Stuttgart 21: Das Ende des zivilen Ungehorsams
Ein Kommentar von Martin Reeh
Nein, an diesem Ergebnis gibt es nichts zu deuteln: Stuttgart 21 wird gebaut werden, der außerparlamentarische Widerstand dagegen bis auf ein paar Überreste schwinden. Auf welche Legitimität sollte er sich auch berufen - nachdem große Teile der Bewegung selbst eine Volksabstimmung gefordert und nun bekommen haben. Der bundesweiten ökologischen Bewegung dürfte dieses Ergebnis dagegen noch einiges Kopfzerbrechen bereiten.
Der Protest gegen Stuttgart 21 hatte die industrienahen Hardliner vor allem in der CDU in die Defensive gedrängt. Nicht einmal in Stuttgart, der Hochburg eines konservativen Bürgertums, an der sämtliche sozialen Bewegungen der Bundesrepublik vorbeigegangen waren, konnten sie noch sicher sein, eine Mehrheit für große Infrastrukturprojekte zu bekommen. Der Aufstand gegen den Bahnhofsneubau hatte angesichts der bevorstehenden Landtagswahl im März 2011 auch zur Kehrtwende der Union in der Atompolitik beigetragen.
Die Volksabstimmung zeigt nun zum einen, dass sich die Wandlungen in der Bevölkerungsmeinung, wenn überhaupt, viel langfristiger vollziehen. Baden-Württemberg erweist sich in der Volksabstimmung, wie es immer war: gespalten an der alten, schon in der Revolution von 1848 bedeutsamen Linie zwischen dem liberaleren Baden und dem konservativeren Württemberg. Die sieben Wahlbezirke, in denen eine Mehrheit gegen Stuttgart 21 zu Stande kam, liegen sämtlich in Baden, darunter die Großstädte Freiburg, Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe.

Stresstest? Haben sie bekommen. Der Widerstand 2.0 dürfte ausbleiben. (Foto: Hanno Böck)
Zum anderen beweist Stuttgart 21: Es gibt, je nach Region, Mehrheiten für solche Projekte, und man kann ökologischen Bewegungen, wenn Regierende nur risikobereit genug sind, zukünftig mit Volksabstimmungen frühzeitig das Genick brechen. Von der Startbahn West über die Atompolitik bis zu Autobahn- und Kohlekraftwerksbauten haben sich die Bewegungen bislang darauf berufen, die Mehrheit der Bevölkerung zu vertreten. Die gesamte Legitimation des zivilen Ungehorsams, von Sitzblockaden bis zum Schottern in Gorleben, basiert auf der Differenz zwischen angeblichem Volkswillen und der tatsächlichen Mehrheitsentscheidung in den Parlamenten, dem "Wir hier unten" gegen "Die da oben". Ob die Enstehungsgeschichte der Grünen ohne diesen Konflikt so erfolgreich verlaufen wäre, darf bezweifelt werden.
Der Öko-Bewegung steht damit eine Strategiediskussion ins Haus: Wie will man zukünftig mobilisieren? Der Gegner, darauf verweist der frühere Leiter des Planungsstabs unter Willy Brandt, Albrecht Müller, auf den Nachdenkseiten zu Recht, verfügt über größere Finanzmittel und PR-Stäbe. Aber eine Strategie des zivilen Ungehorsams wird damit dennoch nicht zu legitimieren sein: Blockierer stehen nach verlorenen Abstimmungen nicht mehr als Vollstrecker eines angeblichen Mehrheitswillens, sondern Anti-Demokraten da.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 18 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Jury begründet, dass mit dem Wort Argumentation und Diskussion im Entscheidungsprozess unterbunden würden
Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sieht das Votum der Baden-Württemberger für Stuttgart 21 nicht als Schlappe für die Grünen. Es sei auch der Verdienst der Gegner, dass über das Projekt so breit diskutiert wurde und 50 Prozent abgestimmt hätten. Einen Rücktritt lehnt Hermann deshalb ab.
Am Samstag demonstrierten in Stuttgart nach Angaben der Veranstalter 150.000 Menschen gegen das Großprojekt Stuttgart 21. Motto: "Baustopp sofort – dann Gespräche"
Der Protest gegen Stuttgart 21 lässt nicht nach: Der Beginn der Abrissarbeiten am Vordach des Nordflügels mobilisiert 20.000 zur Menschenkette
Wieder gehen Zehntausende in Stuttgart gegen den unterirdischen Bahnhof auf die Straße. Bahnchef Grube lässt das "nicht kalt", aber Großprojekte müssten nun mal sein. Fragt sich, wie langer er diese Position durchhält
Dreitägiger Protest im Rheinischen Braunkohlerevier: Aktivisten besetzen Gleise der Kohleversorgungsbahn zum RWE-Kohlekraftwerk Niederaußem
Milliarden für die Verkleinerung eines Bahnhofs? Aktivisten gehen beim symbolischen Baubeginn für das umstrittene Neubau-Projekt auf die Bäume
Stuttgart 21, Winter- und Sommerchaos. Verkehrsclub Deutschland zieht Bilanz
Gegner und Befürworter des Bahnprojekts Stuttgart 21 haben sich auf die Themen der Schlichtungsgespräche geeinigt: strategische Bedeutung und Alternativkonzept K21
Nach der Landtagswahl: Die Deutsche Bahn setzt weitere Schritte zum umstrittenen Bahnhofsprojekt bis zur Bildung einer neuen Regierung in Baden-Württemberg aus.
Etwa 600 Menschen machen sich in einem Sonderzug auf den Weg nach Berlin, um gegen Stuttgart 21 zu protestieren. Unterdessen kritisiert Amnesty International die langsame Aufarbeitung der Ereignisse vom 30. September
Das Innenministerium hat hierzu einen Gesetzesentwurf erarbeitet
Nach Geißlers Schlichterspruch zum umstrittenen Bahnhofsprojekt in Stuttgart beantragt die Linke den vorläufigen Stopp aller Arbeiten. Parkschützer kündigen "Demo nach dem Schlichterspruch" an.
Bahn schließt geplante Rodungen im Schlossgarten ab
Die Deutsche Umwelthilfe will rechtlich gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 vorgehen. Ihr Vorwurf: Feinstaub-Verstoß auf der Baustelle des Stuttgarter Bahnhofs



