Piratenkogge droht zu sinken
DER KOMMENTAR:
Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info, über den vorauseilenden Erfolg der Piratenpartei und deren Idee eines kostenlosen Nahverkehrs.
Stell dir vor, es ist Nahverkehr, und der ist ganz umsonst: Jeder darf beliebig oft und lange kostenlos durch die Hauptstadt mit U-Bahn, S-Bahn, Tram oder Bus fahren. Das ist die Idee der Berliner Piraten-Partei, die am vorletzten Wochenende fulminant ins Berliner Abgeordneten-Haus einzog - und seitdem in Umfragen auch auf Bundesebene sensationell zugelegt hat. Das aktuelle ZDF-Politbarometer macht den Piraten Hoffnung: Fast jeder fünfte kann sich zumindest theoretisch vorstellen, die Partei zu wählen.
Moment, bitte. Kostenloser Nahverkehr in Berlin - ist so etwas wünschenswert, ja überhaupt sinnvoll? Im Berliner Spruch "arm, aber sexy" stimmt vor allem das erste Adjektiv. Statistisch gesehen kommen auf jeden Berliner 17.420 Euro Schulden. Berlin hat insgesamt 62 Milliarden Euro Schulden angehäuft, die Zinslast davon gilt mittlerweile als ein eigenes Haushaltsrisiko. Abtragen muss diese von uns aufgehäufte Summe die nächste Generation.
Fahrgäste der Berliner S-Bahn waren in den letzten Jahren mit massiven Verkehrseinschränkungen konfrontiert: Die Bahn hatte an Wartungsarbeiten gespart, so der Vorwurf der Senatsverwaltung. Die Technikprobleme werden für die Deutsche Bahn selbst zum echten Kostenfaktor: In den Jahren 2009 und 2010 haben die Störungen den Mutterkonzern zusammen 370 Millionen Euro gekostet. Bis 2014 erwartet das Unternehmen sogar eine Kostenbelastung von insgesamt 700 Millionen Euro.
Seit 2009 läuft der Nahverkehr in Berlin nach einem Notfahrplan, jüngsten Prognosen zufolge wird das auch noch im nächsten Jahr so sein. "Wir werden mittelfristig eine unentgeltliche Nutzung des ÖPNV einführen, um das soziale Recht der Mobilität vom Einkommen des Einzelnen abzukoppeln", heißt es im Wahlprogram der Berliner Piraten. Finanziert werden soll dies durch eine Bürgerumlage, also von jedem. Laut ihrem Geschäftsbericht haben die Berliner Verkehrsbetriebe im vergangenen Jahr 662 Millionen Euro für U-Bahn, Bus und Straßenbahn eingenommen, für die S-Bahn, eine Bahn-Tochter, könnte eine ähnliche Summe obendrauf kommen.
Die Berliner leben auf Pump - mit 62 Milliarden Euro Schulden, 17.420 Euro pro Kopf. Die Berliner leben mit einem Notfahrplan. Und jetzt soll mit kostenloser Mobilität das Leben in Berlin besser werden?
Die Berliner haben am vorvergangenen Wochenende den Piraten einen klaren Auftrag erteilt: Improvisiert! Mischt das Parlament auf! Egal, dass ihr kein schlüssiges Konzept, keine kohärente Politik anzubieten habt: Macht Wirbel in der Politik. Diesem Wähler-Auftrag dürften die Piraten absolut gerecht werden. Ob sie aber mehr als eine linke Protestklientel erreichen können, wird davon abhängen, ob sie schnell in der Lage sind, Zukunftsfragen zu erkennen und attraktive politische Antworten anzubieten haben: Generationen-Gerechtigkeit, Klima-Gerechtigkeit, Schulden- und Ressourcen-Krisen sind die drängendsten Themen der Zeit, die andere Antworten brauchen, als sie zumeist von den etablierten Parteien gegeben werden. Endet der programmatische Weitblick der Piraten bei der unentgeltlichen Nutzung des ÖPNV, wird das Piratenschiff schnell wieder untergehen.

Ein neuer Stern am Berliner Polithimmel: das Logo der Piratenpartei. (Foto: Piratenpartei)
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 18 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Berlin hat gewählt - erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Koalition aus Linkspartei und SPD keine Mehrheit mehr erhält. Rot-grün hätte die notwendigen Sitze, jedoch ist vor allem der Streit über die A 100 hier ein Hindernis. Scheitern die Koalitionsgespräche, stünde auch die CDU für ein Bündnis mit der SPD bereit. Die FDP versinkt in der Bedeutungslosigkeit, die Piraten entern zum ersten Mal ein Landesparlament.
Vor der Wahl in Berlin: Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) blickt im Klimaretter.info-Interview auf ein gescheitertes Klimagesetz zurück. Und erklärt, wie sie es in der kommenden Regierung besser machen würde - falls die Wähler sie denn wollen.
Die Grünen haben als letzte der drei Oppositionsparteien die Unterstützung des Volksbegehrens zur Rekommunalisierung beschlossen
Verkehrsbetriebe: 220.000 Umsteiger binnen vier Tagen
Weil die Kontrollen der defekten Achsen verschärft werden, fahren in Berlin ab Montag auf einigen Strecken keine S-Bahnen mehr
Umwelt- und Entwicklungsverbände laden zum fünften McPlanet-Kongress nach Berlin ein
Der Wirbelsturm hat in der Millionenmetropole weniger starke Schäden verursacht als befürchtet. Teile der Stadt waren überflutet, das Nahverkehrssystem wurde komplett eingestellt, angeblich waren 100.000 New Yorker ohne Strom.
Die Berliner Grünen machen bei nur drei Gegenstimmen den Weg für Koalitionsverhandlungen mit der SPD frei - trotz eines Formelkompromisses in der Frage des Autobahnbaus. Sie müssen nun auf Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hoffen, dass er die Gelder für den Weiterbau der A 100 nicht in den Haushalt einstellt.
Die Berliner SPD und Grünen wollen die Mittel für den Autobahn umwidmen. Ramsauer ist dagegen
Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) begräbt das Unterfangen Klimagesetz für die laufende Legislaturperiode
Vom Washingtonplatz am Hauptbahnhof über die Friedrichsstraße in zwei Armen um Reichstag und Kanzleramt: Bilder zur Großdemo gegen Merkels Atompläne.
Umweltschützer haben in Essen auf der Straße gezeltet. Eine ähnliche Aktion in Berlin wurde verboten
Kernkraft? Ja bitte! Rund 25 hartgesottene Atomkraft-Befürworter versammeln sich in Berlin, um gegen Merkels Ausstieg zu demonstrieren. Sie fühlen sich verraten – von Energiekonzernen und Politik. 


