Was Klimawandel wirklich bedeutet

Die Dokumentation "ThuleTuvalu" wurde in Nordgrönland und im Südwestpazifik gedreht. Zwei Orte, die verschiedener nicht sein könnten – deren Schicksal aber untrennbar miteinander verknüpft ist. Schuld ist der Klimawandel.

Eine Filmkritik von Marlene Göring

Sonnenstrahlen kitzeln vom Himmel. Schwach, aber stark genug, dass überall die Eisdecke aufgerissen ist. Der Boden schaut jung und braun heraus. Das, was vom Schnee übrig ist, schimmert – es ist überzogen von einem dünnen Wasserfilm. Sommer auf Grönland. Eine schlechte Zeit.

Die Inuit warten nicht auf die Schneeschmelze. Sie fürchten sie. Wie Lars, seine Kinder und Kindeskinder, die in Thule oder Qaanaaq leben, wie die Einheimischen die Polarsiedlung nennen. Auf der anderen Seite der Welt, im kleinen Inselstaat Tuvalu im Südwestpazifik: Auch Kaipati und seine Familie fürchten sich. Vor dem Wasser aus den Gletschern, die die Inuit so dringend brauchen, die aber immer weiter abschmelzen.

Lars und Kaipati sind einige der Protagonisten der Dokumentation "ThuleTuvalu", die im letzten Jahr auf Filmfestivals Premerie feierte und jetzt in Deutschland im Programmkino läuft. Der Schweizer Filmemacher Matthias von Gunten erzählt die Geschichte dieser beiden Landstriche am Rand der bewohnten Erde. Als Kind seien sie für ihn Fantasie-Orte gewesen, Symbole für Sehnsucht und Fernweh, sagt von Gunten. Als Erwachsener musste er feststellen, dass die beiden Orte in der Realität noch viel mehr gemeinsam haben. Tuvalu droht zu versinken, Thule zu verschwinden – greifbare, leidbringende Konsequenzen des Klimawandels und des steigenden Meeresspiegels.

Regisseur von Gunten wechselt in Episoden zwischen den so verschiedenen und gleichzeitig verbundenen Flecken hin- und her. Auf Kommentare verzichtet er fast vollständig, auch Wissenschaftler und Experten kommen hier nicht zu Wort. Nur manchmal liefern Texteinschübe weitere Erklärungen. So wie zu den Bildern von der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009. Darunter steht zu lesen: Alle Teilnehmer stimmten damals dem Ziel zu, die Erderwärmung auf zwei Grad über vorindustriellem Niveau zu begrenzen. Alle – außer Tuvalu. Schon diese zwei Grad würden ausreichen, damit dessen Riffinseln untergehen. Tuvalu wollte eine Begrenzung auf nur 1,5 Grad Erwärmung. Durchsetzen konnte sich der Kleinstaat nicht.

Wer bedroht die Natur?

"ThuleTuvalu": Der Titel ist ein Mantra, das hinter den starken Naturaufnahmen immer mitzuschwingen scheint, egal ob sie Eiswüsten oder pazifischen Palmenstrand zeigen.

Der Dokufilm beginnt mit dem Alltag, mit dem Leben in und mit der Natur. Für Westler nicht leicht auszuhalten ist es, wie in Tuvalu Schweine und Fische geschlachtet werden, in Thule Robben und Wale. Lars und sein Sohn lachen und loben, als sie ein Stück Fleisch aus dem frisch erlegten Narwal schneiden und sich in den Mund schieben. Doch diese Menschen sind es nicht, die die Natur bedrohen.

Die Zerstörung kommt langsam und leise. Die Gesichter der Protagonisten werden im Laufe des Films sorgenvoller. Immer wieder sagt jemand: "Als ich noch klein war ..." Es folgen keine Ermahnungen, keine Anekdoten. Nur Feststellungen: "... lief der Strand noch flach ins Meer. Überspülte keine Flut die Felder. War der Brunnen noch nicht salzig." Oder: "... war das Eis zwei Meter dick. Fror das Meer schon im Oktober zu. Konnten wir das ganze Jahr mit dem Schlitten übern Fjord."

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Paradies auf Abruf: Das Zwei-Grad-Ziel reicht Tuvalu nicht. (Foto: Tomoaki Inaba/Flickr)

"Es ist doch gerade erst der 27. Mai!" Ungläubig blicken Lars und sein Sohn auf die Datumsanzeigen ihrer Uhren. Vor ihren Füßen klafft eine Spalte im Eis; in vier Tagen wird sie so breit sein, dass es die Hunde nur mit Mühe hinüber schaffen. Der Weg zum offenen Meer, wo die Wale und Robben sind, ist dann in dieser Richtung versperrt. Bis die Eisdecke wieder zufriert, im schlimmsten Fall erst nächsten Januar. Aus dem ewigen Eis des Nordens sind bröckelige Klumpen geworden. Irgendwann wird es hier gar kein Eis mehr geben, sind die Inuit überzeugt. "Werden wir noch Hunde haben?", fragen sich viele. Statt zu jagen könne man dann vielleicht Touristen zu den Inlandgletschern führen.

Tuvalu wird dann nur noch eine Untiefe im Ozean sein.

"ThuleTuvalu" läuft zurzeit in mehreren größeren Städten im Kino

Redaktioneller Hinweis: klimaretter.info ist Medienpartner von "ThuleTuvalu"

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