Atomisiertes Vertrauen
DER KOMMENTAR:
Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über den "Gorleben-Dialog" von Umweltminister Röttgen
Seit über 30 Jahren wird Gorleben auf Eignung als Atomendlager erkundet. Noch immer ist unklar, ob der Salzstock an der früheren innerdeutschen Grenze überhaupt dafür taugt. Die Zweifel sind groß, der Standort ist politisch inzwischen "verbrannt", und der bundesweite Neustart der Endlagersuche längst überfällig. Doch plötzlich türmen sich weitere Nuklear-Abfallberge auf, die neben den - im Wortsinn - heißen Castoren nun möglicherweise auch noch nach Gorleben drängen. Kein Wunder, dass das Vertrauen in die Atommüll-Politik, so überhaupt noch vorhanden, atomisiert wird. Und auch kein Wunder, dass der von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) angestoßene "Gorleben-Dialog" im Wendland nur auf wenig Resonanz stößt.

Wie "ergebnisoffen" ist eine Endlagersuche, wenn in Gorleben immer mehr Atommüll zwischengelagert wird? (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
Bis zu 105.500 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfall müssen zusätzlich irgendwo untergebracht werden, weil er für das ab 2019 betriebsbereite zweite Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter zu stark strahlt. Der Löwenanteil davon ist "abgereichertes" Uran, das bei der Urananreicherung zur Brennelement-Herstellung anfällt. Der billige "Entsorgungsweg" nach Russland, wo das Material angeblich zur Wiederverwertung landete, fällt zukünftig aus. Nun ist es eine deutsche Altast. Hinzu kommt Müll aus stillgelegten Forschungsreaktoren.
Und es dräut noch mehr Ungemach. Denn noch nicht in der Rechnung ist ein weiterer Posten: Bei der Sanierung des maroden Atomlagers Asse bei Wolfenbüttel könnten nach Schätzungen weitere 100.000 Kubikmeter Nuklearmüll entstehen, bei dem ebenfalls fraglich ist, ob er "konradgängig" ist. Aus dem einsturzgefährdeten Bergwerk sollen die in den 1960er und 70er Jahren "entsorgten" 126.000 Atommüllfässer geborgen werden. Der Abfall und kontaminiertes Salzgestein müssten zuerst zwischengelagert und dann irgendwo sicher endgelagert werden. Noch mehr Druck auf Gorleben?
Die Gorleben-Gegner haben recht, wenn sie vor dem überfälligen Neubeginn der Endlagersuche eine "schonungslose Bilanz" der Lage in der nuklearen Entsorgung fordern. Die Bundesregierung muss ungeschönt offenlegen, wie viel Abfall tatsächlich insgesamt angefallen íst und noch anfällt und welche Optionen für die Endlagerung sie verfolgt. Das ist die Grundvoraussetzung. Ohne sie wird die nukleare Entsorgungspolitik ein Minenfeld bleiben.
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