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(Strom-)Markt der Verzweiflung

DER KOMMENTAR:

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Jörg Staude kommentiert bei klimaretter.info die historische Null bei der EEG-Förderung von Offshore-Projekten.

 

Anfang 1990, die Mauer war gefallen und das Ost-AKW Lubmin bei Greifswald musste wegen diverser Sicherheitsmängel vom Netz gehen – da hatten einige Stromkonzerne eine pfiffige Idee, wie man die entstandene "Stromlücke" an der Ostseeküste schnell und billig füllen könnte: Man nahm die Baupläne des Steinkohlekraftwerks Staudinger 5 in Hessen und baute die Anlage in Rostock einfach noch mal: Ein besonders preiswertes Double, denn die global eingekaufte Kohle kommt per Schiff direkt ans Kraftwerk, dazu Auskopplung von Fernwärme – günstiger geht's nimmer.

Das Gleiche möglichst oft noch mal bauen – auch in der Strombranche ist das eine beliebte Methode, die Kosten zu senken. Betriebswirtschaftlich spricht man von sogenannten "Losgrößen", und es ist ziemlich egal, ob es dabei um Spielzeug geht, um Autos – oder um Windkraft.

Knapp 1.000 Offshore-Anlagen hat die deutsche Windbranche im letzten Jahrzehnt vor der Küste in den Meeresboden gerammt, pro Mast im Schnitt mit etwas mehr als vier Megawatt Nennleistung, dazu jede Menge Netzanbindungen und Umspannwerke auf See. Jedes Jahr kommen jetzt bis zu 200 Windräder dazu, und zwar deutlich stärkere mit bis zu zehn Megawatt. Mehr, größer und integriert in eine bestehende Infrastruktur – all das wird die Kosten des Windstroms sicher drastisch senken.

Was selbst von der FAZ als "Seewind-Sensation" gefeiert wird, ist jedoch eher eine Flucht nach vorn, und eine ziemlich verzweifelte sogar. Wann, bitte, soll der Null-Förder-Windpark von EnBW in Betrieb gehen? Nicht vor 2025.

Dazwischen liegen mindestens zwei neue Bundesregierungen, die Abschaltung aller deutschen AKWs und, wenn es gut läuft, einiger großer Kohlekraftwerke. Vielleicht fahren auch eine Million stromhungrige E-Autos auf den Straßen herum. Dann könnte sich der Strompreis in Regionen bewegen, dass Offshore-Wind ohne EEG-Zuschüsse auskommt.

Selbst die Vordenker kommen nicht mehr mit

Doch vielleicht kommt es ganz anders: Kohleausstieg erst 2040, Biokraftstoffe statt E-Mobilität und noch mehr Stromerzeuger, die – koste es, was es wolle – ihre alten Anlagen, ob konventionell oder öko, weiterlaufen lassen und den Börsenstrompreis ins Negative drehen. Und die Bürger fangen auch an, per Smartphone den Preisen eine Nase zu drehen. Dann sieht's düster aus für den EnBW-Park.

Allerdings: Warum soll man sich drum scheren, was 2025 sein wird, wenn schon heute niemand wirklich weiß, wohin sich Strommarkt und -preise wirklich entwickeln?

Gewollte (gesetzgeberische) Effekte treten nicht ein, und was eintritt, hat niemand auf dem Schirm gehabt, klagte jüngst der Thinktank Agora Energiewende – was durch das unerwartete Null-Cent-Ergebnis der Offshore-Ausschreibung nun ziemlich drastisch bestätigt wird.

Auf dem deutschen Strommarkt regiert offenbar nicht mehr die Ratio, sondern das Chaos. Da ist es besser, auf Zeit zu spielen. So verschob selbst der Lausitzer Braunkohleverstromer Leag die Entscheidung, ob er nochmal einen neuen Tagebau aufmacht, ins Jahr 2020. Auch dies ist im Kern ein Akt der Verzweiflung, ein Hilferuf an die Politik – sagt uns doch, wo's langgehen soll. Denn der Markt, der richtet es nicht mehr.

Das hat er übrigens, allen Mythen zum Trotz, 1990 auch nicht getan. Das Atomkraftwerk in Lubmin abzuschalten war eine politische Entscheidung, in einem halben Jahr durchgezogen. Dass dabei dieselben Stromkonzerne, die dann das Rostocker Kraftwerk bauten, hinter den Kulissen die Strippen gegen das Ost-AKW zogen, ist aus heutiger Sicht geschenkt. So funktioniert Politik nun einmal. Heute aber funktioniert sie nicht mal mehr so. Das ist schon zum Verzweifeln.

BildKeiner sieht mehr durch beim Strommarkt – und zurzeit findet sich auch niemand, der das Wirrwarr politisch ordnet. (Foto: Schulze von Glaßer)

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