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Wie Umweltschutz zur Routine wird

Umweltbewusstsein finden die meisten Deutschen gut. Doch ihr alltägliches Verhalten ist ökologisch oft nur so lala. In seinem Buch "Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten" schlägt Michael Kopatz eine Strategie vor, wie sich das ändern ließe. Auch die Umweltbewegung kann – und sollte – davon lernen.

Eine Rezension von Hubert Weiger

Vor 20 Jahren haben der Umweltverband BUND und die Entwicklungsorganisation Misereor die erste Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" herausgegeben. Eine der zentralen Botschaften: Wir haben nur einen Umweltraum, und jeder Mensch auf der Erde hat den gleichen Anspruch, Ressourcen zu verbrauchen – innerhalb der gegebenen Grenzen und Aufnahmekapazitäten unseres Planeten.

BildRessourcen sparen – völlig klar! Zumindest theoretisch. (Foto: klima-sucht-gewinner.org)

Diese Grundbotschaft hat seither nicht an Aktualität verloren, im Gegenteil, sie hat mit den globalen Nachhaltigkeitszielen und den dort formulierten "planetaren Grenzen" neue Aktualität erhalten, sie ist brisanter und dringlicher denn je. Und in erster Linie müssen wir in den Industrieländern unseren Ressourcen- und Energieverbrauch massiv reduzieren, um weltweit in diesen Grenzen bleiben zu können. Ein Ziel, das wir mit mehr Effizienz und technischen Lösungen allein nicht erreichen werden.

Vielmehr brauchen wir Wege hin zu absoluten Verbrauchsgrenzen, soziale Innovationen, andere Lebensstile – kurz eine wirksame Suffizienz-Strategie. Es reicht nicht, sich für die als richtig erkannten Ziele zu engagieren, wir müssen auch diskutieren, was uns daran hindert, die Ziele zu erreichen. Warum geschieht nicht, was geschehen muss?

Das Buch "Ökoroutine" von Michael Kopatz setzt auf exzellente Weise genau hier an. Es macht Mut durch zahlreiche Beispiele. Doch es macht nicht nur Mut, weil es Lösungen aufzeigt, sondern weil es sich in großer Klarheit auseinandersetzt mit den Gründen, warum wir uns so schwertun. "Wir" – damit meine ich hier die breite Umweltbewegung.

Es braucht einen anderen, intelligenten Rahmen

Das Buch macht klar, dass es eben nicht ausreicht, an die Menschen zu appellieren, ihren persönlichen Lebensstil zu ändern, sondern dass wir vor allem die Politik auffordern müssen, ihre Verantwortung wahrzunehmen: nämlich einen Rahmen zu setzen und damit ein "ressourcenleichtes" Verhalten auch zu ermöglichen.

Es braucht an vielen Stellen einen anderen und intelligenten Rahmen, um Grenzen aufzuzeigen, Strukturen zu verändern und damit entsprechendes Verhalten zu ermöglichen. Besonders tragisch zeigt sich dieses Unterlassen der Rahmensetzungen der Politik in einem zentralen Feld – dem Verbrauch unserer Böden. Hier vollzieht sich ein teilweise irreparabler Prozess. Er verläuft in vielen Fällen nicht spektakulär, sondern schleichend – die Höhe des täglichen Landverbrauchs von bundesweit 70 Hektar scheint kaum jemanden zu empören.

Trotz des langjährigen politischen Ziels, den täglichen Flächenverbrauch auf 30 Hektar am Tag zu reduzieren, passiert in der Praxis genau das Gegenteil. Die Gründe dafür bringt Michael Kopatz in seinem Buch auf hervorragende Weise auf den Punkt: Die Politik zieht sich aus ihrer Verantwortung zurück. Wir schaffen Strukturen, etwa durch neue Gewerbegebiete, die nur ein einziges Kriterium haben, nämlich den Anschluss an die Autobahn, sodass wir am Ende gar nicht mehr zu anderen Lösungen zurückkönnen. Es sind dann falsche Strukturen geschaffen, die jahrzehntelang wirken.

Michael Kopatz macht sehr treffend an vielen Beispielen und mit zukunftsweisenden Vorschlägen klar, wie notwendig es ist, genau diese Strukturen zu verändern, um entsprechende (nachhaltige) Zukunftsmöglichkeiten zu schaffen.

BildWenn die Stadt so geplant ist, dass man die täglichen Ziele locker mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln erreicht, kommt die Ökoroutine fast von alleine. (Foto: Heb/Wikimedia Commons)

Ein anderes Beispiel ist der Standby-Betrieb technischer Geräte. Jahrzehntelang haben sich engagierte Umwelt- und Klimaschützer für eine stromsparende Praxis engagiert. In unzähligen Appellen an die Politik und auch direkt an die umweltbewusste Bevölkerung haben wir auf den enormen Energieverlust hingewiesen. Wir sollten uns stärker bewusst machen, was wir hier tatsächlich erreicht haben, und zwar mit Hilfe der EU: Die Ökodesign-Richtlinie begrenzt heute den möglichen Standby-Verbrauch von Geräten. Wirkungsvoll und mit einem klaren politischen Rahmen für die Industrie und für Verbraucherinnen und Verbraucher.

Es sind solche strukturellen Veränderungen, für die Michael Kopatz eindrucksvoll plädiert: Veränderungen, die neue Routinen selbstverständlich werden lassen.

Von daher ist diesem exzellenten Buch eine möglichst breite Diskussion in der Öffentlichkeit zu wünschen – und auch eine durchaus kontroverse Diskussion. Es fordert die Politik in einzigartiger Weise heraus, weil es dazu führt, dass man eben nicht sagt: "Ihr müsst euch verändern", sondern: "Beides ist notwendig: Das Engagement der Einzelnen genauso wie das Handeln der Politik."

Der Forstwirt und Hochschullehrer Hubert Weiger ist seit 2007 Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Weiger gehörte 1975 zu den Mitbegründern des BUND, der heute mit rund 500.000 Mitgliedern zu den größten Umweltorganisationen der Bundesrepublik zählt.

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Michael Kopatz: Ökoroutine
Damit wir tun, was wir für richtig halten
Oekom Verlag, München 2016
416 Seiten, 24,95 Euro

[Erklärung]  
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