Kunst für ein richtig gutes Leben
Was ist ein "gutes Leben"? Was macht wirklich glücklich? In der Ausstellung "SurVivArt" in Berlin gehen Künstler aus verschiedenen Ländern diesen Fragen nach. Dabei stehen Projekte im Zentrum, die sich mit Klimawandel, Konsum und Gender-Rollen befassen.
Eine Rezension von Lea Wortmann
Segun Adefila aus Nigeria hat Videos mit Tanzperformances an die Wand projiziert. Im nigerianischen Küstengebiet von Lagos hat er hierfür die Bewohner zu den Auswirkungen des Klimawandels auf ihren Alltag befragt. Konkret geht es um die Bewohner einer Straße namens Aiyedun – was ironischerweise "Das Leben ist süß" bedeutet.
"Jedes Jahr in den Sommermonaten ist die Aiyedun-Straße überflutet", sagt Adefila. "Das Wasser steht hier von Jahr zu Jahr höher. Es ist eine der ärmsten Regionen Nigerias, die Menschen haben keine Möglichkeit, der Flut zu entkommen. Sie leben hier." Die Veränderungen und die Ernsthaftigkeit des Problems seien vielen hier bewusst. "Manche meinen, die Götter seien hungrig und das Meer werde sie holen."
Aus Adefilas Gesprächen mit den Bewohnern entstanden Tanzperformances, die das Tanztheater "Crown Troupe" eingespielt hat. Die Premiere hat bereits im September 2011 - in eben jener Aiyedun-Straße - stattgefunden. "Das gab den Menschen ein Gefühl von Identifikation", erzählt Adefila. "Die Tänze zeigen die Erfahrungen der Anwohner, und was gutes Leben dort für sie bedeutet."

Der äthiopische Künstler Kebreab Demeke vor seiner Skulptur aus Plastikkanistern. (Foto: Lea Wortmann)
Nun sind die aufgezeichneten Tänze in der Ausstellung "SurVivArt" in Berlin zu sehen, für die sich verschiedene Künstler aus der südlichen Hemisphäre auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung in ihrer Umgebung mit der Frage "Was ist ein gutes Leben?" auseinandergesetzt haben. Was macht ein gutes Leben aus? Macht Konsum glücklich? Wie kann ein gutes Leben im Klimawandel aussehen?
Die Ausstellung zeigt die Antworten der Künstler: Porzellanschalen mit eingravierten Sprüchen aus Bangkok beispielsweise, eine Pyramide aus Reiskochtöpfen der Frauen aus Kambodscha, ein wendbares und in vielerlei Arten zu tragendes Kleid. Hinter jedem Kunstwerk steht eine Anregung, wie ein besseres Leben in der jeweiligen Region gestaltet werden könnte. Dabei wird der Besucher merken, wie sehr sich die Künstler mit ihrer Region identifizieren.
Einige Kunstobjekte konnten nicht zur Ausstellung mitgebracht werden und sind nur mithilfe von Video- oder Fotoinstallationen erlebbar. Die fünf Meter hohe Skulptur des äthiopischen Künstlers Kebreab Demeke etwa , die aus Plastikölkanistern, sogenannten "jerekinas", besteht. Sie steht auf einem Schulhof in Äthiopien und ist für die Ausstellung nur als ein Bild an der Wand zu sehen.
"Etwas Schlechtes nutzen, um auf etwas Gutes zu stoßen"
Die alten Plastikkanister sind in Äthiopien in jedem Haushalt und zu Tausenden in der Landschaft zu finden. In die gesammelten Kanister hat der Künstler zusammen mit Schülern Pflanzen gepflanzt. "Die Installation zeigt, wie man etwas Schlechtes nutzen kann, um auf Gutes zu stoßen. Werden Plastikkanister einfach nur weggeschmissen, zerstört das die Umwelt. Alles was zerstörerisch ist, kann aber auch ins Positive gewendet werden", sagt der Künstler Demeke. Genau wie in der Aiyedun-Straße in Nigeria machen sich die Anwohner ihr Umweltproblem bewusst – um sich für ein gutes Leben einzusetzen.
Etwas ratlos wird der Besucher dagegen vor einigen Stühlen und Lampen stehen, bis er nachliest, dass sie aus invasiven Wasserhyazinthen bestehen, die in Nigeria die Gewässer verkrauten. Auch ein mit vielen Kleinigkeiten eingerichtetes Zimmer wirft Fragen auf. Hier hat eine Künstlerin aus Kambodscha die Geschichten der Häuser anhand persönlicher Dinge nacherzählt, da ihr und den Anwohnern die Vertreibung droht.

Die Künstlerin Nino Sarabutra aus Thailand, die anhand von Fragebogen Menschen nach einem guten Leben befragt hat. Die Antworten inspirierten sie zu Porzellanschalen, die von der Decke hängen, und in die sie kurze Sprüche eingravierte. (Foto: Lea Wortmann)
"Mit dem Projekt wollen wir einen weltweiten Brückenschlag zwischen Nachhaltigkeit, Kunst und Kultur schaffen", erklärt Ausstellungskuratorin Valia Carvalho. "Wir wollten dabei nicht unsere 'deutsche' oder eine 'grüne' Vorstellung von einem nachhaltigen guten Leben exportieren. Wir wollten Projekte, die uns die spezifische Sicht auf Kunst und Nachhaltigkeit aus den jeweiligen Regionen nahe bringen." Eine Herausforderung für die Künstler sei dabei gewesen, die Projekte zusammen mit einer Gemeinde vor Ort durchzuführen.
Inspiriert wurde die Heinrich-Böll-Stiftung für "SurVivArt" von der Initiative "Über Lebenskunst" der Kulturstiftung des Bundes. Parallel zur Ausstellung fand die Konferenz "radius of art" statt, die den internationalen Dialog zwischen Kultur, Wissenschaft und Politik fördern und einen Ideenaustausch ermöglichen will.
Ausstellung SurVivArt – Kunst für das Recht auf ein "Gutes Leben": 7. - 24. Februar 2012 in den Galerien Mikael Andersen und Meinblau, Pfefferberg, Christinenstraße 18/19, 10119 Berlin
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 12-18 Uhr, Samstag 11-16 Uhr
Künstler: Kebreab Demeke, Robel Temesgen, Alafuro Sikoki, Segun Adefila, Adebimpe Adebambo, Oeur Sokuntevy, Neak Sophal, Tith Kanitha, Nino Sarabutra, Phyoe Kyi
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