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Aus dem Weg, Kapitalisten!

Naomi Klein stellt in ihrem neuen Buch "Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima" die Systemfrage: Der Kapitalismus müsse überwunden werden, um wirklich Klimaschutz zu betreiben. Was die Klimabewegung aus dem Werk lernen kann.

Eine Rezension von Kathrin Henneberger

Es ist der 18. März 2015. Die kanadische Journalistin Naomi Klein betritt eine Frankfurter Bühne und verkündet, dass der Kapitalismus überwunden werden muss – dem Weltklima zuliebe. Überwältigender Beifall. Die jubelnde Menge, das sind Aktivisten des Netzwerks Blockupy, die vor dem neuen Gebäude der Europäischen Zentralbank protestieren.

"Demokratie oder Kapitalismus": Naomi Klein beim Blockupy-Protest in Frankfurt am Main. Neben ihr der Klimaaktivist Tadzio Müller. (Video und Aufmacherfoto: Die Linke im Bundestag)

Dass die Blockupy-Antikapitalisten begeistert sind, überrascht kaum – aber auch bei vielen anderen scheint Klein mit ihren Thesen und ihrem neuen Buch "Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima" gerade einen Nerv zu treffen. Das lässt zumindest ihre Buchtour vermuten, die sie nach ihrem Auftritt in Frankfurt am Main noch in weitere deutsche Großstädte geführt hat. Gestern war der letzte Termin, alle Veranstaltungen waren restlos ausverkauft.

Spätestens jetzt ist klar: Die Klimabewegung kann und muss von Naomi Klein lernen. Seit Jahrzehnten kämpfen Klimaschützer von der lokalen bis zur internationalen Ebene gegen den Ausstoß von Treibhausen, mal gegen gegen die Rodung der Urwälder, dann wieder gegen Massentierhaltung oder gegen schwache Öko-Reformen. Für Naomi Klein, die schon für ihre Bücher "No Logo" und "Die Schock-Strategie" gefeiert wurde, ist das nicht genug. Sie fordert dazu auf, die Systemfrage zu stellen. Es ist der Versuch, soziale, anti-kapitalistische und ökologische Bewegungen zu vereinen. Klein liefert mit ihrem neuen Buch die ideologische Grundlage.

Ihre zentrale These: Der Kapitalismus sei immun gegen Klimaschutz, schließlich stünden bei ihm stets die Akkumulation von Kapital und der Zwang zum Wirtschaftswachstum im Vordergrund, nicht die Nachhaltigkeit und das Gemeinwohl. Diese Wirtschaftsform sei zwar nicht der alleinige Verursacher der Klimakrise – unvergessen bleiben die Kohlekraftwerke und Industrieanlagen im sozialistischen Osteuropa –, aber sie habe in den vergangenen Jahrzehnten einen effektiven Klimaschutz verhindert.

Menschen statt Märkte müssen entscheiden

Kleins Erklärung ist eine historische. Zur gleichen Zeit, als der menschengemachte Klimawandel endlich als Problem anerkannt wurde, habe sich der Kapitalismus als offensichtlicher Sieger im Wettstreit der Wirtschaftssysteme durchgesetzt. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers habe es einen Rundumschlag der marktbasierten Lösungen für alles gegeben. Statt mit starker und guter Regierungsführung für den Klimaschutz das Ruder herumzureißen, seien die Märkte entfesselt worden – geschmückt mit der Illusion, dieser Weg sei alternativlos.

Er tarne sich auch nur zu gut, der Kapitalismus, befindet Klein in ihrem Buch. In Mode ist schließlich der "Green New Deal", den UN-Generalsekretär Ban Ki Moon 2008 als Antwort auf Wirtschafts- und Klimakrise ausrief – das große Geld soll in Programme für eine "grüne Zukunft" fließen. Passiert sei durch den "grünen Kapitalismus" genau das Gegenteil, schreibt nun Klein, nämlich immer mehr Gewinnstreben im nachhaltigen Kostüm auf Kosten des Planeten.

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Naomi Klein auf Lesereise in Deutschland: Entweder können wir Kapitalismus haben oder Klimaschutz, behauptet sie in ihrem neuen Buch. (Foto: Mariusz Kubik/Wikimedia Commons)

Kleins "Marshall-Plan für die Erde" liest sich oberflächlich wie die Forderung Ban Ki Moons nach dem "Green New Deal". Denn auch sie fordert nicht die Beseitigung jeglichen Wirtschaftswachstums. Der zweite Blick zeigt, dass die Vorschläge grundverschieden sind. Menschen statt Märkte müssen bei Klein entscheiden, welche Branche gerade – und zwar dem Gemeinwohl dienend – wachsen darf und welche nicht. Für die Publizistin steht fest: Dazu gehört, dass die gewinnträchtige fossile Wirtschaft gezwungen wird, auf künftige Erträge in Billionenhöhe zu verzichten und den Großteil der fossilen Brennstoffe im Boden zu lassen.

Was kann die Klimabewegung aus Kleins Buch lernen? "Die Entscheidung" schärft den Blick dafür, dass Klimapolitik nicht nur auf Klimagipfeln stattfindet. "Wenn ein bisher lohnabhängig Beschäftigter zum Beispiel durch ein Grundeinkommen – ein klassisches soziales Thema – die Möglichkeit hat, seinen Job in der fossilen Energiewirtschaft aufzugeben, dann ist das gleichzeitig Klimaschutz", erklärte Klein ihren Ansatz auf der Buchtour. Im Prozess der Emissionsminderungen biete sich die Chance, die Lebensqualität der Menschen dramatisch zu verbessern und die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen – wenn auf dem Weg das Wirtschaftssystem revolutioniert werde, hin zu einer Lebensweise, die nicht auf die Übernutzung der globalen Ökosysteme angewiesen ist.

Neun Monate vor der UN-Klimakonferenz in Paris, auf der ein neues Klimaabkommen verabschiedet werden soll, ist Kleins Buch nötiger denn je. Sie kritisiert, dass der Klimawandel von der politischen Elite immer noch nicht als Problem ersten Ranges anerkannt ist. Dabei berge er "ein weitaus höheres Risiko als zusammenbrechende Banken", schreibt Klein. Ihre Lehre: Nur eine starke Klimabewegung, die mit langem Atem auf der Straße Druck macht, kann wirkliche Veränderungen erzwingen. "Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima" taugt zum passenden Manifest.

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Naomi Klein:
Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima 
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015
704 Seiten, gebundene Ausgabe, 26,99 Euro
 

 

 
Die Rezensentin Kathrin Henneberger ist seit Jahren Teil der Klimabewegung. 2008 und 2009 war sie Sprecherin der Grünen Jugend, 2013 absolvierte sie ein Praktikum in der Redaktion von klimaretter.info. Derzeit organisiert die studierte Geografin die Konferenz "Kampf ums Klima" mit, bei der sich deutsche und internationale Klimaaktivisten vernetzen wollen.

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