Zank-Apfel neutraler Journalismus

Sollten Journalisten Partei ergreifen? Auf dem Journalistentag der Gewerkschaft Verdi hielten die meisten Teilnehmer nicht viel von einer vermeintlich neutralen Berichterstattung. Spannend wurde es beim Abschlusspodium, als Vertreter von ZDF und "Bild"-Zeitung den Journalisten von der Mitgliedschaft in ihrer Gewerkschaft abrieten. Das könne schließlich zu "Interessenkonflikten" führen.

Eine Rezension von Fabian Welters

Es begann alles mit einem großen Missverständnis. "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache" – dieses Zitat wird gerne dem ehemaligen Moderator der ARD-Tagesthemen, Hanns Joachim Friedrichs, zugeschrieben. Auf dem Journalistentag der Gewerkschaft Verdi am Wochenende waren es zwei Journalistenschüler aus München, die gezeigt haben, dass man gute Journalisten zunächst an einer guten Recherche erkennt. Offenbar ist das Zitat so nie gefallen und eine ähnliche Aussage war anders gemeint.


Schienenblockade der Hambachbahn im Hambacher Forst: Die Aktivisten wollen mit ihrer Aktion Klimakiller RWE anprangern. Wie dürfen und sollen Journalisten über solche Aktionen berichten? (Foto: Hanno Böck)

In einem Spiegel-Interview wurde Friedrichs 1995 gefragt, ob es ihn störe, dass er als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren müsse. Nein, antwortet er. "Das hab' ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein."

"Als Journalist lieber nicht in die Gewerkschaft gehen"

Inzwischen ist Friedrichs zum unfreiwilligen Patron all jener geworden, die engagierten Journalismus für unglaubwürdig und sich selbst für vollkommen neutral und objektiv halten. Wer diese Meinung auf dem Verdi-Journalistentag vertrat, war jedoch in einer deutlichen Minderheit. Die Gewerkschaft hatte zur Konferenz eingeladen, um zu diskutieren, ob Journalisten Partei ergreifen sollten, dürfen oder gar müssen. Groß war der Aufschrei, als auf dem Abschlusspodium sowohl der stellvertretende Bild-Chef Nikolaus Blome als auch der ZDF-Hauptstadtstudio-Leiter Thomas Walde ausgerechnet den anwesenden Journalisten von einer Gewerkschaftsmitgliedschaft abrieten.

Aufruf zum 26. Journalistentag, organisiert von der Gewerkschaft Verdi (Plakat: Verdi)

Blome empfahl zwar eine "Haltung" und fühlt sich auch durch die fünf ideologischen Unternehmensleitlinien der Axel Springer AG nicht eingeengt. Eine Mitgliedschaft in einer Partei oder Gewerkschaft würde er hingegen "niemandem raten".

Auch Walde meinte: "Was zu Loyalitäts- und Interessenkonflikten führen kann, ist zu meiden." Dabei machte er keinen Unterschied zwischen Gewerkschaftsfunktionären und einfachen Mitgliedern, was ihm aus dem Publikum die Kritik einbrachte, rund 60.000 Journalisten in den zwei Gewerkschaften DJV und dju ihre Fähigkeiten abzusprechen. Walde redete zudem davon, dass niemand den Redakteuren oder Reportern "die Position vorgeben" solle – was aber auch gar nicht zur Diskussion stand. Dann verstieg sich der ZDF-Journalist gar zu der Aussage, dass sich Journalisten durch Parteinahme "in ihren Recherchemöglichkeiten selbst beschneiden".

Wäre er schon vorher beim Kongress gewesen, hätte er bereits die Diskussion über Objektivität und Neutralität mitbekommen. Wie der NRW-Korrespondent der taz, Pascal Beucker, schon sagte: Auch über Naziaufmärsche kann man objektiv berichten – die Fakten über Teilnehmerzahlen müssen stimmen – und trotzdem nicht neutral, sondern mit einer klaren Positionierung. Später sagte Walde, auch Journalisten könnten durchaus eine "Haltung" haben, sie sollten jedoch transparent machen, wie sie zu dieser kommen.

Dass ein neutraler, ausgewogener Journalismus illusorisch sei, hatte zu Kongressbeginn schon der Berliner Wirtschaftsprofessor Sebastian Dullien in seinem Vortrag erläutert. Weil viele Wirtschaftsjournalisten den Gegenstand ihrer Berichterstattung gar nicht durchdringen, machten sie sich mit Dingen gemein, die weder ihrem eigenen Interesse entsprächen noch gesamtgesellschaftlich wünschenswert seien, sagte der ehemalige Redakteur der Financial Times Deutschland. "Journalisten, die glauben, neutral zu berichten, schlagen sich in Wirklichkeit auf die eine oder andere Seite."

Jahrelang darf sich ein Lohnkürzungsprediger in den Medien verbreiten

So ließen sie den Ökonom Hans-Werner Sinn besonders oft zu Wort kommen. Der habe jahrelang Lohnkürzungen gepredigt und auf die vermeintlich sinkende Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft verwiesen. Tatsächlich aber habe Deutschland weiterhin fleißig exportiert, so Dullien. "Die These war falsch, die Daten waren falsch." Die Journalisten aber hätten weiterhin ihren Lieblingsökonom interviewt.


Zankapfel neutraler Journalismus
: Hier gehen die Meinungen auseinander. (Foto: SmartLightLiving/flickr.com)

Dullien kritisierte zudem, Journalisten achteten bei der Auswahl der Experten zu selten auf Drittmittel-Finanzierung, gut honorierte Unternehmensvorträge oder Aufsichtsratsposten von Wirtschaftsprofessoren. Auch für die Gleichförmigkeit der Wirtschaftspresse hatte Dullien eine Erklärung: Die Fachjournalisten würden von den Ressortleitern oder Chefredakteuren bewertet, die oft Generalisten seien und ihr Medium deshalb besonders gern mit Konkurrenzprodukten verglichen, um die Frage zu klären: "Haben wir es richtig interpretiert?" Er appellierte an die Chefs, ihren Mitarbeitern mehr zuzutrauen. Sie sollten "überlegen, ob es richtig ist, die Qualität des Journalisten daran zu bewerten, ob sie das gleiche schreiben wie die Konkurrenz".

[Erklärung]  
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