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Die SPD und die Schildkröte

DER KOMMENTAR:

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Jörg Staude kommentiert bei klimaretter.info den beginnenden Wandel des wiedergewählten SPD-Chefs Martin Schulz zum Ökologen und Klimaschützer.

 
Wie kann man dem Vorsitzenden einer nicht mehr ganz so großen Volkspartei einen glaubwürdigen Imagewandel verordnen? Die  Spindoktoren empfehlen hier, mit einer emotionalen persönlichen Geschichte aufzuwarten.

Also erinnerte man sich bei der SPD an einen Wahlkampf-Besuch von Martin Schulz, dem alten wie neuen SPD-Chef, im Stralsunder Ozeaneum. Das hatte Schulz Mitte August in der Hochzeit des Bundestagswahlkampfes besucht. Die Lokalzeitung berichtete, der SPD-Kanzlerkandidat sei "im Sauseschritt" von einem Aquarium zum nächsten gezogen, verfolgt von einem Pulk aus rund 50 Journalisten und Fotografen, die sich, wie die Zeitungskollegen beobachteten, beim "erbitterten Kampf" um die beste Position "gnadenlos" auf die Füße getreten hätten.

Aber nicht wegen der medialen Arbeitspraktiken kam Martin Schulz auf dem SPD-Parteitag aufs Ozeaneum zurück. Dessen Direktor habe ihm, sagte Schulz mit leicht belegter Stimme, auch eine majestätische Schildkröte gezeigt, von einer Art, die normalerweise sehr alt wird. Die Tiere, gab Schulz das im Ozeaneum Gehörte wieder, würden jedoch Plastik essen, das ihre Mägen trügerisch fülle und vortäusche, sie seien satt. In Wahrheit aber verhungerten die Schildkröten elendig.

Schulz verkündet lang vermisste Grundsatzpositionen

Das menschengemachte Schicksal der Spezies machte es Schulz dann leicht, lange vermisste ökologische Grundsatzpositionen zu verkünden: Wenn wir die Natur zerstören, zerstören wir unsere Lebensgrundlagen. Oder: Ökologische Grundrechte haben den gleichen Stellenwert wie soziale und individuelle Grundrechte. Oder: Der Klimawandel ist die Herausforderung unseres Zeitalters. Oder: Eine intakte Umwelt ist der Prüfstein für die politische Existenzberechtigung der SPD.

Wäre es bei den Allgemeinplätzen geblieben, hätte es der Schildkröten-Part wohl nicht in die Schlagzeilen der Medien geschafft. Schulz räumte aber umweltpolitisch bei der SPD weiter auf und kam auf die Zukunft der Bergbauregionen und der Braunkohle zu sprechen. Wörtlich: "Die Wahrheit ist: Wir wollen die Klimaziele erreichen, und die Wahrheit ist auch, das geht einher mit dem Ende der Kohleverstromung."

Der SPD-Chef sagte dies angesichts auch einer kleinen Demo der Kohlegewerkschaft IG BCE vor dem Tagungsgebäude, mit der Schulz auf die Kohle eingeschworen werden sollte. Doch der ließ sich davon offenbar nicht beirren. Auch die Menschen in der Lausitz und auch Michael Vassiliadis, der bei Demo und Parteitag anwesende IG-BCE-Chef, wüssten das mit dem Ende der Kohleverstromung, sagte Schulz. So nahm der SPD-Chef Ausstiegsgegnern den Wind aus den Segeln. Es sei nicht die Aufgabe der SPD, die Vergangenheit zu konservieren.

Wird die SPD diesen Kurs in den Groko-Gesprächen durchhalten?

So viel klare Anti-Kohle-Rhetorik ist von einem SPD-Vorsitzenden noch nicht zu hören gewesen. Ob dieser Kurs gegenüber der Union in den Groko-Gesprächen durchgehalten wird, muss sich noch zeigen. Einen Wermutstropfen ließ Schulz in seine Kohle-Sätze hineintropfen. Der Umbau des Energiesystems dürfe nicht auf Kosten der Versorgungssicherheit gehen, sagte er.

Dass das Abschalten von Kohlekraftwerken und der Ausbau von Solar- und Windkraft diese Sicherheit keineswegs gefährden, das wird Schulz auch noch lernen. Manche Erkenntnisse reifen ja bekanntlich nur im Schildkröten-, nein, im Schneckentempo.

BildMeeresschildkröten leiden unter der Verschmutzung der Weltmeere mit Plastiktüten, die sie in der Annahme fressen, es seien Quallen. Derzeit stehen 234 der 341 Schildkröten-Arten auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten. (Foto: Clark Anderson/​Wikimedia Commons)

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