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Energiewende-Film: Der Start verläuft holprig

Am gestrigen Mittwoch hatte der Film "Leben mit der Energiewende" Premiere im Berliner Filmtheater am Friedrichshain. Es war eine Premiere mit Stotterstartganz ähnlich wie die Energiewende selbst. Der Film vereint professionellen Journalismus mit einem großen Plädoyer für regenerative Energien. Regisseur Frank Farenski nennt das "in den Angriffsmodus schalten". 

Eine Rezension von Benedikt Bastong

In der überfüllten Kinolobby verteilen Umweltaktivisten Flyer. Prospekte und Unterschriftenlisten liegen an Infotischen aus. Viele Menschen kaufen die recht teuren Premierenkarten gleich zu Dutzenden – sie sollen die Tickets für weitere Vorstellungen mitfinanzieren, die nur einen symbolischen Eintrittspreis haben. Die Szene hat sich also versammelt. Hier führen alle in irgendeiner Form ein Leben für die Energiewende, so scheint es. Doch plötzlich steht die Premiere auf der Kippe: technische Probleme. Erst nach einigem Hin und Her scheint eine Lösung gefunden und Regisseur Frank Farenski begrüßt das Publikum zur "Horror-Premiere", wie er selbstironisch sagt. "Im Film werde ich gleich die Bundesregierung kritisieren, dass sie die Energiewende nicht hinbekommt. Und wir bekommen hier nicht mal eine Filmvorführung hin!" Dann, endlich, läuft der Film – zunächst aber ohne Ton. Ist hier etwa doch die Atomlobby am Werk, wie Karl-Heinz Remmers, einer der Lizenznehmer des Films, in seinen Begrüßungsworten kurz zuvor witzelte?


Regisseur Frank Farenski (links) und Kameramann Felix Peschko bei den Dreharbeiten: "Leben mit der Energiewende" ist ein Doku-Roadmovie durch ganz Deutschland. (Foto: Felix Peschko)

Also: Neustart. Und endlich laufen Bild und Ton, auf der Leinwand ist Frank Farenski gleich mit einem prominenten Gesprächspartner zu sehen, nämlich Umweltminister Peter Altmaier (CDU). Farenski befragt ihn nach seiner "persönlichen" Energiewende: Wie heizt Altmaier zu Hause? Und woher bezieht er seinen Strom? In Berlin sei er Mieter, "der Strom kommt aus der Steckdose, mehr weiß ich nicht", gibt Altmaier zu. Diese und weitere kurze Anekdoten zu der privaten Energiewende des Ministers durchziehen den Film, lockern ihn auf. Das ist sehr charmant gemacht. Daneben gibt es eine zweite Figur, die immer wieder auftaucht: der – von einem Schauspieler dargestellte – krittelnde Energiewende-Gegner, eine Kunstfigur, überzeichnet und bösartig. Die Szenen mit diesem schmierigen Typen, irgendwo zwischen Atomlobbyist und Mafioso, wirken oft jedoch über das Ziel hinausgeschossen.

Der Michael Moore des Energiewende-Films

Dazwischen setzt der Film auf typische Dokumentarfilm-Bausteine. Viele sachkundige Gesprächspartner aus Wirtschaft und Politik, ein paar erklärende Grafiken. Dazu Frank Farenski, der im Michael-Moore-Stil durch den Film stapft und seine Reise durch das Energiewende-Land kommentiert. Er besucht Solarunternehmen, Stromgenossenschaften, einen Hersteller für hochleistungsfähige Batterien. Dabei wirken manche Szenen etwas verkrampft locker, aber auch das kennt man ja von Michael Moore. So sitzt Farenski zum Beispiel vor einem Interview allzu lässig und zufällig auf den Stufen eines Rathauses in Brandenburg und liest in der FAZ. Überhaupt, die FAZ. Im Laufe des Films wird die Zeitung immer wieder für ihre angeblich tendenziöse Berichterstattung angegangen. Sie betreibe Meinungsmache gegen die Energiewende – in Kombination mit ganzseitigen Anzeigen großer Energiekonzerne, die kein Interesse daran hätten, dass sich (zu) viel ändert.


