Handbuch analysiert Klimabewegung

Das Klimacamp im Rheinland ist beendet, das in der Lausitz steht bevor. Die Camps sind Teil der Klimabewegung. Die Menschen hinter den Transparenten und auf Gipfel-Demos eint eine Frage: Wie können wir nur gegen die wirkmächtigen Produktions- und Handlungsmuster ankommen, die so fatal für das Klima sind? Ein umfangreiches Handbuch gibt einen Überblick.

Eine Rezension von Eva Mahnke

39 Tage lang hatte Anna Keenan nichts gegessen. "Ich bin seit vier Jahren Klimaaktivistin und ich habe jede andere Strategie schon ausprobiert", sagte die 24-jährige Australierin damals zur Begründung für ihren Protest-Hungerstreik 2009 auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen. Anna will den Klimawandel stoppen. Bevor sie anfing zu hungern, ging sie demonstrieren, beteiligte sich an Online-Petitionen, fuhr mit Schiff und Zug zur UN-Konferenz ins polnische Poznań, führte Jugenddelegationen auf Klimagipfeln an, besetzte in Australiens größtem Kohleexport-Hafen einen Zug und ließ sich dafür verhaften.

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Jung, bunt und laut und ohne Logo: Klimaaktivisten lassen sich mitunter nicht so leicht einordnen. Hier bei der Kohlebahn-Blockade im Rheinischen Braunkohlerevier 2011. (Foto: Hanno Böck)

Anna Keenan ist Teil einer Bewegung: der Klimabewegung. Inzwischen wird diese Bewegung von hunderten von Organisationen, mehreren tausend Aktivisten und noch viel mehr Unterstützern und Sympathisanten getragen. Die Klimabewegung ist in fast allen Winkeln der Welt aktiv. Die meisten nehmen sie vor allem dann wahr, wenn sie öffentliche Aktionen organisiert und den Medien spektakuläre, drastische oder einfach nur bunte Bilder liefert. Aber wer macht sich hier eigentlich bemerkbar? Gibt es die Klimabewegung? Und was treibt sie an? Welche Strategien stehen hinter ihren Transparenten, ihren Klima-Camps, ihren Demonstrationsaufrufen, ihrem Boykott und ihrem Geschrei?

Antworten darauf liefert das "Routledge Handbook of the Climate Change Movement" – deutsche Ausgabe: "Die internationale Klimabewegung: Ein Handbuch". Unterstützt von zahlreichen Wissenschaftlern, aber auch Aktivisten selbst, unternehmen die Bremer Politikwissenschaftler Matthias Dietz und Heiko Garrelts den Versuch, die noch junge soziale Bewegung zu beschreiben, zu analysieren und zu systematisieren.

Zum Nachschlagen: Organisationen, Leitfiguren, Aktivisten

Beim Lesen wird vor allem eines klar: Ob es um die Art der Akteure, ihre Organisiertheit, ihre Methoden oder politischen Weltbilder geht – die Klimabewegung ist äußerst vielfältig und sehr komplex. Das zeigt eindrücklich schon der Mittelteil des Handbuchs, der wie ein Lexikon in kurzen Texten die Klimabewegung in einzelnen Ländern, die wichtigsten Organisationen weltweit sowie Führungsfiguren und wichtige Aktivisten vorstellt – zwangsläufig nur in einer Auswahl.

Wer geduldig genug ist, sich auch durch die teilweise sehr abstrakt-wissenschaftlich verfassten Analysekapitel in Teil eins und drei hindurchzuarbeiten, kann die Klimabewegung besser verstehen lernen. Zum Beispiel, dass ihre bisherige Geschichte vor allem eine Geschichte ihrer Debatten und Auseinandersetzungen ist, die im Grunde immer um Facetten der einen Frage kreisen: Was um alles in der Welt können wir tun, um gegen die wirkmächtigen Handlungs-, Produktions- und Konsummuster anzukommen, die so fatal für das Klima sind?

Immer wieder diskutieren Aktivisten über die Rolle des Kapitalismus: Ist er die Wurzel allen Übels oder – grün gewandelt – doch die Lösung? Der radikalere Flügel der Klimabewegung, zum Beispiel die Organisation Rising Tide North America, fordert einen grundlegenden Wandel der Lebensstile und die Abschaffung des Kapitalismus. Der moderatere Flügel, darunter Friends of the Earth und Greenpeace, sehen den Kapitalismus zwar auch kritisch, finden sich aber den Wissenschaftlerinnen Donatella della Porta und Lousia Parks zufolge mit seiner Existenz ab und suchen innerhalb des Systems nach Möglichkeiten zur Begrenzung des weltweiten Treibhausgasausstoßes.

