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Einmal Klimadiplomat sein

Jeder kann Klimagipfel: Im Schauspielhaus Hamburg sind die Zuschauer heute Abend die Delegierten. Das Autoren-Regie- Team Rimini Protokoll inszeniert mit ihnen zusammen den Ablauf einer UN-Klimakonferenz. Dabei können die Theaterbesucher richtig mitverhandeln – ein Lehrstück zum Mitmachen.

Eine Theaterkritik von Daniel Boese

Wir sind der Kongo. Die Demokratische Republik Kongo, um genau zu sein. Am Eingang des Hamburger Schauspielhauses erhalten wir ein Badge mit unserer Flagge. Die Sitze unserer dreiköpfigen Delegation im Parkett des Schauspielhauses sind ebenfalls mit der Fahne markiert. Die Bühne leuchtet blau wie bei der echten Klimakonferenz, auch alle Schriften sind genau vom UN-Klimasekretariat kopiert.

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Fast wie auf dem richtigen Klimagipfel: Bühne des Hamburger Schauspielhauses. (Foto: Schauspielhaus Hamburg)

Wir sind aber in der "Welt-Klimakonferenz" von Rimini Protokoll – eine Theaterproduktion, die die reale Welt nachspielt. Man kennt Rimini Protokoll auch außerhalb der Theaterszene, seit die dreiköpfige Gruppe die Hauptversammlung der Deutschen Bank zum Theaterstück erklärt hat, Aktien als Eintrittskarten verkaufte und den Sprecher der Bank zu dem Statement "Das ist kein Theater" provozierte. Der Klimaintellektuelle Harald Welzer schreibt in seinen Büchern über Rimini Protokoll – und jetzt bringen sie die Klimadiplomatie auf die Bühne.

Einfühlen in die Klimadiplomatie

Der einführende Vortrag und die Vorstellung der Experten ist dann ähnlich spannend wie ein Plenum der COP: Es geht um Geopolitik und Klimawissenschaft, um Geld und Macht. Trotzdem bleibt das Drama nur intellektuell zugänglich. Das ändert sich, als die Uhr die ersten 40 Minuten runtergezählt hat – in drei Stunden werden wir zwei Wochen Verhandlungsmarathon nachspielen. Es ist der erste Umzug fällig, hektisches Gesuche nach Räumen, Menschengruppen stehen sich im Weg – alles wie in echt.

Wir Afrikaner müssen auf die Hinterbühne und legen uns auf Feldbetten, die auf der Drehbühne im Kreis stehen. Kopfhörer auf und dann können wir uns nach Afrika träumen. In der Mitte steht Kenneth Gbandi und fährt sich auf einem Fahrstuhl in die Höhe. Gbandi ist SPD-Mitglied, er gibt ein Hochglanzmagazin über das moderne Afrika heraus und vertritt die nigerianische Diaspora bei der Afrikanischen Union. Uns erzählt er, wie wir als Delegierte eben für dieses moderne Afrika verhandeln. Na klar, es gibt Familienclans, die über unser Land seit Jahrzehnten herrschen – aber das ist mit Bush und den Clintons in den USA ja auch nicht viel anders.

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Klimaretter.info-Chefredakteur Nick Reimer "spielt" den kritischen Journalisten. (Foto: Schauspielhaus Hamburg)

Während der Theaternebel Wolken über der Savanne symbolisiert, hören wir trotz der Kopfhörer, dass den Europäern, die hinter uns sitzen und auf uns blicken, etwas von Nebelkerzen in den Verhandlungen erzählt wird. Auch das ist wie in echt – die Diplomaten sehen die gleichen Dinge, doch sie interpretieren sie völlig anders. Die Einfühlung in die Klimadiplomatie funktioniert.

Natürlich müssen wir auch über Emissionsreduzierung verhandeln – nach zwei Stunden geben wir eine Karte ab, auf der steht, wie viel wir reduzieren wollen und was wir in den Klimafonds einzahlen. Der demokratische Kongo zahlt natürlich nichts, das wäre ja noch schöner. Aber wir reduzieren, sogar um 50 Prozent von vier Tonnen auf zwei – so wie es die Wissenschaft fordert. Eigentlich wollen wir uns das gut bezahlen lassen – aber so weit geht das Theater dann doch nicht.

Wir schaffen das Zwei-Grad-Ziel

Schließlich werden alle Karten aufaddiert. Unser Publikum entscheidet: Das Zwei-Grad-Limit halten wir bis 2050 ein, bis 2030 reicht der Ehrgeiz sogar für 1,5 Grad. Ungarn verspricht eine Milliarde für den Klimafonds – ansonsten reicht das Geld bei Weitem nicht für die geforderten 100 Milliarden pro Jahr an Umverteilung für Klimaschutz und Anpassung.

Am Ende fährt eine gigantische Sonne aus fast 200 Bühnenscheinwerfern auf die Bühne und erhitzt das ganze Theater. Simpel – aber wirkungsvoll. Es wird heiß, und wir denken an das Expertenstatement: "Trotz aller Probleme: Es gibt keinen Gipfel, der so demokratisch ist wie der Klimagipfel." Das große Drama von Lima 2014 und Paris 2015 ist uns gleich neben Alster und Hauptbahnhof ganz nah gekommen.

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196 Lampen stehen für 196 Vertragsstaaten, und alle zusammen machen es wärmer: Wie kann es die Welt schaffen, ein noch nie dagewesenes Problem zu lösen? Die Zuschauer sind der Antwort ein Stück nähergekommen. (Foto: Schauspielhaus Hamburg)

Die nächsten Aufführungstermine: 20. Januar, 22. Februar, jeweils 20 bis 23 Uhr

Redaktioneller Hinweis: Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info, und Toralf Staud, Redaktionsleiter des Klima-Lügendetekors, spielen in dem Stück "Welt-Klimakonferenz" am Schauspielhaus Hamburg mit. Klimaretter.info ist außerdem Medienpartner der Vorstellung

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