Photovoltaik-Platten, so weit das Auge reicht. Hier in einem Solarpark der Firma Juwi – einer der zahlreichen Stationen des Filmteams auf der Suche nach den Orten der Energiewende. (Foto: Felix Peschko)

Der Film offenbart in diesen Momenten seine Freude am Polarisieren, seine Angriffslust gegenüber den Miesmachern und Energiewende-Skeptikern. Der Regisseur sagt später im Gespräch, dass er "in den Angriffsmodus" habe schalten wollen. Er habe sich bei keiner seiner Fernsehproduktionen so frei gefühlt wie bei dieser. Allerdings, Freiheit, das hat ja auch eine finanzielle Komponente. "Der Film ist noch längst nicht komplett finanziert. Die Gesamtproduktion hat etwa 100.000 Euro gekostet. Die habe ich aber bei Weitem noch nicht wieder drin." Anstatt Sponsoren zu suchen, haben Farenski und sein Kameramann Felix Peschko viel Geld aus eigener Tasche vorgestreckt. Zudem wurden Lizenzen für den Film verkauft, ähnlich wie bei Software: Die Lizenznehmer erhalten am Ende sowohl den Zugriff auf den fertigen Film als auch die Möglichkeit, das umfangreiche Rohmaterial in HD-Qualität zu nutzen.

Die EEG-Umlage soll "erfahrbar" gemacht werden

Auch über zukünftige Eintrittspreise wird kein Geld fließen: Der Film wird im Kino nur einen symbolischen Eintrittspreis von 1,68 Cent haben. Zu diesem Zweck wurden sogar Ein-Cent-Münzen in Hälften zersägt. "So soll die aktuelle Erhöhung der EEG-Umlage, über die sich viele so aufregen, erfahrbar gemacht werden", erläutert Farenski. Damit möglichst viele Leute Zugang zu dem Film haben, wird er demnächst auch im Internet zum Download verfügbar sein. Der entscheidende Punkt, so der Filmemacher, sei nun: "Gelingt irgendwann der Link zum 'normalen' Publikum? Oder bleibt der Film nur ein Mutmacher für die Menschen, die sich aktiv für die Energiewende engagieren?"


Frank Farenski befragt in seinem Film nicht nur die unternehmerischen Gestalter der Energiewende, sondern auch die politischen – hier den Grünen-Politiker Hermann Ott (links). (Foto: Felix Peschko)

Dieses aktive Engagement, das ist auch ein großes Thema innerhalb des Films. Hier ist oft die Rede von einer "Demokratisierung der Energieversorgung". Jeder – ob allein oder als Teil eines regionalen Verbunds – soll seinen eigenen Strom produzieren, speichern und verbrauchen. Der Traum, unabhängig von großen Konzernen zu sein, schimmert im Film immer wieder durch – bislang ist dies noch ein weit entfernter Traum. Aber Farenski findet, "wir sollten von einer ökonomischen Diskussion wegkommen. Wir reden nur über die EEG-Umlage, wir reden nur über Geld. Das ist aber nicht alles. Wir brauchen eine gesellschaftliche Diskussion. Deshalb spreche ich auch von einer Demokratisierung der Energieversorgung."

Am Ende des Abends sind sich jedenfalls viele Zuschauer einig: Wenn wir die Energiewende mit genauso viel Beharrlichkeit angehen, wie heute die technischen Probleme rund um die Kinovorführung gelöst wurden, dann wird sie gelingen.

Der Film ist bis Ende Februar auf gesonderten Vorführungen in Deutschland zu sehen. Aktuelle Infos gibt es hier. Zudem können Vereine und Verbände selbst Vorführungen organisieren.

Auch online ist mittlerweile ein erster Teil des Films zu sehen. Weitere Teile werden folgen.

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