An mehreren Fragen scheiden sich die Geister

Eine Facette dieser Diskussion ist der Streit um die Sinnhaftigkeit von marktbasierten Klimaschutzinstrumenten. Neben dem Emissionshandel geht es hier vor allem um die sogenannten CDM-Projekte, bei denen Industriestaaten Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern finanzieren und die daraus resultierenden Treibhausgaseinsparungen auf ihre Klimaziele anrechnen dürfen. Während das Climate Action Network (CAN) – der größte Zusammenschluss von Organisationen und Gruppen der Klimabewegung – solche Instrumente prinzipiell gutheißt und der WWF mit dem "Gold Standard" sogar an der Verbesserung der CDM-Projekte mitwirkt, kritisieren andere Aktivisten diese Instrumente als völlig wirkungslos oder sogar schädlich.

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Andere setzen auf professionelle Kampagnen und charismatische Führungspersönlichkeiten: Der US-Klimaaktivist Bill McKibben bei einem Aktionstag im Jahr 2010. (Foto: 350.org)

Immer wieder diskutiert die Klimabewegung auch, wie eng sie mit Politik und Wirtschaft kooperieren sollte, um für mehr Klimaschutz zu sorgen. Schon seit Ende der 1990er Jahre muss sich CAN die Kritik gefallen lassen, eine zu große Nähe zu den Staatenvertretern auf den UN-Konferenzen zu suchen, statt mehr Druck auf sie auszuüben. Auf dem UN-Gipfel 2007 in Bali kam es deshalb sogar zum Bruch in der Bewegung: Erbost über die quälend langsam vorankommenden UN-Verhandlungen gründeten Aktivisten und Organisationen das Netzwerk Climate Justice Now!. Ihr Ziel: mehr Konfrontation. Dass die Klimabewegung aber überhaupt darüber diskutieren kann, zeigt etwas Positives: Sie ist als soziale Bewegung wichtig genug, um mit ihren Statements oder auch nur ihrer bloßen Anwesenheit das Geschehen auf dem UN-Klimaparkett zu legitimieren oder eben zu delegitimieren.

Ob es die Klimabewegung geschafft hat, "die Herzen" der Klimadiplomaten zu bewegen, so wie es die australische Aktivistin Anna Keenan in Kopenhagen mit ihrem Hungerstreik erreichen wollte, fällt auch dem "Handbuch" schwer zu beantworten. Konkrete Erfolge der Bewegung, wie das Moratorium zum Bau der Teersand-Pipeline Keystone XL oder die Verhinderung der dritten Landebahn am Münchener Flughafen, kann es wenige vermelden. Mit Urteilen über die Wirkmächtigkeit der Klimabewegung hält es sich zurück. Der UN-Gipfel vor fünf Jahren in Kopenhagen, auf dem Anna Keenan protestiert hat, ist als Symbol für ein großes Scheitern in die Geschichte der Klimadiplomatie eingegangen. Auch die Klimabewegung musste sich danach erst neu erfinden. Sie konzentriert sich seitdem sehr viel stärker auf lokale Proteste wie die Verhinderung von Kohlekraftwerken und neuen Tagebauen – in der Hoffnung, vor Ort bessere Hebel zu finden, um den menschengemachten Klimawandel aufzuhalten.

Wer handfeste Antworten auf die Frage sucht, ob das der bessere Weg ist, um effektiven Widerstand zu organisieren und einen wirklichen Wandel in Gang zu setzen, wird sie im "Handbuch" nicht finden. Aber eine Fülle von Anhaltspunkten, Beispielen, Erfahrungswerten und theoretischen Puzzleteilen, um darüber nachzudenken.

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Matthias Dietz, Heiko Garrelts (Hrsg.):
The Routledge Handbook of the Climate Change Movement
Routledge, London 2014
363 Seiten

 

 

 

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Matthias Dietz, Heiko Garrelts (Hrsg.):
Die internationale Klimabewegung: Ein Handbuch
Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2013
475 Seiten

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