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"Todesursache: Klimaschutz"

Es ist kein Film gegen den Klimaschutz: Autor Ulrich Eichelmann leugnet weder den Klimawandel noch seine katastrophalen Auswirkungen. Aber der Dokumentarfilm "Climate Crimes – Umweltverbrechen im Namen des Klimaschutzes" ist eine Reise zu Tatorten, wo mit angeblich grüner – und eben nicht krimineller – Energie dem Klimaschutz Hohn gesprochen wird.

Eine Rezension von Karin Deckenbach

So einen Film will eigentlich keiner sehen: Aus der Traum von der schönen grünen Energiewende. Stattdessen ein Alptraum: "Todesursache Klimaschutz". Der Film hat eine Botschaft, die im Grunde niemand hören will: Wir müssen unseren Lebensstil ändern. Und er behandelt ein Problem, mit dem sich kaum jemand rumschlagen will: Politik im Namen von Wirtschaftsinteressen. Es ist also ein Film, der alle angeht, und tatsächlich ist es an einem fieskalten Donnerstagabend in einem wohlgeheizten Kino in der Berliner Provinz, pardon, in Potsdam-Babelsberg, ganz schön voll.


Alles weg: Im Südosten der Türkei soll ein Staudamm viel Natur und die jahrhundertealte Stadt Hasankeyf unter Wasser setzen.Vor drei Jahren gab Ministerpräsident Erdoğan bekannt, dass seine Regierung neue Kreditgeber gefunden hat und der Staudamm gebaut werden kann. Die Finanzierung war fraglich geworden, nachdem Deutschland, Österreich und die Schweiz im Sommer 2009 Kreditbürgschaften gekündigt hatten. (Foto: Omer Unlu/Wikimedia Commons)

"Climate Crimes" zeigt atemberaubende Landschaften und wunderschöne Bilder von Tieren, Pflanzen und Menschen, die im Einklang mit der Natur leben – allesamt vom Aussterben bedroht. Nicht durch den Klimawandel, sondern durch Projekte, die angeblich dem Klimaschutz dienen. Beispiel Amazonas: Dass riesige Staudämme und Wasserkraftwerke ein riesiges Problem für die Umwelt sind, ist nicht neu. Das hat die Menschheit schon beim Bau des Assuan-Staudamms in Ägypten gelernt, wie aus vermeintlichem Segen ein tatsächlicher Fluch wird. Doch nach ein paar Jahrzehnten relativer Ruhe beim Staudamm-Hype kehren gigantische Projekte nun mit einem grünen Mäntelchen zurück: Wasserkraft verursacht ja keine klimaschädlichen CO2-Emissionen. Heißt es.

So bleibt kein Nebenarm des Amazonas von Staudammprojekten verschont, darunter das gigantische Belo-Monte-Projekt, für das kürzlich der Baustopp mit einer unsinnigen Begründung aufgehoben wurde. Auch der bereits begonnene Hasankeyf-Damm wird wahnsinnig viel Natur und eine jahrhundertealte Kultur zerstören. Alle diese Projekte werden aber als "grüne Energie" verkauft und können auf diverse Klimabilanzen angerechnet werden. Zumindest teilweise werden sie dafür auch noch mit öffentlichem Geld aus internationalen Klimaschutztöpfen gefördert.


Alles Mist: Der Balbina-Staudamm wird heute sehr nachteilig gesehen. Das Projekt trug zur brasilianischen Staatsverschuldung bei, viel tropischer Regenwald ging verloren. Im Durchschnitt kann nur ein Drittel der 250 Megawatt Nennleistung genutzt werden, weil die Zuflüsse zu gering sind. Die CO2-Emissionen sollen 20- bis 40-mal höher sein als bei einem thermalen Kraftwerk gleicher Leistung. Das stehende Wasser begünstigt Krankheiten. Ureinwohner mussten umgesiedelt werden. (Foto: EletroNorte/Wikimedia Commons)

Die schrecklichen Filmbilder der damit akut von Vernichtung bedrohten Natur sind weit weg. Zunächst. Was der Frevel im Namen des Klimaschutzes in Brasilien mit uns zu tun hat, zeigt der Film und sagt der Autor in der öffentlichen Diskussion nach der Vorführung: Für ach so grüne Projekte wird die grüne Lunge der Welt wird abgeholzt oder überflutet, am Balbina Stausee verotten dann unter Wasser Millionen Bäume und erzeugen wahnsinnige Mengen klimaschädliches Methan, der ach so grüne Wasserkraftstrom geht an die Aluminiumhütte nebenan, die Bauteile für Autos prodziert, in denen wir mit ach so grünem Biokraftstoff durch die Gegend brausen – das ach so gute Gefühl der klimarettenden Konsumenten würgt der Film ab.

