IAA mit Aussetzern

DER KOMMENTAR:

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Joachim Wille, Chefredakteur von klimaretter.info, über die Internationale Automobil-Ausstellung und die ungelösten Fragen der Verkehrswende.

 

Er wird einer der Stars der Frankfurter IAA werden: Der "R50", den der Mercedes-Tuner AMG gebaut hat. Vier Elektromotoren, ein Benzinmotor mit 1.600 Kubik und eine 100-Kilo-Batterie – ein Hybrid-Pkw, mit dem man 25 Kilometer rein elektrisch fahren kann, also vor Ort emissionsfrei.

Ein zukunftsweisendes Auto? Wohl kaum. Der R50 ist ein Rennwagen mit Straßenzulassung, der laut Hersteller "über 1.000 PS" auf die Straße bringt. Ein grün lackierter Klimakiller.

Die Internationale Automobil-Ausstellung IAA war schon immer die Messe der PS-Fans. Größer, schwerer, schneller, so lautet das Motto. Auch in diesem Jahr ist das wieder so, wenn man die ausgestellten Neuheiten betrachtet – die Autos, die man tatsächlich kaufen kann, nicht die "Konzeptstudien" von Batterieautos, die in ein paar Jahren in die Showrooms kommen sollen.

Und das, obwohl die Welt seit der letzten Frankfurter Automesse vor zwei Jahren eine völlig andere ist. Zwei Ereignisse markieren das: Der Weltklimagipfel in Paris, der auch für den Verkehr einen konsequenten Wandel zu "null Emissionen" bis 2050 erfordert.

Und der Diesel-Skandal, der kurz nach der IAA 2015 bekannt wurde. Er zeigt, dass die bisherige Strategie der Autokonzerne ausgereizt ist, PS-Aufrüstung und Umweltschutz in Einklang zu bringen.

Nicht "Paris", aber der Diesel-Skandal scheint nun etwas zu ändern. Plötzlich überschlagen sich die deutschen Autobauer mit Ankündigungen, Batterieautos auf den Markt zubringen.

Motorwechsel überfällig, aber nicht ausreichend

Bis 2020 wollen VW, Daimler und BMW in jeder Modellreihe zumindest eine E-Version anbieten. Daimlers Kleinwagen-Ableger Smart soll dann sogar nur noch mit Strom unterwegs sein. Sie lassen sich damit zwar weiterhin deklassieren, nämlich vom US-Autobauer Tesla, der 2018 seinen ersten bezahlbaren Mittelklasse-Wagen Model 3 auf den Markt bringt. Mit bis zu 500 Kilometern schafft der Wagen vertretbare Reichweiten. Doch immerhin scheinen VW und Co die Zeichen der Zeit nicht mehr durch ihren Tunnelblick wegblenden zu wollen.

Dass die Zukunft des Verkehrs elektrisch sein wird, steht außer Frage. Der Verbrennungsmotor, der Erdöl-Produkte in Treibhausgase verwandelt, hat mittelfristig ausgedient. Ausnahmen könnten Motoren sein, die Synthese-Treibstoffe aus Überschuss-Ökostrom oder nachhaltig produziertes "Biogas" oder Agrobenzin verfeuern.

Was auf der IAA allerdings ausgeblendet wird, ist die Frage, ob ein einfacher Motorwechsel überhaupt reicht, um den Verkehr klimafreundlich zu machen.

Die Autokonzerne versuchen ihr bisheriges Geschäftsmodell zu retten, indem sie nur den Antriebsstrang wechseln. Doch das wird nicht funktionieren. Ökostrom ist zu wertvoll und knapp, um ihn in 46 Millionen meist übermotorisierten und zu schweren Pkw zu verballern, die am Tag im Schnitt eine Stunde genutzt werden und im Rest der Zeit Platz verbrauchen. Denn die Mobilität der Zukunft muss ganz anders aussehen als die heutige, mit weniger Autos, aber mehr ÖPNV, Carsharing, Fahrradverkehr und Zu-Fuß-Gehen.

Das wissen zwar eigentlich alle. Auf der IAA wird es aber kaum diskutiert. Der Kunde soll ja nicht am PS-Glück zweifeln, das er sich beim Autohändler zu kaufen erhofft. "Zukunft erleben" heißt das Motto der Automesse. Das ist Unsinn. Erleben kann man sie hier nicht. Und nicht nur, weil Tesla die IAA zu unwichtig findet, um dort einen Stand aufzubauen.

BildGestandene Männer und ihre geilen Autos: Man könnte darüber lachen, wenn es ihnen nicht so ernst wäre. (Foto: IAA)

Lesen Sie auch unser Dossier: E-Mobilität – Verkehr unter Strom Bild

 

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