, malt in einem Buch die Zukunft in hellsten Farben.
Asbeck tritt einfach einen Schritt zurück vom Auf und Ab der Quartalszahlen. In einem Parforceritt durch Menschheitsgeschichte und verschiedene Wissenschaften lenkt er den Blick aufs große Ganze: dass die gegenwärtige Energieversorgung schlicht keine Zukunft hat. Was über Jahrmillionen an fossilen Ressourcen entstand, verbrennt die Menschheit bekanntlich in immer wahnwitzigerem Tempo. Wenn circa Ende des nächsten Jahrhunderts nach den Erdöl- auch alle Kohlevorräte erschöpft seien, so Asbeck, "dann hätten zwölf Dutzend Menschheitsgenerationen in 400 Jahren die Ergebnisse von 400 Millionen Jahren geologisch-chemischer Aktivität abgefackelt". Und weil die Kernfusion ein Hirngespinst sei und auch das Uran endlich, tja, da bleibt der Menschheit, wenn sie nicht völlig auf Wohlstand verzichten will, nur eine radikale Energiewende. Früher oder später. Und ganz unabhängig von den Risiken des Klimawandels.
In dieser Lage kann man in der Tat optimistisch sein, wenn einem 25 Prozent der Solarworld-Aktien gehören. Denn aus der gegenwärtigen Branchenkrise dürfte Asbecks Firma gestärkt hervorgehen. Nebenbei erzählt der 50-Jährige seine schillernde (Familien-)Geschichte: Ururgroßvater Carl Theodor gründete 1853 in Westfalen ein Stahlwerk, Vater Heinz machte mit Baggerketten ein Vermögen. Er selbst studierte in Bonn Agraringenieurwesen, war 1982 bei den Anfängen der NRW-Grünen dabei, handelte dann nacheinander im Rheinland mit Bioobst, in Peru mit Traktoren und in Litauen mit Mercedes-Limousinen. Irgendwann kam der Hansdampf in Kontakt mit Solartüftlern. "Dabei faszinierte mich, der ich aus der Welt von Rostfraß und Schmierfett kam, die Solartechnik sofort: Da rauchte nichts, da stank nichts", schreibt Asbeck. "Vorne kommt Sonne rein, hinten kommt Strom raus."
Von einer Garagenfirma zum Milliarden-Konzern
So startete er halt einen Solarpanel-Handel. Doch statt "der Vertriebsdepp eines Konzerns" zu bleiben, brachte Asbeck seine Garagenfirma schnell an die Börse und stieg mit dem Erlös in die Produktion ein: "Keine Bastelsätze, sondern industriell gefertigte Produkte in großen Stückzahlen und zu kleinen Preisen. Keine Öko-Alibis, keine Heilsmaschinen mit eingebauten Funktionsmängeln, sondern Anlagen, mit denen in naher Zukunft jeder, unabhängig von Bekenntnis und Einkommen, seinen Strombedarf zu marktfähigen Preisen würde decken können." Heute macht Solarworld eine Milliarde Euro Jahresumsatz.
Asbeck gelingt es, seine Faszination an den Leser zu übertragen – heraus kommt eine Art Sonnenmanifest. Und es stimmt ja auch: Tag für Tag strahlt unfassbar viel Solarenergie auf die Erde. Fast alle Gegenden, in denen Menschen leben, bekommen genug Sonne, um mit ihr den Strombedarf decken zu können – fast die ganze USA beispielsweise liegt südlicher als Bayern. Selbst im trüben Deutschland braucht man nur zehn Quadratmeter Solarzellen, um den Pro-Kopf-Bedarf an Strom zu decken. Während Öl, Gas und Kohle immer knapper und teurer werden, gewinnen Solarzellen und Windräder Jahr für Jahr und geradezu zwangsläufig an Attraktivität: Ihre Brennstoffkosten liegen bei Null, und dank Massenproduktion und weiterer Forschung sinken die Anlagenpreise und steigt die Effizienz.
"Solarenergie ist dezentral und demokratisch", betont Asbeck einen oft übersehenen Aspekt, bald könne jeder Bürger sein eigener Stromkonzern sein. Und "gerade in den Entwicklungsländern" werde "die Solarrevolution zugleich eine politische und ökonomische Befreiung" – denn abseits der Elektrizitätsnetze sind bisher die Menschen vielfach auf teure Dieselgeneratoren und gesundheitsschädliches Leuchtpetroleum angewiesen.
"Wer frühzeitig investiert, verdient sehr viel mehr Geld"
Natürlich, Asbeck ist ein geschickter Selbstvermarkter – unvergessen, wie er sich auf dem Höhepunkt der Opel-Krise öffentlich als Retter anbot. Auch sein Buch überzieht manchmal: Ein paar Zahlen stimmen nicht, etliche Argumente für Solarstrom sind lange bekannt, über einige Nachteile und Kosten dagegen plaudert Asbeck munter hinweg. Doch im Prinzip hat er recht: Die von Kritikern derzeit in Grund und Boden geschriebenen Fördermilliarden für Solarstrom sind Peanuts im Vergleich mit den jahrzehntelangen Atom-Subventionen. Bereits heute arbeiten in der Erneuerbaren-Branche viel mehr Menschen als bei den großen Stromkonzernen – die aber kämpfen weiter mit Marktmacht und Lobbygeschick gegen die Newcomer, nennen ihre veralteten Großkraftwerke nun euphemistisch Brückentechnologie.
