Energiekonzept: In der Seele Konservatismus pur
DER KOMMENTAR:

Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info, über das beschlossene Energiekonzept der Bundesregierung.
Frauen an den Herd, Schwule zum Arzt, Kinder in die Kirche - längst hat sich der deutsche Konservatismus von seinen eisengrauen Ansichten getrennt. In Zeiten, in denen ein Schwuler wie Ole von Beust Leitfigur der Union werden konnte, muss man schon sehr genau die Fachpolitik analysieren, um den Kern des Konservatismus zu finden. Zum Beispiel in der Energiepolitik: Die Verlängerung der Atomkraftwerks-Laufzeiten ist Konservatismus pur, das Verständnis, nach dem die Produktionsmittel in den Händen der Herrschenden zu konzentrieren sind und eben nicht in die Hände des Volkes gehören.
Die deutsche Energiewirtschaft war noch nie progressiv, links oder wenigstens liberal - im Gegenteil, die deutsche Energiewirtschaft war im Kern stets konservativ. Und doch hat sich das in den vergangenen zehn Jahren gewandelt: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz - von Bündnisgrünen und Sozialdemokraten 1999 auf den Weg gebracht - ist das sozialistischste aller Gesetze, das die Bundesrepublik je erlebt hat. Es verteilt die Produktionsmittel von oben nach unten um und demokratisiert die Energieversorgung: Mit jeder neuen Solaranlage, mit jedem neuen Biomassekraftwerk wird die Marktmacht der vier großen Atomkonzerne untergraben, jedes neue Windrad, jede neue Wärmepumpe jagt den Aktionären von RWE, Eon und Co. Marktanteile und damit gesellschaftliche Deutungshoheit ab.
Zehn Jahre nach Beginn der grünen Energiemarktrevolution wagen sich die Anzugträger von RWE und Co. nicht mehr zu behaupten, was damals ihr Sakrileg war: Mit Windrädern lässt sich ein Land wie Deutschland doch nicht versorgen. Die Windmüller und Solarstromer haben nicht nur gezeigt, dass das geht, sondern auch noch damit Geld verdient. Deshalb musste jetzt gehandelt werden: Nach dem Verlust von 16 Prozent Marktanteil - soweit ist es nun schon gekommen: 16 Prozent des Stromes erzeugen in Deutschland die Verbraucher selbst - musste der Demokratisierung der Energiewirtschaft ein Riegel vorgeschoben werden.
Also Solarstromtarife runter und Laufzeitverlängerung rauf - das ist die konservative Antwort auf die rot-grüne Energiemarktrevolution. Angela Merkel als Anführerin der Konterrevolution.
Und sie wird erfolgreich sein: Die deutsche Energiewirtschaft hat im ersten Quartal 2010 gut neun Milliarden Kilowattstunden Strom ins Ausland exportiert - so viel wie noch nie in der deutschen Geschichte.
Die Daten weisen aus, dass zwischen Dezember und April in Deutschland 6,7 Prozent mehr Strom erzeugt wurde, als in der Bundesrepublik verbraucht wird. 6,7 Prozent oder gut neun Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren im selben Zeitraum sechs Atomkraftwerke. Und zwei AKWs stehen ja seit Jahren wegen versuchter Mängelbeseitigung still: Die Vattenfall-Reaktoren in Brunsbüttel und Krümmel.
Übersetzt heißen die Zahlen also: Bereits heute sind Dank des Ausbaus von Windkraft, Biomasse, Photovoltaik und Co. acht Atomkraftwerke in Deutschland überflüssig. Anfang August beschloss das Kabinett Merkel einen "Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energie". Nach diesem soll die regenerative Strombranche binnen der nächsten zehn
Jahre verdoppelt werden. Das bedeutet: 2020 sind dann 16 der 17 deutschen Atomkraftwerke überflüssig. Rechnet man jetzt noch die ehrgeizigen Effizienzziele der Regierung ein, wird so viel Strom gespart, dass bereits 2017 alle deutschen Atomkraftwerke überflüssig sind: Es wird dann schlichtweg kein Atomstrom mehr gebraucht.
Vier AKWs hätten dieser Tage nach dem rot-grünen Atomausstiegsgesetz vom Netz gehen müssen und die Demokratisierung der Energiewirtschaft fortsetzen sollen: die Reaktoren Biblis A und B sowie Brunsbüttel und Neckarwestheim. Aber das ist ja nun obsolet. Genauso wie die schwarz-gelbe Regierungsmär, dass die Atomkraft eine Brücke ins regenerative Zeitalter ist: Wie die Zahlen (und Regierungsbeschlüsse) belegen, sind Laufzeitverlängerungen der Hemmschuh für das regenerative Zeitalter. Im Netz kann nämlich immer nur genau so viel Strom sein, wie gerade von den Kunden gebraucht wird. Vorteilhaft sind deshalb Kraftwerke, die schnell dem Stromnetz zu- oder abgeschaltet werden können: Wenn in Deutschland morgens beispielsweise die Großküchen in Gang gesetzt werden, ist viel Strom und deshalb Flexibilität gefragt.
Atomkraftwerke sind die unflexibelsten am Netz: rund 50 Stunden sind notwendig, um die atomare Kettenreaktionen in Gang zu setzen oder zu unterbrechen. Deshalb sind AKWs der natürliche Feind der Erneuerbaren: Bläst der Wind zum Beispiel kräftig, ist im Stromnetz oft schon so viel Atomstrom, dass kein Platz mehr ist für die dezentral produzierte Elektrizität. In Schleswig-Holstein beispielsweise, wo heute schon dank Atom- und Windkraft mehr als 2,5 mal so viel Strom produziert als verbraucht wird, ist das mittlerweile bei steifer Brise die Regel: Das Atomkraftwerk Brokdorf läuft, die Windparks werden abgeschalten.
Noch besitzen die Erneuerbaren einen so genannten "Einspeisevorrang". Bedeutet: Windrädern, Biomassekraftwerken oder Geothermie-Turbinen wird garantiert, dass sie ihren Strom immer ins Netz einspeisen und zu festen Tarifen verkaufen können. Mit zunehmendem Ausbau der Erneuerbaren werden bei gleichzeitig laufenden Atomkraftwerken immer häufiger die Windräder vom Netz getrennt.
Noch schweigen die Windmüller: Wegen des gesetzlich garantierten Anspruchs auf die Einspeisung ihres Stromes erhalten sie eine Entschädigung. Die Atomkonzerne können so den Verbrauchern weiter ihren Atomstrom verkaufen, und über das Erneuerbare-Energien-Gesetz zahlen die Verbraucher den Windmüllern ihren Produktionsausfall. Sie - also wir alle - zahlen dafür doppelt. Absehbar ist deshalb, dass sich Verbraucherschützer wie schon bei der Absenkung der Solartarife zum Büttel der Konterrevolution machen werden - und eine Streichung des Einspeisevorrangs für die Erneuerbaren verlangen werden.
Damit hätte die Konterrevolution gesiegt: Wenn ein Windmüller sein Produkt Strom nicht zu jeder Zeit garantiert über das Netz der Stromkonzerne verkaufen kann, wird er nicht mehr investieren.

Wer heute den Kühlschrank füllt und wer für das Essen auf dem Tisch sorgt - diese Frage eignet sich nicht mehr, um deutschen Konservatismus zu analysieren. Das Energiekonzept der Bundesregierung dagegen schon. (Foto: dena)
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 18 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed








