Missverständnis Kreislaufdenken
DER KOMMENTAR:
Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info über die Idee, mit Recycling oder Upcycling die Welt zu retten und das Cradle to Cradle-Festival in Berlin
Seit Jahrzehnten regiert in Deutschland ein Missverständnis im Kreislaufdenken: Die Umwelt werde optimal geschützt, wenn die Rohstoffe, die der Mensch der Erde entnimmt, einem Kreislauf zugeführt werden. "Sekundärrohstoffe" aus alten Kofferradios, Autotüren oder Computern sollten den Ressourcenverbrauch der Wirtschaft verringern. Solches Kreislaufdenken ist besonders in Deutschland populär. Wir sind Weltmeister im Mülltrennen, sogar ein eigenes "Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft" gibt es.
Gewiss: Recycling entlastet die Umwelt kurzfistig. Doch selbst die Kreislaufwirtschaft vermochte nicht, die Wachstumsspirale zu durchbrechen, also wirtschaftliches Wachstum vom Rohstoffverbrauch zu entkoppeln. Der World Overshoot Day, der Tag an dem das Jahresbudget der Natur verbraucht ist, dieses Datum rückt jedes Jahr weiter vor Richtung Jahresmitte.
Das liegt an gleich drei Blindstellen der Kreislaufphilosophie. Erstens unterschlägt sie 70 Prozent der Stoffströme – Bodenaushub auf dem Bau zum Beispiel oder Abraum im Braunkohletagebau. Zweitens gewinnt kein noch so guter Recyclingprozess hundert Prozent des eingesetzten Rohstoffes zurück – nicht einmal bei Gold. Legt man eine – technisch bereits anspruchsvolle – Rückführquote von 75 Prozent zu Grunde, sind nach 15 Durchläufen von der ursprünglich eingesetzten Menge 99 Prozent verschwunden. Drittens schließlich: Energie ist nicht recycelbar. Im Gegenteil, die Kreislaufwirtschaft selbst ist sehr energieintensiv: Einsammeln der Abfallstoffe, Transport, Trennen, Wiederaufarbeiten, überall wird Energie gebraucht. Zwar sagt der erste Satz der Thermodynamik, dass Energie niemals verloren gehen kann. Geht sie ja aber auch nicht – sie wird nur an die Umwelt abgegeben und heizt das Klima weiter auf. Eine Umweltpolitik, die auf dem Gedanken der Kreislaufwirtschaft basiert, taugt deshalb nicht für Bekämpfung des Treibhauseffektes.
Umweltpolitik braucht deshalb einen neuen Ansatz: Statt zu versuchen, Sturzbäche in Kreisläufe zu verwandeln, muss sie den Durchfluss an Ressourcen langsamer gestalten. Klingt philosophisch, geht aber ganz praktisch: Politik muss Energie und Rohstoffe deutlich verteuern, Arbeit dagegen wesentlich billiger machen. Ein Anstieg der Preise um zehn Prozent, so eine Faustregel der Umweltökonomen, verringert den Verbrauch kurzfristig um drei Prozent – langfristig sogar noch weiter, weil sparsamere Autos, Kühlschränke oder Fernseher angeschafft würden.
Dass heutzutage die Reparatur eines CD-Players deutlich teurer als sein Neukauf ist, belegt den Sturzbach-Zustand. Erst wenn es sich wieder lohnt, Schuhe zum Schuster statt zum Müllschlucker zu bringen, ist dieser Sturzbach gestoppt. Instrumente dafür sind vorhanden und erprobt: Mit der Öko-Steuer im Jahr 1999 gelang es, den jahrzehntelangen Aufwärtstrend beim Benzinverbrauch in Deutschland zu stoppen. Andererseits konnten durch die eingenommenen Steuern die Beiträge zur Rentenversicherung ein wenig gesenkt werden. Arbeit wurde so ein bisschen billiger. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes brachte die Öko-Steuer so von 1999 bis Anfang 2005 circa 250.000 neue Arbeitsplätze – und senkte den deutschen Ausstoß an Kohlendioxid um jährlich 20 Millionen Tonnen.
Jeder Effizienzfortschritt wurde in der Vergangenheit stets durch eine gleichzeitige Zunahme der Ansprüche und damit des Verbrauches kompensiert, oft sogar überkompensiert. Mag ja sein, dass unsere Wohnungen heute besser gedämmt sind. Dafür wohnen wir heute aber auf doppelt so viel Fläche wie früher. Derzeit verbraucht die Menschheit statistisch gesehen 1,4 Erden pro Jahr, 2050 würden bereits zwei Erden notwendig sein, um den Jahresverbrauch der Menschen zu decken.
Allein das zeigt: Mit Recycling lässt sich die Welt nicht retten. Wir werden lernen müssen uns zu bescheiden.

Neapel 1972: Schon damals war Müll einfach nur Müll und kein "Sekundärrohstoff", wie uns heute gern weis gemacht werden soll
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