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Helmut Schmidt und die Kunst des Schweigens

DER KOMMENTAR:

etscheid

Georg Etscheit, Kolumnist von klimaretter.info über die Äußerungen von Zeit-Herausgeber und Altbundeskanzler Helmut Schmidt zum Klimawandel.

 

Wenn sich Altkanzler Helmut Schmidt, 92, zu Wort meldet, horcht die Nation auf. Der mediale Hype um den Tod seiner langjährigen Ehefrau Loki bewies einmal mehr die ungebrochene Popularität des Kette rauchenden Ex-Politikers, Weltökonomen und Berufspragmatikers, der den Menschen in ruhigen, vorderhand ebenso sachlichen wie unideologischen Phrasen die Weltläufte erklärt. Selbst Banalitäten werden aus seinem Mund mitunter wie letztgültige Erkenntnisse wahrgenommen. Als hätte das Orakel von Delphi gesprochen.

Um das Problem des Klimawandels hat Schmidt-Schnauze immer einen weiten Bogen gemacht. Meist antwortete er nur erkennbar widerwillig und genervt auf entsprechende Fragen. Umweltpolitik war eh nie die Sache des konservativen SPD-Politikers und Krisenkanzlers, obwohl sich Loki als engagierte Naturschützerin einen Namen gemacht hatte. Erste Anläufe zu einer aktiven staatlichen Umweltpolitik aus der Ära Brandt/Scheel, die 1970 in einem "Sofortprogramm" mündeten, wurden von ihm wieder auf Eis gelegt.

Als die Ölkrise der Jahre 1973/74 zur ersten echten Wirtschaftsrezession in der damaligen Bundesrepublik geführt hatte, einigte sich Schmidt mit Industrie und Gewerkschaften sogar ganz formal auf eine langsamere Gangart in der Umweltpolitik.Umweltschutz galt fortan - und gilt vielfach bis heute - als Jobkiller. Erst der rasante Aufstieg der Erneuerbaren Energien und der damit verbundenen Industrien haben dieses Negativimage etwas bröckeln lassen.

Ausgerechnet unter Schmidts Nachfolger Helmut Kohl wurde zunächst von dem CSU-Innenminister und Linken-Schreckgespenst Friedrich Zimmermann und später in Gestalt von Klaus Töpfer die Umweltpolitik wieder aus der Mottenkiste geholt Zimmermann boxte gegen den Widerstand der Stromindustrie die Großfeuerungsanlagenverordnung durch und ebnete den Weg für den Abgaskatalysator. Töpfer avancierte später als Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms zum konservativen Öko-Guru.

Helmut Schmidt und der Klimawandel: Das wenige, was der Altkanzler bisher dazu in den Archiven hinterlassen hat, klingt immer ein bisschen wie das Geschwurbel der Klimaskeptiker. Es habe "naturnotwendig" schon immer Eis- und Warmzeiten gegeben. "Und all das ohne irgendein Kraftwerk oder ein Auto", offenbarte Schmidt 2007 in einem "Spiegel"-Gespräch. Diesen Klimawandel könne der Mensch "wahrscheinlich nur wenig beeinflussen". Sicher sei nur, dass der Mensch zur gegenwärtigen Entwicklung beitrage. Dabei verweist Schmidt schon einmal auf eigene Entdeckungen beim Gärtnern in Hamburg-Langenhorn. Dort, 15 Meter über dem heutigen Meeresspiegel,  habe er Gehäuse von Meeresmuscheln gefunden. "Ein Zeichen dafür, dass in einer früheren Warmzeit der atlantische Ozean bis nach Langenhorn und noch weiter gereicht hat."

Alle Warnungen vor den unabsehbaren Folgen einer durch ungebremsten Ausstoß von Klimagasen enorm beschleunigten Erderwärmung nennt Schmidt "hysterisch", die Versuche, diese Entwicklung durch politische Beschlüsse wie 2007 in Heiligendamm beeinflussen zu wollen, "dummes Zeug". Dem "International Panel of Climate Change" (IPCC) spricht der Altkanzler und bekennende Atomkraftfan die Legitimation ab, für die Weltgemeinschaft zu sprechen. "Dieser Weltklima-Rat hat sich selbst erfunden, den hat niemand eingesetzt. Die Bezeichnung Weltklima-Rat ist eine schwere Übertreibung."

In besseren Momenten spekuliert Schmidt über die möglichen Folgen einer Erderwärmung bis zu 3,5 Grad zum Ende dieses Jahrhunderts.  Es sei möglich, dass durch eine solch starke Erwärmung das Klima eine "drastische, nicht nur graduelle Veränderung" erfahre, sagte er 1999 in einem Millenniumsausblick. "Mit Sicherheit möchte ich nicht Mitte des nächsten Jahrhunderts beispielsweise in den Küstenregionen von Bangladesh wohnen, sie würden bei einem solchen Anstieg überflutet." Das kann man schon als zynisch bezeichnen, zumal 3,5 Grad im Lichte aktueller Wachstumsraten beim Ausstoß von Klimagasen eher noch die Untergrenze sein dürften. Und nicht nur Schmidt drastische Maßnahmen ablehnt.

Dass der Politikveteran aber auch in Sachen Klima durchaus lernfähig zu sein scheint, zeigen seine jüngsten Einlassungen zum Thema. Zum 100. Gründungstag der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der Vorläuferin der Max-Planck-Gesellschaft, hielt Schmidt am 11. Januar 2011 ein Referat über die wissenschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Darin widmete er dem Klimawandel und der Energiepolitik immerhin drei Absätze und zeigte sich "beunruhigt von dem Phänomen der globalen Erwärmung und den ihr unterstellten Konsequenzen".

Allerdings säte er auch wieder Zweifel an der Glaubwürdigkeit des IPCC. Allen Ernstes schlug Schmidt vor, "dass eine unserer wissenschaftlichen Spitzenorganisationen die Arbeit des IPCC kritisch und realistisch unter die Lupe nimmt und sodann die sich ergebenden Schlussfolgerungen der öffentlichen Meinung unseres Landes in verständlicher Weise erklärt". Damit offenbarte Schmidt erneut seine Unkenntnis der Verfahrensweise des IPCC bei der Erstellung der Weltklimaberichte, einem jahrelangen Kontroll- und Abwägungsprozess Hunderter Wissenschaftler aus aller Welt, an deren Ende immer der kleinste gemeinsame Nenner steht. Eher Schönfärberei als Panikmache.

Immerhin konzedierte Schmidt, dass zur Senkung des "menschlichen Beitrags zur globalen Erwärmung" im Laufe dieses Jahrhunderts eine Umstellung von Kohlenwasserstoffen auf "andere Energiequellen" notwendig erscheine. Dazu kämen Kernenergie, Solarenergie und Windkraft in Betracht. Um die regenerativen Energien "zukünftig als geeignete Alternative nutzbar zu machen", forderte der Redner, sehr zur Freude seines Professoren-Auditoriums, erst einmal mehr Grundlagenforschung.

Was Schmidt geflissentlich verschweigt, ist nicht nur die Endlichkeit auch der Ressourcen an spaltbarem Material, sondern die längst bewiesene breite Einsatzfähigkeit der Erneuerbaren, zu denen natürlich auch Wasserkraft (laut Schmidt nur in "seltenen geografischen Ausnahmefällen" nutzbar), Biomasse und Erdwärme zählen. Dass es vor allem bei deren politischer Durchsetzung gegen die Interessen der atomarfossilen Energieriesen hapert, daran hat auch ein notorischer Verharmloser und Beschwichtiger wie Schmidt seinen Anteil.


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