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Atommüll muss unter die Erde

DER KOMMENTAR:

hanno2Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über die neue Debatte um die Endlagersuche

Aus den Augen, aus dem Sinn. Das war bisher das allgemein anerkannte Prinzip, nach dem der gefährliche Atommüll zu "entsorgen" ist. Etwas überspitzt formuliert, zugegeben, aber im Grunde zutreffend. Denn: Die heiße Fracht soll per Bergwerk in tiefe geologische Formationen gepackt werden, Salzstöcke zum Beispiel, in denen sie auch ohne weiteres Zutun des Menschen bis zu eine Million Jahre von der Biosphäre abgeschieden bleibt. Inzwischen allerdings hat das Land Niedersachsen, wo es mit Gorleben, Schacht Konrad und der Asse gleich drei Endlager beziehungsweise Endlagerprojekte gibt, die "rückholbare" Lagerung ins Gespräch gebracht. Damit bröckelt der Konsens. Ein bemerkenswerter Vorgang − just, da die deutsche Endlagersuche in Gesprächen zwischen Bund und Ländern neu aufgerollt werden soll.  

Den ersten Vorstoß machte Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) im September. Er schrieb an Bundesumweltminister Norbert Röttgen, seinen Parteifreund, das Endlagerprinzip müsse überdacht werden. Er stellte die Frage, "ob das bisherige Konzept, das eine nicht rückholbare Endlagerung nach dem Ende des Einlagerbetriebs vorsieht, noch den gesellschaftlichen wie auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügt."


Endlager gesucht! Protestaktion in Münster. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Hintergrund ist die von Nuklearexperten vorgeschlagene "Transmutation". Darunter versteht man die Umwandlung langlebiger, hochgiftiger Spaltstoffe wie Plutonium in schneller zerfallende und weniger giftige. Eine Testanlage dazu soll bis 2023 auf dem Gelände des Kernforschungszentrums im belgischen Mol gebaut werden. Kostenpunkt: eine Milliarde Euro. Funktioniert die – unter Entsorgungsexperten freilich umstrittene – Nuklid-Umwandlung großtechnisch, würde die Zeit, in der Spaltstoffe gefährlich sind, auf 500 Jahre sinken. Falls die Sache sich als machbar erweise, so McAllister, müsse man sie nutzen. Die Gefahren des Atommülls könnte so für künftige Generationen verringert werden. Daher solle der strahlende Abfall zugänglich bleiben. Also: "rückholbar".

Wo genau die Atom-Behälter mit den abgebrannten Brennelementen und den heißen Reststoffen aus der Wiederaufarbeitung gelagert werden sollen, ließ McAllister offen. Die Lagerung könne "sowohl untertägig oder oberflächennah in Gesteinsformationen oder auch in ober- oder unterirdischen baulichen Einrichtungen erfolgen", meinte er. Sein Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) wurde dann etwas konkreter: Ton- und Granitgesteine im süddeutschen Raum kämen infrage. Wolle man eine längerfristige überirdische Lagerung, könne man an ein stillgelegtes AKW oder eine alte militärische Anlage irgendwo in Deutschland denken. "So eine Art Bunkerlösung", meinte Sander.

Die Hoffnung von McAllister und Sander: Der Salzstock Gorleben wäre damit aus dem Rennen. Denn bisher ist vorgesehen, den Atommüll dort in große Tiefen zu versenken, wo die Behälter allmählich so fest vom fließfähigen Salz eingeschlossen würden, dass man sie praktisch nicht wieder herausholen könnte. Niedersachsens SPD kommentierte denn auch, mit McAllisters Vorstoß sei "Gorleben faktisch tot".

Dass das Projekt so tot nun doch nicht ist, liegt nicht nur an Röttgen, der in seinem Antwortbrief an McAllister klar machte, dass Gorleben weiter im Rennen bleibt. Tenor: Die "Rückholbarkeit" sei für eine gewisse Zeit in jedem Lager-Medium, also auch Salz, machbar. Die "Entsorgungskommission" (ESK), die den Bund berät, spricht sich ebenfalls gegen eine Abkehr vom bisherigen Endlagerkonzept aus. ESK-Chef Michael Sailer warnt vor neuen Risiken, die entstehen könnten. Er empfahl, ein Seitenhieb auf McAllister, "nüchtern zu diskutieren" und "nicht politisch über Hintertüren zu argumentieren".

Die Kommission hat jüngst ein Papier vorgelegt, in dem sie die Idee, Atommüll langfristig rückholbar zu halten, kritisch betrachtet. Ein "langfristig offen gehaltenes Endlager", heißt es darin, berge die Gefahr, dass "durch die offenen Zugänge viele Wegsamkeiten vorhanden sind". So könnten bei Wassereinbrüchen große Mengen radioaktiven Materials aufgelöst und in die Umgebung freigesetzt werden. Die Sicherheit des Endlagers beruhe darauf, dass es nach der Einlagerung der Atombehälter "so schnell als möglich" verschlossen wird und es dann wartungsfrei ist, also "keine menschlichen Eingriffe mehr zur Aufrechterhaltung der Sicherheit notwendig sind".

Allzu große Chancen hat Niedersachsen Vorstoß offenbar nicht.  Auch Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hat  der "Rückholbarkeit" kürzlich eine klare Absage erteilt. McAllister freilich gibt sich nicht geschlagen. Er merkte an, der Röttgen-Brief gebe keine umfassende Antwort auf die vielen offenen Fragen. Außerdem warte er sehr gespannt auf Röttgens Gesetzesentwurf, der einen Neustart in der Endlagersuche bringen soll. Darauf hatten Bund und Länder sich bei den Verhandlungen über den beschleunigten Atomausstieg geeinigt. Das für nächste Woche angesetzte erste Treffen von Röttgen mit den Ministerpräsidenten zu dem Thema wird also ziemlich spannend werden.


Wenn der eingelagerte Atommüll "rückholbar" sein soll, dann ist Gorleben als mögliches Endlager "faktisch tot". (Foto: Fice / Wikimedia Commons)

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