Solarstrom wird, und hier deckt sich Asbecks Optimismus mit Expertenschätzungen, schon bald die "grid parity" erreicht haben – die Energie vom Photovoltaik-Dach wird dann nicht mehr teurer sein als jene aus der Steckdose (und eine schrittweise Senkung der staatlichen Solarförderung dürfte diese Entwicklung sogar beschleunigen). Verglichen mit dem Boom, der dann einsetzen wird, war alles Wachstum des letzten Jahrzehnts bloße Kleckerei. Asbeck freut sich schon jetzt darauf, und Neidern hält er entgegen: "Wer frühzeitig in neue und sinnvolle Technologien investiert, der verdient tatsächlich sehr viel schneller sehr viel mehr Geld." Das sei, schreibt der Unternehmer, der einst Mitglied der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend war, nun mal eine "historische Grundwahrheit des Kapitalismus".
Frank H. Asbeck: Eine solare Welt. Der SolarWorld-Chef über die Zukunft der Energieversorgung. Kiepenheuer&Witsch 2009, 14,95 €
Fotos: Kiepenheuer&Witsch, Solarworld
Übrigens: Guter Journalismus kostet...
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto

Die Schlagzeilen um 10 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Aufruf!
Ihr Wunschzettel zur Bundestagswahl
Im Herbst wird gewählt. Was erhoffen Sie sich für die Energie- und Klimapolitik? Schreiben Sie uns das in einem Satz (oder Wort). Einiges veröffentlichen wir in unserem Wahl-Dossier ab Juni. Außerdem verlosen wir drei Bücher "Wir Klimaretter. So ist die Wende noch zu schaffen." Auf gehts! [E-Mail klimaretter.info]
Die Debatte zur Zukunft des EEG Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch nun ist eine grundlegende Reform (über-)fällig. Die Frage ist nur – wie? klimaretter.info hat Fachleute um ihre Vorschläge gebeten. [mehr...] | Umweltzerstörer nach Den Haag! Extreme Umweltzerstörung ist ein Verbrechen gegen das friedliche Zusammenleben. Ein solcher Ökozid soll künftig vor den Internationalen Strafgerichtshof gebracht werden können. Eine Million Unterschriften sind dafür nötig. [mehr] |
In eigener Sache
Unterstützen Sie guten Journalismus
Unabhängiger Journalismus braucht Förderer. Der Klimawissen e.V. unterstützt die Arbeit des Online-Magazins klimaretter.info. Werden Sie Fördermitglied oder spenden Sie für die Berichterstattung! [hier...]
Deutsche Post: Ein Trick namens RECS
Die Zeiten, in denen die Deutsche Post noch die Deusche Post war, sind längst vorbei. Heute heißt die Deutsche Post DHL und ist nicht mehr einfach nur der Arbeitgeber für die Postboten, sondern – Eigenwerbung – „der weltweit führende Post-[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
EEG 2.0 - Die Debatte zur Zukunft des EEG
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E 10 und das Politikversagen - Wie es nun weitergeht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Die Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen-ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Was Doha wert ist - Meinungen und Analysen
Doha Dezember 2012 - COP18
Doha-Countdown - Die Welt vor Doha
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Durban-Countdown - Die Welt vor Durban
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Cancún-Countdown - Die Welt vor Cancún
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Kopenhagen-Countdown - Vor dem Supergipfel
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznań Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook-Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed



Kurz nach Vorlage der Solar-Ausbaubilanz 2011 gehen die Wellen hoch in der Debatte um die künftige Förderung. Hardliner aus FDP und Union fordern eine Kappung des jährlichen Wachstums. Doch es wirkt, als ob sich die Anhänger des bisherigen - und höchst erfolgreichen - Fördermodells nochmal durchsetzen können - der Solardeckelfan Thomas Bareiß, energiepolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, rudert zurück.
Das einstige Vorzeigeunternehmen der Solarbranche verliert immer mehr an Boden – und die Aktionäre ihr Kapital
Preisfrage zum Feierabend: Wie funktioniert die Energiewende in Deutschland? Logisch wäre zum Beispiel: Die erneuerbaren Konzerne boomen, die fossilen treten ihren Rückzug an. Die Halbjahreszahlen von Solarworld und Eon belegen das Gegenteil.
US-Umweltstiftung untersucht Wind, Sonne & Co. als Investitionsfaktor: In China, Deutschland und den USA wurden 2010 die höchsten Summen in erneuerbare Energietechnologien gesteckt.
Solarworld baut 600 Kilowattpeak Solardachanlage zum Weltklimagipfel
Einbruch bei weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien – Rahmenbedingungen in Leitmärkten USA und Deutschland zu unsicher
Insgesamt arbeiten derzeit 372.000 Menschen in der Erneuerbaren-Branche
Reaktion auf die gestrige Einigung im Vermittlungsausschuss ist durchwachsen
Bank rechnet in den nächsten Jahren mit Wachstumsraten von mehr als 10 und 20 Prozent bei Wind- und Solarenergie
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) haben sich auf einen neuen Kürzungsvorschlag für die Photovoltaikförderung geeinigt. Die EEG-Zuschüsse sollen zukünftig in monatlichen oder vierteljährlichen Abständen sinken. Es könnte die letzte Trumpfkarte sein, um den Druck der Erneuerbaren-Gegner aus den Regierungsfraktionen abzuwehren. Schuld am schlechten Standing der Branche ist auch: sie selbst.
Windräder sind beliebt, Hochspannungsmasten weniger
Branchen-Primus muss unerwartet schwere Verluste hinnehmen. Kurzarbeit bei First-Solar
Solarworld-Chef verzichtet angesichts roter Zahlen auf Geld und Boni
Der Aktienindex für erneuerbare Energien RENIXX World verzeichnet Verluste von mehr als 50 Prozent


