Galgenhumor im Umweltressort

DER KOMMENTAR:

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Susanne Schwarz, Redakteurin bei klimaretter.info, über eine wunderliche Mitteilung des Bundesumweltministeriums.

Auf seine absehbar letzten Wochen unter SPD-Führung hat das Bundesumweltministerium seine humorvolle Seite entdeckt. Gemeinsam mit der schwarz-gelben Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat das Ministerium angekündigt, zur Weltklimakonferenz im November in Bonn "Klimaschutz-Lösungen 'made in NRW'" zeigen zu wollen.

Das ist wirklich fast so witzig wie die Kampagne der Berliner Verkehrsbetriebe, bei der das städtische Unternehmen mit frechen Bildern und selbstironischen Sprüchen passend zum Zeitgeschehen wirbt. Zum Beispiel 2016, kurz vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses: "Wählen gehen ist wie mit BVG fahren: nur wer es macht, darf sich anschließend auch beschweren", schrieb die BVG da auf Twitter. Da huscht einem doch unfreiwillig ein Schmunzeln über die Lippen, selbst wenn man gerade einen unverschämt teuren Fahrschein gekauft hat und wegen ausfallender U-Bahnen fluchend im Regen auf einen wahrscheinlich niemals eintreffenden Ersatzbus wartet.

Vielleicht meint das Umweltministerium also eigentlich: "Haha, die Weltklimakonferenz findet dieses Jahr mitten in einem riesigen Braunkohle-Abbaugebiet statt, wo auch Europas zweitgrößtes Braunkohlekraftwerk steht, das noch jahrelang haufenweise CO2 in die Atmosphäre pusten wird, ohne dass wir viel dagegen unternehmen – wir wissen selbst, wie doof das klingt."

Vielleicht ist die Ankündigung aber auch bitterernst gemeint. In seinem Bundesland sei es "längst Tradition, Lösungen für Energieeffizienz und Klimaschutz zu erdenken und umzusetzen", meint der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) pflichtet ihm bei. "Bei der Weltklimakonferenz in Bonn geht es nicht nur ums Verhandeln, sondern auch ums Handeln", sagt sie. "In Deutschland und gerade auch im Energieland Nordrhein-Westfalen gibt es bereits viele überzeugende Konzepte und Projekte, die auch international Schule machen werden."

Warum über die qualmenden Schlote ringsum reden, wenn man doch während der Klimakonferenz auch einen Ausflug zu Betrieben machen kann, die effiziente Heizungen verkaufen und zufällig in Nordrhein-Westfalen sitzen?

Klar, es war zu erwarten, dass die Bundesregierung nicht ausgerechnet mit klimapolitischer Selbstkritik anfängt, wenn die Weltklimakonferenz in Deutschland stattfindet. Aber ein derart plumpes Greenwashing wäre nun wirklich nicht nötig gewesen. Kann man NRW nicht wahrheitsgemäß als spannenden Schauplatz für den anstehenden sozial-ökologischen Strukturwandel vorstellen? Das könnte sogar ein paar längst überfällige Debatten auslösen.

Es fängt schon wieder an: das Großetönespucken, das Deutschland auf internationalem Parkett gern betreibt, während es hier immer noch keinen Termin für den Kohleausstieg gibt, keinen geplanten Zulassungsstopp für Autos mit Verbrennungsmotor – und übrigens auch keine sinnvolle Förderung für alle, die sich diese ganzen effizienten Heizungen kaufen wollen.

Bild Das rheinische Kohlerevier beherbergt dieses Jahr die Weltklimakonferenz. (Foto: Bert Kaufmann/​Flickr)

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