Zumal die "Todesursache Klimaschutz" auch vor unserer Haustür stattfindet. Eichelmann zeigt, dass die "Maiswüsten" in Brandenburg exemplarisch für viele Regionen Deutschlands sind, denn bundesweit nahm die Anbaufläche von Energiepflanzen zuletzt jedes Jahr um 200.000 Hektar zu. Der Anbau von Roggen und auch Kartoffeln ging dagegen enorm zurück. Der Mais für die vielen Biogasanlagen verödet die Landschaft, zermürbt den Boden und ist Gift für die Artenvielfalt. Mit bestürzenden Bildern zeigt  Regisseur und Naturschützer Eichelmann die Entwicklung zu "ökologischen Wüsten" einschließlich der Zerstörung des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. Und das "im Namen des Klimaschutzes mit grünen Zertifikaten". Sein Fazit: Biogas aus Mais gehört verboten.


Alles Mais: Monokulturen von Energiepflanzen werden politisch gefördert. Auf die Machtmethoden der Wirtschaftslobby geht der Film nicht näher ein. (Foto: Konstanze Staud)

Die Bauern, die mit Energiepflanzen mehr verdienen als mit Nahrungsmittelpflanzen, sehen das anders: Monokulturen? I wo! Nur auf 16 Prozent der Anbaufläche in Brandenburg stehe Mais, erst bei 25 Prozent werde es problematisch, argumentiert ein Zuschauer. Und jeder vernünftige Landwirt halte im eigenen Interesse Fruchtfolgen ein – fast scheint es, als seien die auch schon ausgestorben, die vernünftigen Bauern. Aber es ist ja eine Frage der Definition von Vernunft. Und die ökonomische Vernunft definiert die Politik.

Das ist ein Manko des Films: Eichelmann argumentiert nicht dezidiert politisch. Um etwa am Beispiel der Biokraftstoffe die Macht und Wirkung der Agrarlobby und Minerölkonzerne zu zeigen, dafür ist in 55 weitreisenden Minuten wohl keine Zeit. Und die Hinterzimmer-Politik liefert keine spektakulären Kino-Bilder.

Ob in den Mesopotamischen Sümpfen im Irak oder im Südosten der Türkei, der Film wimmelt von eindrucksvollen Beispielen haarsträubender Projekte – keines geht wirklich zu Gunsten des Klimas aus. Was auf der einen Seite an CO2 eingespart wird, wird auf der anderen Seite auf andere Art erzeugt, aber in die offizielle und verkaufsfördernde Bilanz von Klimaschutzprojekten oft nicht eingerechnet. Stattdesen Schönrechnerei an allen Enden: "Tödlicher Etikettenschwindel". Es gibt kein nachhaltiges Palmöl, das weiß und zeigt der Autor, der lange für den WWF gearbeitet hat, der wiederum am runden Tisch mit der Industrie ein sehr umstrittenes Palmöl-Zertifikat entwickelt hat und zusammen mit einer Biermarke die Kampagne "Saufen für den Regenwald" (oder so ähnlich) erfand und der mit einem weiteren Projekt die letzten unserer nächsten Verwandten in Indonesien retten will, was alles in dem Film nicht vorkommt, aber das vielleicht erschütterndste Bild des Films illustriert: Eine Orang-Utan-Mutter, die mit ihrem Kleinen in dem letzen verbliebenen Baumwrack einer Palmölplantage turnt. Als das Kleine oben ankommt, bricht der tote Ast ab.    


Bei aller Kritik: Filmautor Eichelmann will eine bessere Energiewende und einen wirklichen Klimaschutz. (Foto: riverwatch.eu)

Am Ende wirken viele im Publikum und eingestandenermaßen auch der Autor so kämpferisch wie ratlos. "Die Lösung kenne ich auch nicht", bekennt Ulrich Eichelmann auf etliche, nahezu verzweifelte Zuschauerfragen. Klar, jeder im Raum ist gegen Großprojekte, die in aller Regel mit der großen Politik im Bunde sind. Aber kleine, dezentrale Projekte und die Optionen von Wind- und Sonnenkraft kommen in dem Film nicht vor. Und nicht zuletzt dank des Engagements und der Expertise von Bürgern wie dem Filmemacher und seinem Publikum gibt es laufend neue Entwicklungen und sogar Fortschritte, in der Forschung und auch in der Politik, die aus Kritik Hoffnung machen – zu lesen auf klimaretter.info

Der Film läuft am 29. Januar im Kino Hackesche Höfe, Berlin-Mitte, um 20 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs sowie des BUND-Vorsitzenden Hubert Weiger. Weitere Termine auf der Film-Website.

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